Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 16 (25.4.1915)
- Date
- 1915-04-25
- Page
- Seite 129 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Das Jüdische Echo 129 die durchbrechen wollten, um die Majestät des Volkes zu schauen. Das erste Kompromiß dieses Kampfes war in der Methode der Realismus und in der Sache die dichterische Verliebheit in das arme, darbende, unter Entbehrungen und Kleinlichkeiten doch so rührende Volk. Und es ist nur begreiflich, daß diese Verliebtheit oft und immer öfter die realistische Form druchbrach und ihn über die soziale Kleinmalerei hinaus zu erschauenden Gemälden von Menschen- und Volksseelen führte. Zu Gemälden von einer unübertrefflichen Geschlossenheit der Komposition und ihrem Sinne nach phantastischem Zuge bis hart an die Grenzen der Unendlichkeit reichend. Kein Wunder, daß je weiter eine solche Schöpfung auf der angedeuteten Linie war, ihre Wirkung auf das Volk desto stärker wurde. Darum ist ja z. B. die seltsame Geschichte von .,Bonze Schweig" ein Volkskleinod geworden, das nie vergessen werden wird, solange jüdische Herzen schlagen werden. Aber die Berufung Perez' war auch damit nicht erschöpft. Der Kampf zwischen Erde und Himmel mußte zu Ende gefochten werden. Sein wunderbares „Wenn nicht noch höher" mußte an ihm selber zur Wahrheit werden. Es mußte die Zeit kommen, da ihm die Schuppen ganz von den Augen fielen und das Volk vor ihm dastand, nicht mehr ein zufälliges Menschenaggregat, mit dessen einzelnen Bestandteilen man manchmal Mitleid hat, oder an deren Freude man sich manchmal mitfreut, sondern als ein großes Wesen zwischen Natur- und Weltgeschichte, mit einem eigenen Walten, das irgendwoher aus der Ewigkeit kommt, und irgendwohin in die Endlichkeit eingeht, als ein einzigartiges Gotteskunstwerk. Da ihn die Forderung packte, daß dieses Volkes Sein nicht mehr sinnlos zersplittert sein dürfe, da ihm die Sehnsucht nach Vollisrael, nach dem unzersplitterten, unzerweichten, unzermürbten, nach dem ganzen Juden keine Ruhe mehr ließ, bis sie, ihn ausfüllend, sein Schaffen fast ausschließlich bestimmte. Und so entstanden seine chassidischen Geschichten. Alles was in der werdenden chassidischen Bewegung, aber auch in ihren Ausläufern an Seelengröße der Einzigen und der Massen, an organisierender Kraft, an religiöser Fruchtbarkeit und Aktivität — diese zwei, die vornehmsten Tugenden des Chassidismus — zu finden war, verdichtete er zu einem Gesamtbilde von einer plastischen Macht ohnegleichen. Seine Gestaltungsglut schuf den großen chassidischen Rabbi in „Di goldene Kejt", der einen neuen Typus der Juden, eine Art Ueberjuden, den „sabbatlichen", den „feiertägigen", den Juden „mit der Ueberseele" („neschomo jessejro") haben, der am Sabbatausgang nicht Hawdole machen wollte, damit der Sabbat nicht aufhört; schuf den sanften, leuchtenden Rabbi, der am Simchas-Thorafeste vom Balkon aus mit einem Sange seine Juden den Weg zu Gott führt; und gab ihm eine zweite Vollgestalt, einen zweiten Ueberjuden zum Widerpart, den großen antichassidischen Rabbi, den ehernen, den harten, den unpersönlichen Anwalt Gottes in seinem Volke. Mit den chassidischen Geschichten tief verwandt sind die volkstümlichen Geschichten, in denen der Schwerpunkt vom Einzigen und seiner Tat in das Milieu verlegt wird, aus dem der Einzige hervorgeht und seine Kraft zieht. In tausend Quellen fließt aus allen diesen Legenden die sehnende, die bildende, die bildnernde Seele des Volkes dem Leser zu, und eine Ahnung, nein mehr, ein Wissen, überkommt ihn, um die große Einheit, die alle diese Quellen speist, und vielleicht auch, wenn er feinfühlig ist, eine tiefe innige Ueberzeugung, daß wir wieder am Vorabend sind, daß morgen der Sabbath ist, an dem sich der in den Tiefen flutende Geist des Volkes zu neuer Tat kristallisieren, zu einem mächtigen Dome wölben wird. Und darum irren auch alle die Leute, die da Perez' letzte und größte Phase als Romantik erklären zu können glauben: Der alte Fehler aller, die sich weise dünken, wenn sie das Ausnahmsvolk Israel unter einen Hut mit allen anderen gebracht haben. Romantik . . nein! Und noch weniger natürlich ein zufälliger Griff in ein neues Stoffgebiet. Nein! Nicht Romantik, nicht Stoffglück, sondern Ausschau, Ausschau in die Ewigkeit und ihre wichtigste Endlichkeitsprojektion, in die Zukunft. Nichts lag Perez ferner, als Festlegung auf die Vergangenheit und Abhängigkeit von Zufall. Das widersprach schon seiner ganzen Persönlichkeit. Nie werde ich, glaube ich, ein Gespräch vergessen, das ich mit Perez in dessen Hause führte und das bei gemeinsamen Ausgehem im Stiegenhause seinen Abschluß fand. Es war eine Weltausschau, die sich vor meinen staunenden und, warum soll ich es verhehlen, auch zustimmenden Blicken eröffnete. Aber mir fehlte noch das letzte Wort, der Entschluß zur letzten Konsequenz, zumindest im Theoretischen. Und auf der Treppe stehen bleibend, stellte ich noch in zweifelndem Lauern die entscheidende Frage an ihn. Da blieb auch er stehen und warf mir mit dem jubelnden Mute, den nur die großen Sieger und Selbstbesieger haben, den letzten Fetzen seiner einstigen Haskolo-Fahne vor die Füße. Nach dem Gesagten erübrigt sich fast, zu erwähnen — so zwingend folgt es daraus —, daß Perez über die reichsten Mittel verfügte, um seine Bildervvelten aufzubauen. Vor allem, was das Sprachliche betrifft. Er verstand es, aus seinem Jiddisch die alte gott- und glanzerfüllte Kultur des jüdischen Volkes prunken und schimmern zu lassen, ohne ihm den Reiz seiner Jugend, Volkstümlichkeit und Lebensunmittelbarkeit zu nehmen. Er wußte es Natur und Poesie zugleich atmen zu lassen. Er ließ die Sätze wie Kaskaden stürzen, wie Bäche rieseln, wie Seide knistern, und wie Blöcke plumpsen: je nachdem es die jüdische Seele verlangte. Nebensächlich, daß Perez wenig Lyriker und Dramatiker nicht im angenommenen Sinne war. Nebensächlich, daß er seine Hauptform in der Erzählung fand. Nebensächlich, daß sich die Stimmung in seinen Erzählungen und Dramen wie ein feiner Duft aus unbekannten, aber sicheren Welten um die Fabel der Dichtung wob. Nebensächlich alle diese Feststellungen im Einzelnen. Denn alles dies verschwindet dagegen, daß er der einzige Dichter unserer Zeit war, dem das jüdische Volk in seinem innersten Zusammenhange vor Augen stand, der einzige dichterische Weltenbauer Israels. Und alle Trauer um ihn gipfelt in der größten Klage, daß uns in dem Vierundsechzigjährigen ein Junger starb, ein junger Baumeister, der mit seinen Werken noch immer höher und höher gewachsen wäre. Daß sich mitten in seinem neuen Jünglingsschauen seine Augen schließen mußten . . .