Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 13 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- Seite 105 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Das Jüdische Echo 105 sieht zieht in die Städte, besonders in die Groß stalte, wo sich neue ErwerbsmöglichkeitP 'f wl? aber auch hier findet er nlä^ffito^S: wünschte. In den meisten Berufen ist eine Uebe?- nlllung eingetreten und in anderen wird ihm ein hortkommen, besonders in staatlichen und kommunalen Diensten, fast unmöglich Die freien Z rufe sind überfüllt und der" Jüdische Arzt und Rechtsanwalt wird zur typischen Figur So schaut der jüdische Sozialpolitiker'düster in die Zukunft; eine Proletarisierung der Juden - und bei der großen Masse der Ostjuden ist sie schon langst eingetreten — ist zu befürchten Der jüdische Mittelstand der Städte lebt meist über seine Verhältnisse, der Schein nach außen verbirgt den ungesunden Kern. Ob der Krieg auch hier eine Besserung gebracht hat oder bringen wird? Wir wollen es hoffen' Doch für die wirtschaftliche Hebung der Berufsarten, in denen die Juden meist tätig sind, besonders für den Handel, läßt der Krieg leider keine große Hoffnungen zu. Die Verstaatlichung und Kommunalisierung der Betriebe, insbesondere des Handels, hat im Kriege — und zwar jetzt mit besonderer Berechtigung — große Fortschritte gemacht. Wenn wir auch noch weit entfernt sind von einer Verstaatlichung des ganzen Wirtschaftslebens, wie es die Sozialdemokratie anstrebt, so ist es doch nicht zu leugnen, und sind die Anzeichen dafür schon in den wachsenden Steuerbedürfnissen des Staates vorhanden, daß neue Staatsmonopole entstehen und Vereinigungen von Produzenten und Konsumenten immer mehr den Vermittler ausschließen werden. Die am meisten davon Betroffenen sind die Juden. Welches sind nun die Heilmittel in dieser für die Juden sich ungünstig gestaltenden Entwicklung des Wirtschaftsprozesses? Ueberleitung in andere Berufe, wie Rückkehr zur Bodenkultur, größere Bevorzugung von Industrie und Handwerk. Es würde über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen, die genannten Mittel einer eingehenden Kritik zu unterziehen. Durch Gründung von Vereinen zur Förderung der Bodenkultur und des Handwerks, durch Errichtung von Lehrlingsheimen ist ein guter Ansatz vorhanden; doch müßten diese Bestrebungen weit mehr als bisher von der großen Oeffentlichkeit unterstützt werden. Was den Punkt Rückkehr zur Bodenkultur betrifft, so ist hier die Schwierigkeit am größten. In den kultivierten Ländern des Westens ist der .Boden fast ausschließlich in festen Händen und die. Bodenpreise sind besonders in den letzten Jahrzehnten bedeutend gestiegen. Eine größere Heranziehung der Juden zur Landwirtschaft laßt aber nur dann Erfolg versprechen, wenn man Juden in geschlossenen Massen in jüdischen Ackerbaukolonien ansiedelt. Der einzelne Jude, zerstreut unter der Menge der nichtjüdischen Bauern ist wie ein schwankes Rohr, das kraft seiner Eigenart nie feste Wurzeln fassen wird. In den dicht von Juden bevölkerten Gebieten von Galizien und Polen ließe sich vielleicht die Gründung geschlossener jüdischer Ackerbaukolonien ermöglichen Voraussetzung dazu ist natürlich eine gesetz .che ^cherung und Regelung der Wohn- und Eigentumsrechte. Auch übe 3fe zionistische Bestrebung, Schaf ung irdischer Kolonien in Palästina, wird man oh jetzt in der großen Oeffentlichkeit «eine Meinung geändert haben. Eine Unterstützung ^nushscher Kolonisation liegt wohl im Interesse des Qesamtiudentums. Das große Elend der' jüdischen Masse erfordert auch großzügige Mittel zur Abhilfe Großzügig aber sind die Mittel nur dann, wenn sie nicht nur augenblickliche Not lindern, sondern wenn sie die Axt an die Wurzel des Uebels legen, wenn sie den Armen helfen, sich selbst auf eigenein Boden in freiem Lande eine Existenz, eine Zukunft zu schaffen. Die jüdisch-belgische Kolonie in London Unser holländischer Korrespondent erwähnte kürzlich in unserem Blatte die bedauerliche Auflösung der einmal blühenden jüdischen Kolonie in Belgien, von der ein großer Teil bei Beginn des Krieges nach Holland geflüchtet war. Ein anderer Teil ging mit den autochthonen Belgiern nach England, wo er in der ersten Zeit viele Leiden auszustehen hatte, da die Engländer die Entdeckung machten, daß diese belgischen Juden größtenteils aus Oesterreich, einem „Enemy-Land", stammten. Nach anfänglichen Zögern nahmen sich ihrer die englischen Juden an und bewahrten sie vor den berüchtigten Concentrationscamps. Besonders anerkannt zu werden verdient die Sammeltätigkeit des „Jewish Chronicle" und des „Jewish World", die allein einen Hilfsfonds von 40 000 Mark aufgebracht haben. Ueber die Lage dieser Flüchtlinge wird dem seit kurzem erscheinenden Tageblatt „Jüdische V o 1 k s z e i t u n g" in Kopenhagen geschrieben: Das erste jüdische Opfer im Weltkriege sind die Juden in Belgien geworden, welche das jüngste jüdische Gemeinwesen bildeten. Die belgischen Juden flüchteten nach allen Windrichtungen. Einen größeren Teil verschlang das Londoner Whitechapel. So hat das Schicksal ein teufliches Kunststück gezeigt, daß die Antwerpener Juden, welche ehemals die reichen Damen in aller Welt mit Brillanten versahen, jetzt auf das Gnadenbrot der Londoner Wohltätigkeitsanstalten angewiesen sind. Das merkwürdigste daran ist, daß viele dieser Juden in ihren Brusttaschen Pakete mit rohen, ungeschliffenen Diamanten herumtragen, das einzige, was sie retten konnten. In normalen Zeiten repräsentieren diese Diamanten ein Vermögen, heute sind sie fast wertlos. So tragen sie bei sich Diamanten, während) zugleich der Magen knurrt. . . . Zum Glück müssen Soldaten Kleider haben, auch Taschen für Patronen und andere Kleinigkeiten, die jedermann, der Hände besitzt, um eine Singermaschine zu bedienen, anfertigen kann. In jedem jüdischen Hause des Londoner Whitechapel befindet sich eine Nähmaschine, und ein großer Teil der jüdischen „Diamanteure" aus Antwerpen hat sich entschlossen an diese Maschine gesetzt, um bei einer 15—löstündigen täglichen Arbeitszeit eine Kleinigkeit zu verdienen. So sieht man Juden, welche noch vor ganz kurzer Zeit große Geschäfte auf der Diamantenbörse trieben — diese bildete das interessanteste Finanzinstitut in Europa — Schwitzarbeit leisten und aus roher Leinwand Taschen für englische Soldaten fabrizieren. Es gibt allerdings auch Antwerpener Juden, denen es gelungen war, außer dem rohen Material noch etwas Geld zu retten. Diese sind auf das Gnadenbrot und die Schwitzarbeit nicht angewiesen und finden sich in einem Restaurant in in Whitechapel zusammen, wo sie ihr Geschäft aufzunehmen versuchen. Diese Geschäfte sind allerdings seltsam, da sie für die glitzernden Steine in ihren Etuis doch keine entsprechenden Käufer finden. Mit Wehmut gedenken sie der schönen Tage, wo sie auf der Diamantenbörse und in den