Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 11 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Das Jüdische Echo Nr. Ii nicht. Er hatte nur einen Wunsch: weiter trinken. So goß er denn noch ein paar Gäser voll Schnaps in sich hinein. Er hörte auf zu weinen: er war gut betrunken. Die Augen fielen ihm zu. Wie Klötze sanken ihm die Arme herunter. Die Füße konnten ihn kaum noch tragen. Tausend wirre Gedanken jagten ihm durch den Kopf. Er hätte sich zerreißen mögen; mit dem Kopf gegen die Wand stürmen, schreien, jammern, heulen. Da fiel ihm ein, die Werkstatt lieber zu verlassen •„Laßt ihn nicht fort," riefen die Arbeiter. Jechiel packte ihn am Arme und suchte ihn zu halten. Er riß sich aber los und ging. Er murmelte vor sich her: „Ich bin ein Verlorener, ich werde schon ewig ein Verlorener sein. Für immer ein armer Mann und nun auch Purimspieler. Alles vorbei, vorbei! Und Gittel? Sterben oder sich betrinken. Was tut ein armer Mann? Sich betrinken. Nun bin ich schon ein Purimspieler. Ich mache mir nichts mehr daraus. Ich lache über alles." Und wie er nun weiter wankte, hörte er hinter sich die Frauen tuscheln: „Simon ist gut betrunken." — „Und nächtens war er Purimspieler." — „Ja, ja, wozu die Armut führt, aber man soll doch Mensch bleiben, wenn man auch arm ist." — Er wollte sich hinstellen, um zu antworten. Aber er hielt an und brummte nur vor sich hin. Und .er ging direkt nach Hause. „Was wird Gittel sagen? — Alles eins! Alles eins!" Wie er nun ins Zimmer wankte, schrie Gittel auf: „O mein Gott!" Er ließ sich schwer aufs Bett nieder und dachte, er müßte sterben. Verzweifelt rang sie ihre Hände, raufte sich ihr Haar. „Simon, wie konntest du dich SO betrinken? Das hat uns noch gefehlt." Er zog sie wild an sich, faßte ihre beiden Hände. „Ich kann das nicht überleben," schrie sie und riß sich von ihm los. Er stammelte: „Wein nicht, Gittel, es ist so traurig! . ... Ich mußte trinken, ich konnte nicht anders. . . . Alle haben mich verlacht. . . . Wer bin ich? Jechiel ist meines Gleichen. Verstehst du? Gittel, ich habe meine Welt verspielt, alles ist aus, wein nicht, ich werde schon sterben, wein nicht." Am nächsten Morgen, da er nüchtern war, fühlte er sich matt und schwach. Er wagte es nicht, Gittel in die Augen zu schauen. Er schämte sich vor den Kindern, die ihn in seiner Trunkenheit gesehen hatten und sich jetzt noch furchtsam beiseite stahlen. Er fürchtete, daß er wieder an den vergangenen Tag denken könnte. „Weiter fehlt mir nichts!" dachte er erschrocken. „Gittel" ■— die Nacht hatte sie um zehn Jahre älter gemacht — „es war das erste und das letzte Mal . . . Was ist aus mir geworden?" Gittel sah ihn traurig an. Er aber nahm sich vor, seinen alten, guten Namen wieder herzustellen, denn er fühlte, was er verloren. Als er wieder zur Werkstatt ging, sank aller Mut, den er sich gemacht hatte, wieder zusammen. Keinem mochte er ins Gesicht sehen, mit keinem wagte er zu sprechen. Jeder würde ihn verlachen, dachte er, wie einen Verworfenen. Auf ewig ein Verlorener, ein Verfallener! Und wirklich: die Leute verstanden ihn nicht und fühlten nichts mit ihm. Den ganzen Tag saß er über seine Arbeit gebeugt. Mit keinem sprach er ein Wort: mit sich selbst lag er im Kampf. Er wollte munter werden, wieder aufleben, aber um so unmutiger wurde er. „Ich Narr," wütete er gegen sich, „bin ich denn so verloren, so vertiert! Was habe ich denn verbrochen?" Aber zwischen allen diesen Entschuldigungen schrie es in ihm: „Du bist ein Verlorener, ein Verfallener! Sterben, sterben, sich erhängen. Ah! besser ists, sich gut anzutrinken und sich in den Straßenrinnstein zu werfen." Da erinnerte er sich, daß zu Hause noch eine Flasche mit Schnaps vom Purim stand. Er sah sie deutlich vor sich. Halb voll noch, und sie lockte ihn zu sich. . . . Wie gern hätte er diese Schreckbilder zerschlagen mögen, nicht an den Branntwein denken. Er zwang sich, den Gesprächen der Kameraden in der Werkstatt zu lauschen; aber die Flasche steht vor ihm und lockt und ruft. „Ach," seufzte er und blickte aus dem Fenster. Er möchte sich auf andere Gedanken drängen. Er singt sich ein Liedchen. Aber die Flasche steht vor ihm. Am Abend fürchtete er sich schier heimzugehen. Die Flasche daheim fürchtete er. Wenn er sich seine Furcht überlegte, mußte er lachen, aber Furcht hatte er doch. Daheim wagte er es nicht, auf den Schrank zu schauen, wo die Flasche stand. Er setzte sich neben Gittel, als ob sie ihm Schutz böte. „Wie gut wäre es doch," dachte er bei' sich, „wenn der Schnaps fortgegossen würde." Doch Simon rührte sich nicht vom Flecke. Er schämte sich, Gittel zu gestehen, daß ihn der Schnaps ängstige. Im Geiste legte er sich ein Gespräch zurecht, das Gittel dazu führen könnte, den Schnaps auszugießen. Da nun Gittel in die Küche ging, sprang er schnell an den Schrank, packte die Flasche, öffnete sie, um den Branntwein fortzuschütten, aber eine fremde Macht stieß sie ihn an den Mund. ...-- Als Gittel nach einer Weile wieder hereinkam, saß er schon mit trunkenen Augen da. „Ach Gittel, schon alles eins," stammelte er, „verstehst! . . . Das Herz . . . das Herz . . . ich werde verrückt werden, verstehst!" Tränen strömten ihm über die Wangen: „Das Herz . . . das Herz." Er warf sich aufs Bett, aber da er Gittel und die Kinder weinen hörte, hob er wieder den Kopf hoch und schaute sie an: „Alles eins . . . alles eins." Und Simon bekam eine rote Nase und triefende Augen, Gittel wurde grau und welk. Eine alte Geschichte . . Anzeigen-Echo München. Die ordentliche Generalversammlung der Israel. Religionsgesellschaft „Ohel Jakob" findet Sonntag, den 28. März, nachmittags halb 5 Uhr, im Beth Hamidrasch, Herzog Rudoltstr. 3, statt. München. Verein Bne Jehudah. Samstag, 20. März: Vortrag der Frau Dr. Sonja Rabinowitsch-Lerch. Thema: „Die Lage der Juden in Rußland". Lokal: Frühstückszimmer des Hotel Reichshof. Beginn: 9 Uhr abends pünktlich. Gäste herzlich willkommen. München. Jüdischer Turn- und Sportverein. Bis auf weiteres finden jeden Mittwoch halb 9 Uhr im Hotel Reichshof, Sonnenstraße 15, gesellige Abende statt, bei denen Gäste willkommen sind. Sonntag, den 21. März: Nachmittagswanderung. Treffpunkt 3/42 Uhr. Bogenhauserbrücke, Föhring, Schleißheim. Tourenkleidung. Proviant mitbringen, j Druck und Verlag: B. Heller, Buchdruckerei, München, Herzog Maxstr. 4. — Verantwortlich für die Redaktion: Norbert Weldler München-Solln, Erikastr. 6, für den Anzeigenteil: Chr. Lehmeyer, München.