Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-04-25 · 16 (25.4.1915) · p. Seite 128

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
16 (25.4.1915)
Date
1915-04-25
Page
Seite 128 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9114948--00303-9073130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

12-* Das Jüdische Echo Nr. 1G Was sich eine Behörde leistet ist einem „amtlichen" Communique, abgedruckt am Charsamstag in der „Grazer Tagespost", zu entnehmen: „In der letzten Zeit wurde die Wahrnehmung gemacht, daß eine neuerliche Steigerung der Eierpreise eingetreten ist. . . Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Preissteigerung auf größere Aufkäufe zu spekulativen Zwecken und betrügerisches Vorgehen gewissenloser Elemente zurückzuführen ist. Namentlich gaüzische Flüchtlinge jüdischen Bekenntnisses sollen (!) den l.andleuten Geflügel unter allerlei Vorspiegelungen abkaufen .." Zu solchen Verdächtigungen entschließt sich ein Amt. Im Volk spukt das RUualmordmärchen In Olmütz wurde ein Flüchtling, Herr Perlrnann, unter dem Verdacht, ein Dienstmädchen umgebracht zu haben, verhaftet. Doch konnte man es bald frisch und munter wieder auffinden. „Seine Anhaltung", schreibt das „Mährische Tagblatt'', „war nur erfolgt, um einer Kollusionsgefahr vorzubeugen." Diese wenigen Proben mögen genügen. Es ist widersinnig, wenn die Judenheit in Deutschland nach den bisherigen Meldungen annimmt, daß nur bei unsern Feinden der Antisemitismus im Schwange sei, nein, der eigene Bundesgenosse züchtet ihn heute in Reinkultur. Wie werden sich darob die Russen und ihre Verbündeten freuen! N.W. PEREZ Von Dr. Nathan Birnbaum. Gewiß ist nur der ein Künstler, der etwas schaffen kann. Aber das Künstlertum reicht doch viel weiter zurück, es entscheidet sich schon im Schauen. Wer gar nicht schauen kann, so wie ein Künstler schauen soll, wird auch nicht schaffen. Wer nur schwach und wenig schaut, wird nur Schwaches schaffen. Wessen Schauen stark und reich ist, der gibt, wenn nicht anders durch einen grausamen Zufall seine darstellenden Möglichkeiten verkrüppelt sind, der Welt die starken und die großen Werke. Alles Schauen kommt aus der Ewigkeit, betätigt sich jedoch in der Endlichkeit, als ins Räumliche gewendete Anschauung und ins Zeitliche gewendete Ausschau. Und zwar sind diese beiden Elemente in allen Schauenden vorhanden, aber in jedem Einzelnen in besonderen Dosierungsverhältnissen. Im ganzen und großen gibt es Schauende, in denen das Anschauungs-, und andere, in denen das Anschauvermögen überwiegt. Dem jüdischen Genius entspricht mehr die zweite Kategorie, daher gehören jüdische Schauende meist zu ihr. Und je größer ein jüdischer Schauender ist, desto vollkommener und gewaltiger bringt er sie zum Ausdruck. Aus dem Wesen ihrer Kategorie erklärt sich auch die Art, wie sich die Persönlichkeit und die Bejahung der jüdischen Schauenden offenhart, und zwar wieder umso ausgesprochener und deutlicher, je größer Persönlichkeit und Begabung sind: Im Anfang ein ungeschicktes, unbeholfenes Tasten aus einer Wolke von Vergangenheit und Gegenwart heraus, eine naive Bemühtheit, mit dem anschauenden Teile seines Könnens etwas zu leisten und eine vollkommene Ahnuntrslosigkeit gegenüber dem reichen, aber noch nicht entdeckten Schatze an Ausschaukraft. Ein „heimlicher Kaiser", aber einer, der selbst nicht um das Geheimnis weiß und sich freut, ein Duodezfürstlein zu sein. Aber es kommt die Zeit und aus den dunklen verschleierten Tiefen taucht wie plötzlich ein Strahl auf, zuerst wie ein Faden so dünn, dann immer stärker und stärker werdend, bis er mit Sonnenmacht hervorbricht. Die Persönlichkeit und ihr Werk in gleißende Helle taucht, so daß sie sich selbst erkennt, und von aller Welt erkannt wird. Bis kein Zweifel mehr ist, daß dem Volk ein großes Glück widerfuhr, daß ihm aus seiner Mitte wieder ein Mann erstand, dem der Weg aus dumpfen, wolkenüberbrüteten Erdentreiben in jene Höhen vorgezeichnet ward, allwo die große Ausschau ist. Und wieder gilt: Je größer eine Persönlichkeit und ihre Begabung, desto vollkommener und gewaltiger die Offenbarung. Ein Beispiel ist -- P e r e z. Jizchok Lejb Perez, — am Lag-Boimar 5611 (25. Mai 1851) als Sohn dem Mittelstande angehöriger Eltern in Zamosc in Polen geboren — genoß eine altjüdische Erziehung in bestem Sinne des Wortes und las später eifrig modern-hebräische und deutsche Literatur. Im Jahre 1876 wagte er sich zum erstenmal mit hebräischen Gedichten an die Oeffentlichkeit, die aber keinen Lindruck hinterließen. 1886 kam er wieder mit hebräischen Skizzen und einer hebräischen Dichtung heraus und fand schon mehr Beachtung. Ein gewisses Aufsehen aber erregte er erst mit einem größeren jiddischen Gedichte „Munisch", das 1888 in der von dem Humoristen Schülern Alejchem herausgegebenen „Jüdischen Volksbibliothek" erschien. Den Erfolg hatte er wohl hauptsächlich dem Spotte zu verdanken, mit dem er die antierotische Erziehungsweise der altgläubigen jüdischen Bevölkerung bedachte, und dem kurzweiligen Roman des Helden, des jungen, hoffnungsvollen Talmudisten Munisch, mit irgend einer Marie. Das war nämlich Wasser auf die Mühle der europagierigen ostjüdischen „Maskilim". Wie ja überhaupt Perez in jener ganzen ersten Periode seines Schaffens nur durch die eigenartige Gemiitsinnigkeit, mit der er selbst an allen den von ihm in den Grund disputierten Dingen haftete, über die „Haskolo" hinausging. Leitete er ja noch im Jahre 1890 den ersten Band der von ihm und seinem Freunde Diene söhn herausgegebenen „Jüdischen Bibiothek" mit einem Artikel „Bildung" ein, in dem folgende bezeichnende Stelle vorkommt: „Wir wollen das Volk bilden, aus Dummköpfen kluge Leute, aus Fanatikern gebildete Menschen, aus Müßiggängern Arbeiter, nützliche, ordentliche Menschen machen, die für sich arbeiten und damit auch der Allgemeinheit Vorteile bringen." Mit primitiveren Mitteln, um kein härteres Wort zu sagen, kann man wahrlich nicht an das Lebens- und Geistesproblem eines uralten Volkes mit einer uralten und ureigenen differenzierten Kultur herantreten. Perez hatte eben damals noch keine Ahnung von dem Geschichtsorganismus eines Volkes überhaupt und dem Israels insbesondere, hatte noch keine Ahnung von sich selbst, von der ausschauenden Kraft, die m ihm ruhte. Aber langsam und allmählich kam es über ihn und aus ihm heraus: Heiß und lang war der Kampf zwischen der harten, aufklärerischen Diktatorkruste und den Innigkeiten seines Wesens,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.