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Das jüdische Echo · 1915-04-16 · 15 (16.4.1915) · p. Seite 121

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
15 (16.4.1915)
Date
1915-04-16
Page
Seite 121 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 121 Die Juden in Polen Von Dr. phil. Sonja Rabinowitz, München. (Fortsetzung.) Die Bildung der Juden in Polen trägt ebensolchen national eigenartigen Charakter wie ihre Sprache. Die Zahl der des Lesens Kundigen unter den Juden m Rußland und Polen zusammen (die Verhältnisse sind darin ziemlich gleich) beträgt 38 9 Prozent gegenüber den 19 Prozent lesekundiger Russen, 32,1 Prozent Polen und 70,6 Prozent bis 84 Prozent Deutschen. Also auf 100 Juden kommen 38,9, auf 100 Russen 19, auf 100 Polen 32 1 Lesekundige. Unter 100 jüdischen Männern gibt es 49,4, unter Frauen nur 28,9 Lesekundige Interessant ist die Gegenüberstellung des Alters der Lesekundigen und der Bewegung der Bildung. Die Ziffern zeigen, daß die Bildungsbewegung bei den Russen rasch vor sich geht, während die Zahl der jungen lesekundigen Juden und Polen geringer als die Zahl der älteren Lesekundigen ist. Das beweist nur, daß während 1885—1897 die Bildung der Russen gefördert, der Polen und der Juden nicht nur vernachlässigt, sondern direkt gehemmt wurde, indem die Regierung keine öffentlichen Schulen baute und die privaten an ihrer Entwicklung und Ausbreitung hinderte. So sehen wir, daß laut der offiziellen Statistik in Rußland und Polen beinahe ein Drittel der Männer und zwei Drittel der Frauen ohne Elementarbildung sind. Die Ziffern muß man aber mit Vorbehalt benutzen. Man muß berücksichtigen, daß viele Juden auf die Frage der amtlichen Statistik, ob sie lesen können, mit „nein" geantwortet haben, obgleich sie der hebräischen oder jüdischen Schrift kundig waren, und zwar weil sie meinten, die Frage bezöge sich nur auf russisch oder polnisch. Die Stätte, wo sich die Juden in Polen die Elementarbildung aneignen, ist zumeist die Chedarim und Talmud-Thora-Anstalten. Laut der Enquete, die die „Jca" veranstaltete,1) gab es 1904 in Polen 1810 Chedarim und 70 Talmud-Thora-Anstalten; insgesamt 1880 Bildungsstätten. Die durchschnittliche Zahl der Schüler in einem polnischen Cheder betrug 15, in einer Talmud-Thora-Anstalt 37,2. Die Zöglinge bestehen in einer Talmud-Thora-Anstalt ausschließlich, in einem Cheder fast nur aus Knaben. Nach der Untersuchung der „Jca" besuchten 69 Prozent der jüdischen Knaben in Polen und Rußland im Schulalter den Cheder. Die Zöglinge rekrutierten sich aus allen Ständen, zumeist aus der Mittelklasse und dem Handwerkerstande. Interessant ist die Berechnung der Kosten für die Schulbildung. Nach den Ergebnissen der Enquete beträgt das Schulgeld in einem Cheder 18—25 Rubel pro Semester, ein hoher Betrag für einen jüdischen Kleinhändler oder Handwerker. _ , . Der pädagogische Wert der meisten Chedarim ist sehr zweifelhaft. Die Hälfte der Lehrer rekrutiert sich aus früheren Handwerkern, Händlern usw. . ' , Die physischen Bedingungen sind geradezu schrecklich. Oft dient die Chederstube zugleich als Küche, ja sogar als „Schlafzimmer für den Lehrer und seine Familie. Die tägliche Unterrichtszeit ist unbeschränkt, sie hängt von person- *) Materialien zur ökonomischen Lage der Juden in Rußland, St. Petersburg 1904. licher Vereinbarung zwischen dem Lehrer und den Eltern der Schüler ab. Der Unterricht dauert von 9—12 Uhr vormittags und von 3—6 Uhr nachmittags; manchmal sogar bis 8 Uhr abends. In dem letzten Jahrzehnt sind allerdings von der „Jca" und verschiedenen jüdischen Organisationen (zionistischen, der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden usw.) eine ganze Reihe von sogenannten „Reformchederim", wo auch Hebräisch nach der Berlitz-Methode unterrichtet wird, gegründet worden. Diese Schulen können als musterhaft in pädagogischer Beziehung bezeichnet werden; leider gibt es ihrer viel zu wenig, da ihrer Errichtung nicht nur Mangel an Mitteln, sondern auch Hindernisse seitens der Schulbehörde im Wege stehen. Gymnasialbildung haben unter den Juden weniger als unter den Polen, da nach dem Erlaß des Kultusministers Deljanow von 1887 die Zahl der jüdischen Gymnasial- und Realschüler nur höchstens 10 Prozent der christlichen betragen darf. Daß die 10 Prozent erreicht werden, ist selbstverständlich; viele jüdische Knaben werden abgewiesen. Was die Universitätsbildung betrifft, so sind auch dieser durch das Gesetz von 1886 Schranken gesetzt; in Petersburg und Moskau dürfen die jüdischen nur 3 Prozent der christlichen betragen, in Kasan, Charkow, Dorpat, Tomsk 5 Prozent, in Warschau, Kiew, Odessa 10 Prozent. Daß nicht alle jüdischen Abiturienten in Polen, in Rußland studieren können, beweist die große Zahl der im Ausland studierenden polnischen Juden. Der Verteilung der Juden auf Land und Stadt entsprechen ihre physischen Eigenschaften. Die Untersuchungen, die Dr. T o 1 w i n s k i angestellt hat,2) beweisen, daß die Juden einen engeren Brustkorb als die Polen haben. Sie geben den größten Prozentsatz der Rekruten, bei welchen der Umfang des Brustkorbes bedeutend kleiner als die Hälfte der Körpergröße ist. (Schluß folgt.) Zeitungs-Echo Die Wiener „Neue National-Zeitung" schreibt in ihrer Nummer vom 7. April: „Wenn wir unter den jetzigen Verhältnissen den wunden Punkt der polnisch-jüdischen Beziehungen berühren, so tun wir dies in Ausübung einer ernsten publizistischen Pflicht, die wir unserem Volke gegenüber haben: wir wollen die jüdische Bevölkerung und die jüdische öffentliche Meinung vor einem allzu großen Optimismus gegenüber den Polen warnen. Die polnischen Wortführer können leicht von sich jede Verantwortung für die furchtbaren Pogrome, die während des Krieges seitens des polnischen Pöbels an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden, und die Brandes, bisher ein leidenschaftlicher Freund Polens und seiner Vergangenheit, in mehreren Artikeln geschildert hat, von sich abstreifen oder auf die antisemitische Propaganda der Nationaldemokraten wälzen. Allein der Polenklub in der Duma bildet doch eine nationale Repräsentanz, in der die Nationaldemokraten keinen Einfluß haben; und dieser Polenklub war es, der 2) Die physische Entwicklung der Bevölkerung des Kreises Lubartow auf Grund von Rekrutenmessungen im Laufe von 12 Jahren. Warschau 1902 im III. Band der Veröffentlichung „In unseren Angelegenheiten".

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