Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 15 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜB Das Jüdische Echo Nr. 16 sich ein neues Staatswesen begründet. Eine Nation, die ihren Staat verlor, aber eifrig um eine Wiedererrichtung desselben ringt, behält auch politische Bedeutung. Aber auch wenn diese verging, kann noch lange ein Schatten ehemaligen Volkstums zwischen den lebenden Völkern fortgeistern. Die staatliche Selbständigkeit ist von den Besitztümern des Volkes dasjenige, was für dasselbeden höchsten aktuellen Wert hat. Ein eigenes Staatswesen zu haben, ist für das Volk das, was für das einzelne Individuum die Freiheit ist. Politische Selbständigkeit ist wertvoller als die ruhmreichste Geschichte, als die glänzendste Literatur, als die gemütvollste Volkssitte, als der blühendste WTohlstand. Denn ohne politische Selbständigkeit gibt es kein Volk, bloß Nationalitäten, die abhängig sind vom übermächtigen Willen fremden Volkstums. Aber auch das Land ist ein Besitztum des Volkes. Das Land ist der Hauptgegenstand der Politik, Boden und Menschen zusammenzuhalten, eine der wichtigsten Aufgaben des Staates. Es kann politische Mächte geben, die kein Land besitzen, z. B. zersplitterte Völker wie die Juden. Solche politischen Mächte müssen entweder Land erwerben oder auf dauernde politische Bedeutung verzichten. „Volk muß Land haben." Es muß hervorgehoben werden, daß Haushofer dies alles nicht im Hinblick auf bestimmte Probleme, etwa das des Zionismus, sondern ganz allgemein auseinandersetzt. Umso unbefangener wirken jene lapidaren Sätze, in denen die Bedeutung von Staat und Land für eine Nation, die ein Volk werden will, dargelegt wird. Ja, an der einzigen Stelle, wo Haushofer auf den Zionismus ausdrücklich zu sprechen kommt, wird er ihm durchaus nicht gerecht. Es geschieht dies nämlich in dem Aphorismus über die jüdische Theokratie: „Noch heute zucken die Erinnerungen und die unsterblichen Hoffnungen der ehemaligen hebräischen Theokratie durch das Kulturleben, wie ein irrendes Flämmchen — in den Bestrebungen des Zionismus". Daß der Zionismus neben seiner religiösen Seite auch eine politische hat, die wirtschaftliche Grundlage des politischen Zionismus und manches andere bleibt unberücksichtigt. Dies mag davon herrühren, daß es Haushofer an einer eingehenderen Kenntnis der Geschichte des modernen Zionismus fehlte. Vielleicht aber auch erschien ihm die politische Seite der zionistischen Frage zu utopisch, während ihm ihre religiöse Seite wenigstens vom ästhetischen Standpunkt Interesse einflößte. Prof. Dr. Arthur Cohen. Äus dem Kapitel „Volk und Nation" des Buches „Das Volk und sein Staat" Von Max Haushofer. Die Sprache. Unter den geistigen Besitztümern der Nation ist das ehrwürdigste und heiligste die Sprache. Alle alten Kulturnationen haben ihre eigene Sprache. Eine Nation, die keine eigene Sprache hat, ist als Nation etwas Unvollkommenes, mag sie auch ein reiches und mächtiges Staatswesen ihr Eigentum nennen. Die Muttersprache des Menschen ist in den meisten Fällen das einfachste Merkmal seiner Zugehörigkeit zu einer Nation. Aber vollständig bindend ist die Sprache doch nicht für diese Zugehörigkeit. Es kann jemand eine Sprache als Muttersprache reden und doch seiner Abstammung und Gesinnung nach Angehöriger einer anderen Nation sein. Das sind indessen Ausnahmefälle, die durch Wanderschicksale der Familie, durch anerzogene Vielsprachigkeit herbeigeführt werden. In der Regel und für die objektive Beurteilung sind Sprache und Nationalität eins. Wen wir deutsch reden hören, echtes Dialektdeutsch oder reines Hochdeutsch ohne fremdländischen Anklang, den halten wir so lange für einen Deutschen, bis er uns vom Gegenteil versichert. Und wenn er uns das Gegenteil versichert, dürfen wir noch nicht gleich an ein treuloses Verleugnen angestammter Nationalität denken,- denn es sind Fälle möglich, in denen jemand zwei Nationen mit gleicher Liebe anhängt, weil er jeder etwas von seiner Abstammung und Bildung, von seinen Lebensschicksalen verdankt, so daß er selbst erst in reiferen Jahren zu der Entscheidung gelangt, welcher Nation er sein eigentliches Schicksal verdankt und welcher er daher die größere Treue schuldet. Die anderen geistigen Besitztümer. Rein geistige Besitztümer haben die Völker und Nationen in ihrer Geschichte, Kunst und Literatur. Das sind Schätze, die, einmal gewonnen, durch keinen politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch, durch keinerlei Eroberung und Zerstreuung mehr vernichtet werden können. Der Genius der Menschheit hat sie in sein Buch geschrieben und führt sie in demselben fort, wenn auch die Nationen, die sie einst ihr eigen nannten, erlöschen würden. Für das einzelne Volk bedeuten seine Geschichte, Kunst und Literatur den Platz, den es sich in der Ehrenhalle menschlicher Gesamtkultur erworben hat. Solche geistigen Besitztümer werden nicht leicht errungen; nur durch die Geistesarbeit von Jahrhunderten. Das Volk ist stolz auf die Besitztümer und deren Anerkennung durch andere Kulturnationen. Auch dieser Stolz ist eines der haltenden Bänder des Volkstums. Die Geschichte muß einem Volke als ein um so heiligeres Vermächtnis erscheinen, je älter sie ist. In je weitere Fernen zurückschauend ein Volk sich im Völkergewoge der Zeiten noch erkennt: um so mehr muß es vom Gedanken an seine Fortdauer, von der Ueberzeugung unvertilgbarer Lebenskraft erfüllt werden. Die „Ausländer" Die Schicksale der Polen und der polnischen Juden haben schon vor dem Kriege in Deutschland eine eingehendere Teilnahme erfahren als diejenigen irgendwelcher sonstiger Ausländer. Der Grund hierfür ist ja sehr klar. Ganz abgesehen