Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 11 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Ii Das Jüdische Echo 91 SfÄÄii »*ia«g§ wohl wäre wenn jetzt jemand käme und aller ei verwunderte Fragen an sie stellte. Wäre es nicht besser, wenn sie Licht im Zimmer machte sich festlich schmückte und sich eine passende Antwort zurechtlegte? Gleichzeitig aber drängte 6SMSlieR 16 cStub?-.fmster zu lassen und zu verschließen Sie stutzte ihren Kopf auf die Hände und finstere Gedanken wirrten durch ihren Sinn So *>aß sie eine Zeitlang in sich versunken. Plötzlich^aber erhob sie sich und richtete alles festlich her. Aus ihren schönen Augen leuchtete ein seltener Glanz. Sie arbeitete mit Lust Der Gedanke spornte sie, Simon nach den schweren Stunden ein liebliches Heim zu schaffen, das ihn trösten und erheben könnte, damit er nicht vor sich selbst sinken müßte. „Gut Jontef," rief sie ihm zu, als er ins Zimmer trat — ihre Stimme zitterte, aber sie bezwang sich und sah ihn nun lauschend an. Simon traute seinen Augen nicht. Er hatte geglaubt, daß ihn Finsternis und Trübsal erwarten würde — ein richtiger Tischah-b'aw. Und doch bedrückte ihn diese freundliche Helle, denn er ahnte, was in Gittel vorgegangen sein mußte. Sein Ohr fing ihre zitternde Stimme auf. Hätte sie geweint, ihm wäre wohler gewesen. Dann hätte ja auch er sein Herz erleichtern können. Mit Tränen. „Du, mein süßes Weib," sagte er zu ihr mit Liebe. „Was denn?" lächelte sie. Aber viel zu reden wagten sie nicht. Sie brachte den Tee und schenkte ein. „Wollen wir trinken, bei uns soll auch Purim sein!" sagte sie fröhlich . . . Hirschele und das Mädchen ließen ihre Köpfchen auf ihre 'Arme sinken und schliefen ein! Leibke allein blieb still sitzen und blickte betrübt auf die Eltern. „Dewosche will mir wieder Perrücken nach Haus geben izur Arbeit," schäkerte Gittel. — „Wann war sie denn da?" fragte er ungläubig. — „Frumme war hier, die dort arbeitet. Sie sagt, jetzt ist viel zu tun. Siehst du, man braucht sich nicht zu sorgen, nicht zu grämen. Ach, hätte ich das nur früher gewußt, dann brauchtest du heute nicht als Purimspieler zu gehen." (Von seinem Purimspiel sprach sie natürlich nur beiläufig.) „Ich verstehe dich nicht," sagte Simon, „ist denn Purimspielen keine Arbeit? Sieh doch, was ich verdient habe!" Dabei nahm er die Geldstücke aus der Tasche und freute sich, daJ sie endlich das Gespräch darauf gebracht hatte. Sie wurde bleich, da sie das Geld sah Doch sie bezwang sich, damit er ihren Schreck nicht bemerkte. „Soviel!" lachte sie, und sie tat so als ob es ihr nicht die Seele zerrisse, daß er Geschenke annehmen mußte. „Wollen wir doch ma zählen!" (in ihrer Stimme rollte es wie Tranen.) Und gezwungen lustig fügte sie hinzu: „Vier Kübel und dreißig Kopeken - eine Schuld wenige - Vier Rubel und dreißig Kopeken . . Sie wollte wieder lächeln, aber gewaltsam orach der.ganze Schmerz ihrer Seele durch, da sie das Schmachgeld wieder erblickte. Sie begannjchmerzhch zu weinen und zu jammern. Da erzählte er ihr denn noch, um auch sein Herz zu erleichtern, sein ganzes Mißgeschick. „Bei Kaplan erkannt; Jechiel ™ Beer; den Bart haben sie mir ^flf^f'^_ melte er. Sie weinte stärker und heizzeneiBen der, daß er am liebsten das Schmachgeld hinausgeworfen hätte . . . Am nächsten Tage fürchtete er sich fast in die Werkstatt zu gehen. Wo sollte er den Mut hernehmen, ein Wort zu reden oder auch nur die Augen aufzuschlagen? Aber schließlich: mehr als lachen konnten sie doch nicht. Und doch wünschte er, daß die Stunden bis zum Arbeitsbeginn sich langsamer hinschleppten. Er stöberte herum, machte sich zu schaffen und drehte sich im Zimmer umher. Gittel fühlte schmerzlich, warum er zögerte. Die Arbeitszeit hatte längst begonnen. Endlich zwang er sich fort. Aber je näher er der Werkstatt kam, desto matter fühlte er sich. Den ersten „Guten Morgen" fürchtete er. Er fürchtete Jechiels Reden und den Spott seiner Genossen. Da fiel ihm ein, wie mutig und stark doch so ein Gläschen Schnaps machte; er hatte es ja erprobt. Sollte er sich jetzt wieder stärken? Sollte er sich jetzt wieder Mut trinken? Er erschrak bei diesem Gedanken und ging hastiger zur Werkstatt. „Guten Morgen, Ahasveros," riefen ihm die Arbeiter zu. „Nun, hast du was Gutes eingeheimst?" fragte Jechiel, ihn schon duzend. „Weinen tut er. Bei Abraham Baruch Kaplan hättest du schon was Ordentliches bekommen. Ich habe mehr als einen Rubel 'rausgetragen. Aber der Narr hat sich zerweint." Ein anderer witzelte: „Wahrscheinlich hat er nach Waschti geweint." Simon schoß das Blut in die Wangen. Er zerbiß sich vor Wut und Scham die Lippen. Grimmig wollte er erwidern, — aber es trieb ihm die Tränen in die Augen. „Wer ein Purimspieler werden muß, wird einer," sagte er. Als ihm aber ein Dritter zurief: „Von dir, Simon, hätten wir es nicht erwartet. Das ist nicht dein Geschäft." Da verfärbte sich Simon. Er hätte die Scheere und das Bügeleisen dem Arbeiter an den Kopf werfen mögen. Doch der Meister trat gerade ein. „Du bist nächtens als Purimspieler gegangen? Jechiel erzählte doch so was." — „Er war doch Ahasveros," spöttelte ein Arbeiter. „Er wollte doch König werden" — „Das paßt für Jechiel," meinte der Meister, „nicht für dich, Simon." Da fuhr Jechiel auf: „Wterum für Jechiel? Jechiel ist kein Dieb, kein Spitzbube, kein Vagabund, nur ein armer Mann. Warum geht Jechiel als Purimspieler? Damit er auch ein Passah hat." — „Schon gut, du bist ein braver Mensch," verhöhnte ihn der Meister. „Aber was war das mit . dir, Simon?" Simon saß wie auf Nadeln, Ihm tanzte alles vor den Augen. Er antwortete nicht. Er tat, als ob er nichts verstände. Aber die Arbeiter spöttelten weiter. Noch lange. — Der Meister ließ Schnaps holen, weil doch Schuschan-Purim war. Simon wollte erst nicht trinken. Er wollte überhaupt mit seinen Genossen nichts mehr zu tun haben. Als man ihm Schnaps anbot, tat er, als ob er nichts hörte. Doch wie seine Kollegen das als eine neue Gelegenheit zum Sticheln benutzten, dachte er bei sich: ein bißchen Branntwein würde ihn munterer machen. So nahm er denn ein Glas und wieder ein Glas; aber er hatte doch noch so viel Besinnung, daß er aufhören müsse, sonst würde er betrunken werden; und das sei ein Verbrechen. Nun wurde ihm wieder so schwer ums Herz, daß er wieder .anfing zu weinen. „Sei doch kein Narr," riefen ihm die anderen zu. „Wie kann man sich so haben? Wir machen doch nur Spaß. Wenn du schon als Purimspieler gehst, was ist denn dabei? Andere tuns doch auch." Er antwortete