Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 13 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- Seite 107 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Das Jüdische Echo 107 insofern einen Mißstand, als bei Berechnung a Notensummen und Prüfungsnoten zweTÄ - Orgel, und Harmonielehre - gefehlt haben würden Auf ein Gesuch des rührigen Anstaltsleiter! Ra£ biner N Bamberger, erging nunmehr Verfügung von hoher Regierungsstelle, daß künftighin Svnagogendienst Prufungsgegenstand der israelitischen Semmarschlußprufung zu bilden habe und mit zwei Noten Theorie und Synagogengesang, 7m Zeugnis an Stelle von Harmonielehre und Orgel figuriere. Damit dürfte das jüdische Seminar Wurzburg vorbildlich für die Wertung des kantoralen Unterrichts im Rahmen der jüdischen Lehrerbildung eingetreten sein. Würzburg. Rüben Moses Eschwege zu Emden, Sohn des Hauptlehrers Eschwege in Thüngen, ist als Nachfolger Kantors Samson Lehmann s. A. hierher berufen worden. Zeitungs-Echo In dem eben erschienenen Heft 9/12 (Sept. bis Dezember 1914) der Brannschen Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums beendet Dr. A. Fürst seine Abhandlung über „Die jüdischen Realschulen Deutschlands". Von besonderem Interesse für die bayerischen Juden dürfte im letzten Abschnitt das Kapitel über die „Israelitische Realschule in Fürth i. B." sein. Feuilleton Ein Ulan Von Franz Werfe 1.*) Max Scheler nennt in einem Aufsatz den Krieg ein metaphysisches Erwachen. Wir selbst haben in vielen Augenblicken, da uns die sittliche Großmacht des deutschen Volkes, das wunderbare Gesicht eines Soldaten, das schlagende Herz der Städte, mit tausend Begeisterungen überfiel, diesen Krieg gegen Niedertracht und Politik gutgeheißen. Aber ist es Recht, daß wir den Rausch und die Liebe, die in uns doppelt erwacht sind, auf ein Ding tun, das schlecht ist, höllisch, aus dem nichts Gutes kommt, dessen letztes Ziel die Macht ist, und nicht die Liebe? In seinem symbolischen Volk hat Gott die Wahrheit dieses Herbstes stets sichtbar gemacht. In den Kavalleriekämpfen in Galizien ritt auf österreichischer Seite ein polnisch-jüdischer Ulan eine Attacke mit. Als das Melee sich entwickelte, holte der Ulan mit einem Säbelhieb einen feindlichen Reiter vom Pferde. Eh' dieser aber aus dem Sattel sank, griff er hintenüber in die Luft und rief schauerlich, langsam, in einem ungeheueren Entsetzen die ersten Worte von seinem und seines Feindes Glaubensbekenntnisses: „Schema Iisroel". Der österreichische Ulan wurde in demselben Kampf leicht verwundet. Als man ihn auf den Hilfsplatz brachte, war er wahnsinnig. Jetzt sitzt er stumm mit verwahrlostem Bart, blind, doch mit dem blinden Blick des Ödipus in einem Prager Lazarett. _ . Seine Seele hat erkannt, als der Bruder von_seiner Hand stürtzte. Er ist metaphy- *) Aus dem 3. Heft des „Zeit-Echo, eines Kriegs- Tagebuches der Künstler".. Graphik-Verlag München. U. a. finden sich in diesem Heft auch Beiträge von M a x B r o d und M a r 11 n B u b e r. s i s c h erwacht und wacht so sehr, daß es für ihn niemals mehr einen bequemen Schlaf des Lebens geben wird. Und ich sage, dieser Wahnsinnige, der arme polnische Jude ist ein vollendeterer Mensch als alle Krieger, die sich an die Schrecken der Schlacht gewöhnen. Er ist das Idealbild einer späteren besseren Menschheit, die sich nicht mehr wird töten können, weil ihr Schlaf nicht mehr so tief sein wird. Der Krieg wird nicht mehr mit der durchgeführten Interessengemeinschaft aufhören, sondern mit dem leichteren Schlaf, dem heikleren Gewissen, und der Bereitschaft zu metaphysischem Erwachen. Mit der Gefahr, daß jeder Soldat wahnsinnig wird, weil jeder erkennen muß. Und zum Teufel mit allen, die das „Reich Gottes auf Erden" nicht für die einzige Gewißheit halten. Für die Erkennenden aber bleibt eins zu tun, sich nicht nach dem Wind zu drehn, sondern zu erwecken, zu lehren, zu bessern! Der Pogrom Von Kl ab und.*) Der merkwürdigste Insasse des Russenlagers in X. und wert, genannt zu werden, war der Fiund Samuel. Er wurde (eine Art Terrier mit leichtem Einschlag von Dackel) vom Osteroder Landsturmbataillon in der Schlacht bei Tannenberg „erbeutet". Da man sich mit ihm nicht zu verständigen ve*mochte, gab man ihn an die Russen zurück und internierte ihn im Lager von X. Aber auch die Russen wußten mit ihm nichts anzufangen: er hörte weder auf Russisch, noch Polnisch. Bis ein Jude, Kaufmann aus Lodz, auf den Gedanken kam, jüdisch mit ihm zu reden. Der Hund sprang, halb irrsinnig vor Freude, verstanden zu werden, an seinem neuen Freund empor, wedelte mit dem Schwanz, und seine braunen Augen leuchteten wie die eines fröhlichen Kindes. Der Hund mußte im Besitz einer alten jüdischen Familie gewesen sein und war wahrscheinlich mit mehreren Juden bei Tannenberg zu den Deutschen übergelaufen. Er wurde von den Russen spöttisch Samuel genannt. Er vertrug sich mit keinem rechtgläubigen Russen, bellte sie tapfer an und nahm nicht die verlockendsten Bissen von ihnen. Der jüdische Kaufmann und die anderen russischen Juden des Lagers gewannen ihn sehr lieb. Oft dachten sie: Wenn nur alle Juden so viel Mut gegen die Russen aufbrächten ,vie dieser Hund. Dieser Hund, so spürte man, haßte die Russen aus seiner Seele heraus. Und da er ein Tier war, legte er seiner Vernunft keine Zügel an, trug seinen Haß unverhohlen zur Schau und biß die Russen in die hohen Stiefel. Weil er zu allem Ueberfluß noch ihre Fleischportionen stahl (die er aber nicht fraß, sondern verscharrte), griff eine heftige Mißstimmung gegen ihn unter den Russen Platz. Und da man sich nicht an die wirklichen Juden halten konnte (man war doch nicht in Rußland), erkor man den jüdischen Hund zum Opfer eines Pogroms. An einem Sabbat fanden ihn die Juden erschlagen hinter der Latrine. Sie waren keine Tiere, sondern Menschen und außerdem in hilfloser Minderzahl. Was würde es nützen, die Russen anzubellen, da man sie nicht beißen durfte? Sie gruben dem Hund Samuel ein Grab, und ein gefangener Rabbiner hielt ihm die Leichenpredigt, als wäre er einer der Ihren gewesen und ganz ein Jude. *) Aus „Zeit im Bild".