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Das jüdische Echo · 1915-04-25 · 16 (25.4.1915) · p. Seite 131

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
16 (25.4.1915)
Date
1915-04-25
Page
Seite 131 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16 Das Jüdische fcchö 131 drig gewachsener Jude, ein Spätling der alten Belser, unter der Stadt spazieren. In ihren jungen Jahren waren sie einander feind, todfeind. Reb Schachne kommandierte die Kotzker gegen die Belser und Reb Serach — die Belser gegen die Kotzker! Heute, in ihrem Alter, da die Kotzker „nicht mehr das sind, was einmal" und auch die Belser ihr Feuer verloren haben, haben sie beide ihre Parteien verlassen, sind heraus aus dem Stübchen, wo schwächere Chassidim, aber jüngere und stärkere Menschen die Führung übernommen haben. Im Bes-Hamidrasch, zur Winterszeit, beim warmen Ofen, haben sie Frieden geschlossen. Und jetzt, in den Halbfeiertagen von Pessach, am ersten schönen Tage, gehen sie beide spazieren. Die Sonne scheint am weiten blauen Himmel, aus der Erde springen die jungen Qräschen, man sieht förmlich, wie bei jedem Gräslein ein Engel steht und darauf schlägt: „Wachse, wachse!" Vögelscharen schweben umher und suchen ihre vorjährigen Nester — und Reb Schachne beginnt zu Reb Serach: „Kotzker, verstehst du — echte Kotzker, mein' ich — von den heutigen kann man nicht sprechen — aber echte alte Kotzker halten gar nicht so viel von der Hagadah--" „Mehr von den Knödelchen," lächelt Reb Serach. „Ueber die Knödel," antwortet Reb Schachne ernst, „lach' nicht! Weißt du das Geheimnis des Ausspruches: Du sollst den Knecht nicht an seinen Herr ausliefern?" „Mir," sagt der Belser mit stolzer Bescheidenheit, „genügt es, die Andachtsübungen des Betens zu kennen." Reb Schachne macht sich nichts hören und fährt fort: „Der Wortsinn ist doch gewiß einfach. Wenn ein Knecht, ein Diener, ein Bauer davonläuft, darf man ihn — nach der Thora — nicht fangen, nicht binden und nicht dem Herrn wieder ausliefern. Gewiß! Wenn ein Mensch schon entlaufen muß, kann er's doch nicht aushalten — das gilt schon als Lebensgefahr! Aber die geheimnisvolle Erklärung1) ist auch ganz einfach. Der Körper ist als der Diener gemeint — er ist der Knecht der Seele. Der Körper ist der Begehrende; er sieht in einem Schweinebraten, lockende Genüsse — weiß ich was alles — will er aus der Haut fahren — sagt aber die Seele: „Nein!" muß er schweigen. Will aber umgekehrt die Seele ein Gebot erfüllen — muß der Körper folgen, mag er müde sein, zerschlagen — müssen die Hände arbeiten, die Füße laufen, der Mund sprechen — — Warum? Der Herr, die Seele, befiehlt. Und darum heißt es: Du sollst nicht ausliefern! Den Körper der Seele einfach preisgeben, soll man auch nicht. Die feurige Seele würde ihn sonst verbrennen, in Asche verwandeln. Und hätte der Weltschöpfer Seelen ohne Körper gewollt, dann hätt' er doch keine Welt geschaffen! Und darum hat der Körper auch seine Rechte . . . „Wer zu viel fastet, wird ein Sünder genannt." Der Körper muß sich ernähren. Wer fahren will, muß das Pferd füttern. Weiter: Kommt ein Feiertag, ein Tag der Muße — freu' dich auch! Mach' dein Schlückchen Branntwein, Körper, freu dich auch! Die Seele hat Genuß und der Körper auch — die Seele am Segenspruch, der Körper — am Trunk. Pessach kommt, unser *) Die Chassidim unterscheiden wie schon manche Talmudisten und übrigens viele ähnliche Mystiker anderer Völker einen wörtlich-symbolischen Sinn des Schriftwortes. Befreiungsfest — komme auch, Körper, nimm deinen Knödel! Und er wird wirklich dadurch gehoben, erhöht! Er kommt dadurch zur Freude an der Gotteserfüllung! — Ueber die Knödelchen, Bruder, lach' nicht!" Reb Serach gesteht, daß die Sache in die Tiefe geht und sich hören läßt. Er aber darf Geweihtes überhaupt nicht essen. „So hast du Genuß an den Mazzos." „Wer hat Mazzos, sich daran zu sättigen?" lächelt Reb Serach. „Und wenn schon, wo nimmt man die Zähne dazu?" „Und wie erfüllst du denn das Gebot: „Du sollst dich an deinen Festen freuen" in bezug auf den Körper?" „Weiß ich's? Vielleicht schmeckt ihm Rosinenwein — ist's fertig. Ich selber hab' einen mächtigen Genuß an der Hagadah. Ich sitz' und sag', zähl' und verdopple sie und wiederhole sie wieder —" „Grob!" „Grob? Für so viel Leiden und harte Qualen? —• Für so lange Zeit Verbannung der Schechinah?2) — Ich meine, man sollt' einen Brauch einführen, daß man siebenmal die Plagen aufzählt, siebenmal „Gieße deinen Grimm aus!" Das Wichtigste, die Plagen, ich erquicke mich an ihnen. Ich wollt' bei den Plagen auch noch die Tür öffnen . . .3) Sollen sie 's hören? Was hab' ich Furcht? — Versteht sie denn Hebräisch?" Reb Schachne schweigt eine Weile, dann beginnt er eine Geschichte: „Hörst du, bei uns hat sich einmal folgendes ereignet. Ich will nicht übertreiben, es war etwa im zehnten Haus vom Rabbi gesegneten Andenkens, da wohnte ein Fleischhauer. Ich will keine Sünde sprechen — er ist schon in der Welt der Wahrheit — ein grober Fleischhauer, ein Fleischhauer in höchster Potenz! Einen Nacken wie ein Stier, Augenbrauen wie Borsten und Hände wie Baumklötze! Und erst die Stimme! Wenn er redete, konnte man meinen, es donnert von ferne, Militär schießt. — Ich glaube"— er ist ein Belser Chossid gewesen." „Nu, nu . . ." murmelt Reb Serach. „Bei meinem Leben," antwortet Reb Schachne kaltblütig. „Er pflegte mit seltsam milden Geberden zu beten, mit allerlei Oberstimmen und Unterstimmen. Manchmal mochte man glauben, es kämpfe da Feuer und Wasser." „Verzeihung, Verzeihung." „Jetzt stell' dir erst das Lärmen vor, wenn so ein Junge sich zur Hagadah setzt! . . . Jedes Wort hört man in des Rabbi Stube! Gewiß — ein Fleischhauer, setzt er sich dazu wie ein Fleischhauer! Lacht man rings um den Tisch. Nur der Rabbi hat kaum mit den Lippen gezuckt. Man sieht doch deutlich, wenn er lächelt . . . Später aber, als der seltsame Patron die Plagen aufzuzählen begann, als sie ihm aus dem Munde flogen wie die Kugeln, als er dabei noch den Tisch wie mit einem Hammer bearbeitet, als man das Klingen der Becher hörte — da ist der Rabbi gesegneten Andenkens in Wehmut und Trübnis versunken ..." „In Trübnis — am Festtag — am Pessach? — Was sprichst du?" 2) Viele Juden haben die Vorstellung, daß mit der Zerstreuung des jüdischen Volkes auch die Schechinah, das ist die göttliche Herrlichkeit, mit ins Exil gegangen sei. 3) Beim Gebete der Hagadah: „Gieße deinen Grimm aus" wird bekanntlich die Türe geöffnet.

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