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Das jüdische Echo · 1915-04-09 · 14 (9.4.1915) · p. Seite 112

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
14 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 Das Jüdische Echo Nr. 14 ten Halbmondes veranstaltete. Er sprach über Erlebnisse in jüdischen Kolon i e n. Er knüpfte daran an, daß heute, wo gleichsam die ganze Menschheit sich auf ein neues Zeitalter vorbereitet, auch die seit einigen Jahrzehnten an Palästina geknüpften jüdischen Erwartungen an Boden gewinnen, und daß auch ein großer Teil der Christenheit die Erscheinung des jüdischen Zionismus mit_ Erwartungen und tiefen Sympathien begleitet. Mit dichterisch-lebendiger Kraft schilderte er Palästina mit seinen Gegensätzen von erhabener und strenger Oede und üppiger Lieblichkeit, die hügelige Stadt Jerusalem mit ihren engen Gassen und dem unendlich weiten Ausblick von der Zinne ihrer Häuser, die Berge Palästinas mit ihren vulkanischen Formen, steinigen Abhängen, die Erdsenke am Jordan und die Ebenen mit ihren alten und neuen Siedlungen. Der Hauptteil des Vortrages beschäftigte sich mit dem jüdischen Landbesitz in Palästina, der seine Entstehung den zionistischen Kolonisationsbestrebungen der letzten Jahrzehnte verdankt. Besonders interessant war die Schilderung eines nationalen jüdischen Volksfestes in der jüdischen Kolonie Rechoboth, das Paquet am Vorabend des jüdischen Osterfestes vor zwei Jahren mitfeierte. In anschaulicher Schilderung führte der Redner den Charakter der jüdischen Kolonien Rischon-Le-Zion und Pethach-Tikwah vor, in denen die jüdische Kolonisation ein reges Leben und einen wachsenden Wohlstand hervorgerufen hat. Interessant ist, daß die Kolonie Pethach- Tikwah, die zuerst dem jüdischen Fiskus eine Steuerleistung von 60 Mark brachte, nunmehr 68 000 Mark Steuern abführt. Die Schwierigkeiten der Kolonisation' sind nicht gering, aber sie werden durch das großzügige Arbeiten der zionistischen Organisation überwunden, die sich in einer Bank, in Landesentwicklungs- und Immobiliengesellschaften, im Jüdischen Nationalfonds und in zahlreichen landwirtschaftlichen, wissenschaftlichen und industriellen Unternehmungen, wie z. B. in dem für die Förderung kunstgewerblicher Hausindustrie geschaffenen Bezalel, ein System von äußerst zweckentsprechenden Instituten geschaffen hat. Der jüdischen Kolonisation in Palästina ist sicherlich eine reiche Zukunft vorbehalten; freilich sind die Leiden des Krieges auch für Palästina, wie für die ganze Türkei nicht gering. Den Freunden der Türkei und des Heiligen Landes muß es aber gelingen, die augenblickliche Not durch Sammlung von Geld und Uebersendung von Lebensmitteln zu lindern. Rußland und England haben in den letzten Jahren große Anstrengungen gemacht, um Palästina in ihre Interessensphären einzuziehen; aber nur durch Deutschland und durch die zionistische Kolonisationsbewegung sind wirklich positive Werte geschaffen worden. Die neue jüdische Kolonisation hat es verstanden, jüdische Kolonisten fest in den palästinensischen Boden einzuwurzeln. „Der Zionismus bediente sich bisher bereits in wesentlichem Maße deutscher Formen der Organisation, er verdankt dem deutschen Idealismus Fichtescher Prägung unendlich viel von seinem Gedankengang. Er hat aber auch eine große Bedeutung für die deutsche Politik." Paquet gab der Ueberzeugung Ausdruck, dass unter allen christlichen Völkern das deutsche weitaus am meisten innere Beziehung zum Zionismus habe und am besten imstande sei, seine Sache, so wie ein großer Teil des jüdischen Volkes die Verwirklichung erträumt, zu fördern. Dafür bietet eine Gewähr, daß Deutschland, dem, wie wir alle hoffen, die Durchführung der großen kulturellen Autgaben zufallen wird, die das türkische Vorderasien bietet, sicherlich nicht daran denkt, die in der Türkei lebenden Nationalitäten ihrer Eigenart zu entkleiden. Es wird nur den berechtigten Wunsch zu verwirklichen suchen, diesen Nationalitäten die europäische Zivilisation durch das Mittel der deutschen Sprache zu überbringen. Nicht darum kann es sich handeln, die nationalen Volkssprachen in einen Gegensatz zu der deutschen zu bringen. Jeder Konflikt kann vermieden weiden, wenn nur in Zukunft die deutsche Sprache unter allen europäischen Sprachen im Unterricht an die erste Stelle tritt und damit den Platz ausfüllt, den bisher die französische und englische ausgefüllt hat. Dies gilt auch für die jüdische Wiederbesiedelung Palästinas, deren Fortschritte wir hier in Deutschland mit so viel Vertrauen, Spannung und Sympathie verfolgen, und die schon jetzt zu einer Neubelebung der hebräischen Sprache und Kultur geführt hat. Paquet gab zum Schlüsse dem festen Glauben Ausdruck, daß auch in allen Kreisen, nicht nur des deutschen sondern auch des nichtdeutschen Judentums, diese Form der deutschen Kulturpolitik Verständnis und Gegenliebe finden und für die große, geheimnisvolle, glückliche Zukunft desHeiligen Landes eine der schönsten Grundlagen bilden wird. Der Vortrag Paquets war außerordentlich gut besucht und fand den warmen Beifall einer zahlreichen Zuhörerschaft, die sich für die Informationen des Redners dankbar zeigte und seinen Wünschen verständnisvoll beistimmte. Eine jüdische Landwirtin*) Ein junges, jüdisches Mädchen, aus sehr guter und gebildeter Familie — dessen Brüder Aerzte — befand sich bis zu seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr in einer bevorzugten kaufmännischen Stellung in Berlin, als ihr unsere Schriften zu Gesicht kamen. Von da an reifte allmählich in ihr der Entschluß, die Landwirtschaft als Lebensberuf zu ergreifen. Nach weiteren zwei Jahren gab sie ihre Stellung endgültig auf, besuchte zwei Jahre lang eine Gärtnerlehranstalt und arbeitete dann weitere drei Jahre in Holland und Belgien praktisch in sehr bedeutenden Gärtnereien, sowohl im Garten wie auf dem Felde und im Stall. Dann erwarb sie sich vor nunmehr zwei Jahren ein Rentengut bei D e s s o w i. d. M., ungefähr zwei Bahnfahrtstunden von Berlin entfernt. Mit ihrer Mutter zusammenlebend, hat sie ihr kleines Anwesen zu einer wahren Musteranstalt einer Landwirtschaft gestaltet und durch kluge Ausnutzung auch des kleinsten Stückchen Bodens, einen ansehnlichen Gewinn erzielt, obgleich sie als einzige Jüdin der ganzen Gegend, anfänglich unter der Ungefälligkeit der Nachbarschaft mancherlei zu leiden hatte. Unbeirrt hierdurch, hat Fräulein R. nur umso zäher an ihrem Ziel, Herrin auf eigener Scholle zu werden, festgehalten. Einer Einladung der jüdischen „Bäuerin" gern Folge leistend, besichtigten drei Mitglieder unseres Vereinsvorstandes, die Herren Prof. Otto W a r b u r g und der als landwirtschaftlicher Fachmann rühmlich bekannte zweite Vorsitzende, Herr Rittergutsbesitzer Isak Brandt und Dr.' A r - thur Kahn in den ersten Tagen des Januar d. J. den „Immenhof". Bei ihrer Ankunft trafen die Besucher die junge Landwirtin in festen Stiefeln, *) Aus dem 15. Jahresbericht des Bodenkultur- Vereins S. Vereins-Echo.

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