Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 14 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Das Jüdische Echo 115 ausgegeben vom Württ. Schwarzwaldverein Mit 56 Figuren und farbiger Kartenbeilaie In Kommission bei A. Bonz' Erben, Stuttgart 8° 96 S Das vom Vorstand der Topographischen Abteiung des K. Wurtt. Landesamtes verfaßte Büchern ste lt in leicht faßlicher und anschaulicher Weise die zum Verständnis von Karten nötigen Kenntnisse dar. Es kann daher allen Touristen, besonders den älteren Wanderbündlern sowie F-uhrern der jüdischen Wanderbünde warm empfohlen werden. Außerdem wird es aber auch denjenigen gute Dienste tun, die die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen an Hand größerer Karten verfolgen.___ S. Toeplitz. Besprochene Schriften sind zu beziehen von Ludwig Wertheimer, hebräische Buchhandlung, München, Westenriederstraße Alu Telephon 23 804. Feuilleton Die große Judenverfolgung in München im Jahre 1285 und die Gruftkirche*) In München hatten sich schon seit den ersten Zeiten der Entstehung der Stadt Juden angesiedelt. Im Verlaufe jener Zeit war ihre Anzahl nach und nach sehr angewachsen, denn sie hatten sich durch Reichtum sowohl den Fürsten und der Geistlichkeit, als auch selbst der Bürgerschaft unentbehrlich gemacht. Jede Art des Handels war in ihrer Gewalt; sie vermittelten nicht nur den levantinischen Handel mit edlen Gewürzen und Früchten, mit Gold, Geschmeide und Edelsteinen, mit köstlichem Pelzwerke, feineren Tüchern und Seidenstoffen, sie trieben auch Verkehr und Handel mit Salz, Holz und Wein und anderen Erzeugnissen des bayerischen Bodens. Dabei wurden von ihnen Geldgeschäfte mit gewissenlosem Wucher getrieben, denn der Aufwand und Luxus jener Zeit, dem nicht nur Fürsten und Geistliche, sondern selbst die Bürger sich hingaben, nötigte diese, fortwährend Geldhilfe bei den Juden zu suchen, denen das ausschließliche Recht gegeben war, gegen Handschrift oder Unterpfand Geld auf Zinsen auszuleihen, was dagegen den Christen im Mittelalter durch Papst und Kaiser streng verboten war. So ersehen wir aus dem Exemptionsprozesse des Klosters St. Emmeran zu Regensburg (Zirngibl Abh. S. 112), daß Aebte bei ihnen oft Messbuch, Kelche, Kirchenleuchter, Rauchgefässe und Chorkleider versetzten. Abt Hermann und das Kloster Steingaden beklagen sich in einer Urkunde vom Jahre 1287 sehr, daß sie wucherische Zinsen an die Juden bezahlen müssen; in einer Urkunde von 1257 wird Heinrich, Abt von Benediktbeuern, durch einen gewissen Pilgrim aus einer Schuld an die Juden zu fünf Talenten ausgelöst. Als Herzog Otto von Landshut seine Burg, die Trausnitz, erbaute, schössen die Juden Geld dazu her, wofür er ihnen erlaubte, in der neuen Stadt zu wohnen; ja sie besaßen m Bayern sogar viel Landeigentum, welches sie als Pfand oder in Hoffnung vorteilhaften Wiederverkaufes innehatten. In München hatten die Herzoge und die Bürgerschaft ihnen selbst eine eigene ^^Taus dem Münchener Stadtbuch, Geschichtliche Bilder aus dem alten München von Josei Maria Mayer, kgl. Oberappellationsgenchtssekretär. München, 1868. J. Lindauersche Buchhandlg. (Schöpping). Synogoge gestattet, welche in der nach ihnen benannten Judengasse — der heutigen Gruftgasse — und zwar an jener Stelle stand, wo bis in die neueste Zeit das Haus des Bäckers Wanney, Nr. 1, sich befand. In jenen Zeiten aber, dem 12. und 13. Jahrhunderte, tauchte zugleich in allen Ländern Europas eine große, fortwährend sich steigernde Erbitterung, namentlich des gemeinen Volkes, gegen die Juden auf. Erste Ursache und Veranlassung hiezu waren wohl die Kreuzzüge und die durch dieselben erregte religiöse Schwärmerei. Letztere zeigte sich zuerst in der Raserei der G e i ß 1 e r , welche aus Italien gekommen, zu hunderten und tausenden Männer und Weiber, alle Länder durchzogen und ihie gräßlichen Bußtaten öffentlich zur Schau stellten. Wandernd durch Dörfer, Märkte und Städte, mit brennenden Kerzen und Kreuzbildern, nackt bis zum Gürtel, aber das Gesicht mit schwarzen Tüchern verhüllt, wilde Bußgesänge heulend, stellten sie sich angesichts des herbeigelaufenen Volkes in einen großen Kreis und schlugen sich die nackte Brust und Lenden mit Geißeln voller Knoten und Nägel, bis sie unter herabströmendem Blute ohnmächtig zu Boden fielen. Rasch aber hatte sich dieser Fanatismus gegen die Juden gewendet, welche nicht nur durch ihren Wucher und Reichtum, sondern auch durch ihren Glauben und durch den Kreuzestod des Herrn der Christen Abscheu waren, der durch diese Geißler zur Wut aufgestachelt wurde. Schon bei dem ersten verunglückten Kreuzzuge unter Peter dem Einsiedler glaubten die Scharen ihren Beruf als Streiter Christi durch grausame Verfolgung der Juden zu bewähren, und es wurden in den Städten am Rheine viele tausend jüdische Familien niedergemetzelt und ihre Habe geplündert. In Mainz suchten die Juden sogar Schutz bei dem Erzbischof Rothart und vertrauten ihm ihre Personen und Schätze an, und dieser barg sie in dem oberen Stockwerk eines festen Hauses. Aber der wilde Graf Emicho von Leiningen stürmte mit einem Schwärm zusammengelaufener Kreuzfahrer das Haus; sie schössen mit Pfeilen und Speere in dasselbe, sprengten die Schlösser und Türen und ermordeten im Hause des Bischofs siebenhundert Juden, Männer, Weiber und Kinder. Als die Juden keine Rettung vor den Mördern fanden, töteten die Frauen ihre Kinder, die Männer ihre Weiber und dann sich selbst! Ein weiterer Grund zu diesen Verfolgungen waren aber auch der ganz verarmte und verwilderte Zustand des geringeren Volkes sowohl, als auch der gänzlich verschuldeten Großen. Hiezu kamen noch in diesen Zeiten Mißernten und Notjahre, und infolgedessen eine ungeheure Sterblichkeit . So fiel z. B. im Jahre 1281 am 17. Juli in ganz Süddeutschland ein so tiefer Schnee, daß die ganze Ernte vernichtet wurde. Viele Menschen wanderten zur Stillung ihres Hungers nach Ungarn aus, viele starben an schlechter Nahrung, ja es wurde die Sterblichkeit Infolge der Hungersnot so arg, daß man im nächstfolgenden Jahre 1282 die Toten haufenweise auf den Feldern einsammelte. Durch diesen Notstand wurde daher auch die Habsucht des Pöbels mächtig angeregt, welcher hoffte, die reichen Schätze der Juden sich aneignen zu können. Wir sehen nunmehr an vielen Orten Siiddeutschlands Judenverfolgungen, wozu immer der Aberglaube des Volkes, und die schnell entstandene und verbreitete Sage, daß die Juden Brunnen vergifteten und so eine ungewöhnliche Sterblichkeit veranlaßten, oder daß sie Christen-