Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 15 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 120 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9114947--00294-9073121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
12Ü Das Jüdische Echo Nr. 15 anheimgestellt, zum Feldgottesdienst nach Comines zu gehen. Ich lief eine Stunde weit und traf da viele Bekannte. Es mögen etwa 200 Soldaten verschiedenster Waffengattungen versammelt gewesen sein. Für den Gottesdienst war ein Kaffeehaus von der Militärbehörde zur Verfügung gestellt. Dicht gedrängt scharten wir uns Soldaten um unseren Feldrabbiner Dr. Bärwald. Zuerst der Gottesdienst! Es war alles sehr andächtig. Mit mehreren trauernden Soldaten konnte ich zum ersten Male für meinen Vater draußen das Kaddisch sagen. Nun ging's zum Seder, der ziemlich rasch von statten ging, da wieder viele Soldaten vor in die Front mußten. Ein lSVsjähriger Freiwiliger sagte das Mah nischthanoh. Es wurden die Gebete gesprochen und die Sederkost verabreicht. Jeder bekam ein Stückchen Mazzoh, ein Ei, Lattich und Apfel. Sodann hielt Herr Rabbiner eine ergreifende Ansprache, die so manchen an die heimatliche Scholle und die Lieben zurückdenken ließ. Es wurde .,gebenscht", Hallel gesagt und jüdische Lieder erklangen. Zigarren und jüdische Zeitschriften wurden zuletzt verteilt und um 9 Uhr war die Feier, an die ich oft zurückdenken werde, und die ein ewiges Andenken für mich bleiben wird, beendet. ... W. Von dem Gefangenenlager Puchheim wird uns berichtet, daß dort ca. 200 russische jüdische Kriegsgefangene interniert sind. Sie hofften, zu Pessach einen Gottesdienst abhalten zu können oder eine Synagoge, begleitet von jüdischer Bewachungsmannschaft, besuchen zu dürfen, und waren sehr enttäuscht, als sich die Unmöglichkeit dazu herausstellte. Die Kultusgemeinde München schickte Mazzes, die mit mathematischer Genauigkeit verteilt wurden. Das Verlangen nach jüdisch-deutscher Lektüre ist groß. Verschiedene Gefangene, die früher im Lager Lechfeld waren, haben Gebetbücher mitgebracht, die in ausgiebiger Zahl s. Z. von Rabbiner Dr. Grünfeld in Augsburg verteilt worden waren. Das Eintreffen einer jiddischen Zeitung, die durch Vermittlung unserer Redaktion nach Puchheim kommt, bildet, wie man uns erzählt, das Tagesereignis. Die Nummern gelangen durchs ganze Lager von einer Hand in die andere. Auch „das Jüdische Echo" wird von denen, die deutsch können, gerne gelesen. Eine kleine Anzahl von jüdischen Gefangenen wird im Bureaudienst verwendet. Sie werden wegen ihrer Sprachkenntnisse, die sie für Dolmetscherdienste verwendbar machen, sehr geschätzt und bewähren sich gut. Zur Lage der jüdischen Kolonisten in Galiläa Der aus Palästina kürzlich eingetroffene Lehrer Mayer K a t z, der in den letzten fünf Monaten in Galiläa weilte, gab einem Redakteur des Jüdischen Tagblattes „Unser Leben" folgende Auskünfte über die dortigen Verhältnisse: Unsere Brüder in Galiläa haben unter den Weltereignissen in jeder Hinsicht, sei es in ökonomischer, sei es in politischer Beziehung, am wenigsten gelitten. Herr Katz erklärt dies damit, daß die galiläischen Kolonien von Ackerbau leben und selbst Brot und Gemüse erzeugen. Plantagen sind fast keine vorhanden. Die Broterzeugung ist vom Weltmarkt unabhängig, alles wird im Lande verbraucht, so daß die Einstellung des Verkehrs auf die galiläischen Kolonien keine schädliche Wirkung hatte, Während die Kolonien in Judäa schwer unter dem Mangel an Lebensmitteln zu leiden haben — selbst Brot findet sich dort nur in beschränktem Maße —, sind bloß in den beiden Kolonien des Nationalfonds Dagania und Kinereth (von Merchawjah abgesehen) sehr große Getreidevorräte vorhanden. Selbstverständlich befinden sich nicht nur in den beiden Kolonien, sondern auch bei privaten Kolonisten beträchtliche Mengen von Getreide, so daß eine Hungersnot in Galiläa nicht zu befürchten ist. Die Mitteilungen in den Zeitungen, daß die Regierung Getreide und Mehl requiriert habe, bezieht sich nicht auf Galiläa. Nur in Tel-Adass bei Haifa hat die Regierung ein Getreidemagazin versiegelt, ohne demselben aber Getreide zu entnehmen. Es ist aber zu erwarten, daß sie auch dieses Siegel in Kürze abnehmen wird. Davon abgesehen, ist in Galiläa bisher keine weitere Requisition vorgekommen. Alle Kolonisten in Galiläa haben die ottomanische Staatsangehörigkeit erworben. Die Arbeiter in den Kolonien des Nationalfonds hätten es nicht über sich gebracht, eine zehnjährige Arbeit zugrunde gehen und die Kolonien ohne Arbeiter zu lassen. Sie blieben alle auf ihrem Posten und erfüllen ihre Aufgabe, an der sie die Behörden nicht hindern. Das Leben in Galiläa geht seinen normalen Gang. Die Arbeit ist in keiner Weise unterbrochen, sondern wird mit Energie und Fleiß fortgesetzt. Arbeiter und Arbeiterinnen, die keine Arbeit hätten, sind zur Zeit nicht vorhanden. Auf die Frage, in welcher Weise die Arbeiter entlohnt würden, da ja Bargeld nicht in genügender Weise vorhanden sei, antwortete Herr Katz: Die Arbeiter erhalten ihren Lohn durch Verabreichung von Getreide anstelle des Geldes. Derjenige, der einen Ueberschuß über den eigenen Verbrauch besitzt, tauscht hierfür andere Bedarfsmittel ein. In dieser Hinsicht glauben sich die Leute in uralte Zeiten versetzt. Die Verhältnisse mögen unbequem sein; sie sind aber zu ertragen, insbesondere in den Kolonien, wo das Leben einen ganz anderen Charakter als in der Stadt trägt. Wie gesagt, ist in den Nationalfondsfarmen Dagania und Kinereth genug Getreide für den ganzen Jischub in Galiläa vorhanden. Dagegen herrscht in Judäa ein großer Mangel an den nötigsten Lebensmitteln. Getreide ist in Judäa nur noch für eine bestimmte Zeit vorhanden. Wäre der Verkehr im Lande selbst nicht eingestellt, so würde sich der Mangel nicht so fühlbar machen. Leider sind die Wege sehr schlecht, und es sind auch keine Zugtiere für die Ueberführung des Getreides vorhanden. Diese Störungen ließen sich noch überwinden, wenn man wüßte, wie sich die maßgebenden Autoritäten dazu verhalten würden. Es wurde darum beschlossen, die Ueberführung des Getreides von Galiläa nach Judäa noch bis zur Klärung der Lage aufzuschieben. Ueber die Frage endlich, wie die kulturelle Lage in Galiläa jetzt beschaffen sei, erklärt Herr Katz, daß die Verhältnisse in dieser Beziehung nicht schlecht seien. In Haifa ist die Realschule geöffnet, die Schulen in den Kolonien funktionieren, und der Unterricht geht normal vor sich. Herr Katz betont nochmals, daß die Lage in Galiläa verhältnismäßig ganz gut sei. Verfolgungen kommen nicht vor, es wird ruhig und intensiv gearbeitet. Diejenigen, die dort Kinder oder Verwandte haben, können über deren Schicksal beruhigt sein. Hauptsache ist, sie mit Geldmitteln zu versehen.