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Das jüdische Echo · 1915-04-30 · 17 (30.4.1915) · p. Seite 134

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
17 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 f)as jüdische Echo Nr. lö und auf die ursprünglich gute Natur des Menschen (Gegensatz: die christliche Erbsünde) drückt der Talmud, der sich überhaupt durch eine freie, oft sehr kühne Denkungsart von dem Habitus der heutigen „Gesetzestreue" abhebt, mit folgendem Wort aus: „Vor allem lerne, sei es um des Studiums selbst willen, oder aus irgend welchem Beweggrunde, — lerne. Denn gar bald wirst du das Studium, aus welcher Rücksicht immer begonnen, um seiner selbst willen lieben." Der jüdische Geist kann nur durch tiefe Beschäftigung mit ihm, nicht durch eine Formel erkannt werden. Es ist ein Geist der Gemeinschaft, der Allmenschlichkeit, welche der „Eine Gott für alle" ausdrückt. Das Ideal der gerechten Gemeinschaft soll durch unsere Tat schon im Diesseits, nicht in einem metaphysischen oder egozentrischen Sinne (etwa „Die Welt in der eigenen Einzelseele zur Einheit bringen") geschaffen werden. Der Mensch ist frei und verantwortlich: „Alles ist in der Hand Gottes, nur die Gottesfurcht nicht." Keine seiner Seelenkräfte, weder die hingebende irrationale Leidenschaft, noch der nüchtern organisierende Rationalismus ist an sich „unheilig" — Ratio und Nicht-Ratio finden ihren Ausgleich, indem sie vereint in den Dienst der Gemeinschaft treten, so wie im Talmud Halacha und Hagada in Eins verwoben sind. Indem der Jude diesen ihm zutiefst angeborenen Zwiespalt eines überstarken Gefühls und einer überklaren Vernunft in der „sozialen Tat" austrägt, erlangt er auch die wahre individuelle Freiheit, durch Freiwerden aller in ihm gebundenen Kräfte. Das Heidentum kennt nur ein Diesseits, stellt sich das Jenseits als Fortsetzung der „Natur" vor. (Die Griechengötter Homers.) Diese Diesseitigkeit ist nur durch die „Angst" vor etwas Unbekanntem, das allem irdisch Bedeutenden grollt, kompensiert. Hier liegt die Wurzel der griechischen Tragödie. — Ebenso sind die indogermanischen „Herrentugenden" (kriegerische Gesinnung, Heldentum, Treue gegen den Mitkämpfer, Unbesonnenheit) nur Verstärkungen natürlicher diesseitiger Eigenschaften. (Imperialismus, naturwissenschaftliche Weltanschauung.) Das Christentum legt dem Diesseits wenige Bedeutung bei und trennt es durch eine weite Kluft, die nur durch ein Wunder, die „Gnadenwahl" überfliegbar ist, vom Jenseits: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Daher auch die irdische Gemeinschaft unwichtig und der Weg zum isolierten Mönchsleben oder Internationalismus frei. Das Judentum hält bescheiden und wenig effektvoll, aber um so tapferer die Mitte ein. Es entscheidet sich für die Schaffung einer „diesseitigen" Menschengemeinschaft, bezieht aber alles durch die Idee der Gerechtigkeit auf Gott. Der Pentateuch ist die Geschichte einer großen Aktion, gegenüber der christlichen Passionsgeschichte; die Geschichte eines erlösten Volkes, nicht einer einzelnen erlösten Seele; die Geschichte, die nur mit dem Ausblick auf das unendliche ferne Ideal, das „gelobte Land" schließt, nicht mit einem „Es ist vollbracht", das nur für die Seligkeit des Einzelnen, nicht der ganzen Menschheit Geltung hat. Das Christentum geht scheinbar weiter als das Judentum, aber nur scheinbar, in Wahrheit ist es das Barock des Judentums, eine gewaltige Expansion, die den festen Boden unter den Füßen verliert. Unser nationales Ideal, das von Imperialismus wie von farblosem Internationalismus gleich weit entfernt ist — ein wahres Humanitätsideal —, können wir nur durch Konzentration des jüdischen, religiösen Geistes auf den' Boden einer urwüchsigen Nationalkultur erreichen. Unser Ideal, die messianische Zeit, in der „alle Völker den wahren Gott anbeten", ist nicht dann schon erreicht (hierin scheint mir die Orthodoxie zu bescheiden), wenn der bloßen F o r m des Monotheismus überall Genüge geschieht, sondern erst dann, wenn der „Geist des Judentums", der Inhalt unserer Religiosität geistiges Allgemeingut geworden ist, der unheidnische und unchristliche Genius des Judentums. j^^^^^^^i^*^^ Professor Dr. Abraham Berliner erblickte im Jahre 1833 in dem Städtchen Obersitzko in Posen das Licht der Welt. Sein Vater, Hirsch Berliner, der den Knaben im Studium der Tora und in den profanen Wissenschaften unterwies, war staatlich angestellter Lehrer in Obersitzko. Abraham Berliner zeichnete sich schon im jüngsten Kindesalter durch seltene Gottesfurcht aus. Als ihn sein Vater einmal aufforderte, sich auf den Stufen vor der heiligen Lade des Gotteshauses zu setzen, weigerte sich der damals Dreijährige, indem er sagte: „Nein, hier kann ich mich nicht setzen, denn hier ist Gottes Ort!" Als Knabe zeigte er großen Fleiß und Ausdauer in seinen Studien. Seine Gedächtniskraft machte ihn zu einer „Kalkgrube, die keinen Tropfen durchläßt". Schon zur Zeit seiner Reifeprüfung lernte er den Ernst des Lebens kennen. In seinem siebzehnten Lebensjahr starb sein Vater und mit ihm sein Lehrer und Ernährer. So war er schon als junger Mensch gezwungen, nicht nur für sich, sondern auch für seine Mutter und seine Familie, deren einzige Stütze er war, zu sorgen. In einigen Monaten machte er die Lehrerprüfung und so gelang es ihm, die Stelle seines Vaters übernehmen zu dürfen. Aber über seinem Lehrerberuf vergaß er nicht seine Lieblingsstudien. Zu jener Zeit unterrichtete ihn Michael Struck (der Großvater Hermann Strucks) in den jüdischen Wissenschaften. Später gab er ihm seine Tochter zur Frau, die ihm eine liebevolle Lebensgefährtin bis zu ihrem Tode (19Ü4) war. 1858 wurde Berliner Rabbiner in Arnswalde. Hier hatte er reichlich Gelegenheit, sich in seine Quellenstudien zuvertiefen. Die Frucht dieser Studien war das Buch

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