Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 11 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m Das Jüdische Echo Nr. 11 war auch nicht gerade „darwinistisch". Er war es ja, der zuerst das Neue erkannte, der die Grundlagen des neuen Geistes geschaffen hat, des Geistes unserer Tage. Sollen die Juden fernerhin mitarbeiten an dem Fortschritt der Kultur, dann ist dies nur möglich, wenn sie die Besonderheit bleiben, die sie sind, wenn das Judentum erhalten bleibt. Alle Bemühungen, zwischen Judentum und Juden absolute Gegensätze aufzurichten, oder die Verdienste des Judentums um seine großen Männer der modernen Philosophie und Wissenschaft zu kürzen, sind eitel. Die Geschichte zeigt uns, daß es immer und überall neben den fortgeschrittensten Gruppen innerhalb eines Volkes reaktionäre Parteien auf allen Gebieten des Lebens gibt und gegeben hat. Will man diese als Hemmschuh betrachten, nun dann gibt es nicht nur im Judentum, sondern in jedem Volk einen Hemmschuh. Aber ein Problem zwischen Judentum und Juden gibt es ebenso wenig, wie es ein Problem zwischen Deutschtum und Deutschen gibt. Hätte Kautsky die Dinge etwas näher betrachtet, wäre er zu solch unmöglichen Schlüssen, wie sie seine Schrift aufzeigen, nicht gekommen. Er hätte die Wahrheit erkannt. Zur Hochhaltung der Wahrheit aber sind auch unsere Gegner verpflichtet. Brief aus Erez-Israel (Aus dem Jiddischen.) Die Blutwelle, die ganz Europa überflutet, hat auch unsern kleinen Jischuw in Erez-Israel mit in das allgemeine Chaos zu reißen gedroht. Zum Glück ist die Katastrophe nicht eingetreten, und das haben wir nur der hohen sozialen Entwicklung unserer jungen Siedlung zu verdanken, die verschiedene wertvolle Institutionen zu schaffen vermochte. In bedeutendem Maße haben auch unsere amerikanischen Brüder die Katastrophe zu verhüten beigetragen, durch ihre rasche und tatkräftige materielle Unterstützung. Die Not vereinigt alle. Die verschiedenen Parteien und Richtungen, welche wir in Friedenszeiten im Jaffaer Leben zu sehen gewohnt sind, haben sich jetzt sofort vereinigt und sich mit bewundernswerter Energie an die Arbeit gemacht. Durch diese Einmütigkeit gelang auch die Einführung der Schecks der A. P. C. (des zionistischen Bankinstitutes) und des Waad von Tel-Awiw. Der Handel, welcher infolge des Mangels an Münzen (Papiergeld ist in der Türkei nicht vorhanden) zu stocken begann, und durch die Unmöglichkeit, die Ware jedermann auf Borg zu geben, schwer behindert war, wurde durch die Einführung der Schecks neu belebt. Es fanden sich sogar Kaufleufe, die die Situation ausnützten und die Schecks rieht zum vollen Werte annahmen, aber die „Agudath Hasochrim" machte in diesen Fällen sofort Ordnung. Auf Initiative des „Komitee zur Erleichterung der Krisis" wurde auch ein allgemeines Warenlager ins Leben gerufen, das Waren zu festen Preisen verkauft, um jede Auswuch;rung der Bevölkerung zu verhindern. Dieses Komitee arbeitet seit der ersten Stunde seines Bestehens in durchaus systematischer Weise. So wurden verschiedene Subkomitees ins Leben gerufen, von denen jedes sich mit einer besonderen Aufgabe befaßt; so eines mit der Weizen- und Mehlversorgung, ein anderes mit Brotbacken, ein drittes mit der Erhaltung von Teehallen usw. Das Komitee ist die Zentralstelle für die Fürsorgetätigkeit im ganzen Lande und hat bisher seine Aufgabe, die Notlage zu erleichtern, glänzend gelöst. Graf Witte Mit dem Grafen Witte sinkt für die russische Judenheit eine Hoffnung zu Grabe. Wir wissen nicht, ob er die Juden liebte. Wahrscheinlich nicht. Aber Graf Witte fand sich als Realpolitiker großen Stils mit ihrer Existenz in Rußland als etwas Gegebenem ab und sagte sich, daß für die Erneuerung Rußlands selbst in der Lage der Juden eine Aenderung eintreten müsse. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß Witte bei einer längeren Dauer seines Ministerpräsidiums auch für die russischen Juden nach und nach Erleichterungen durchgesetzt hätte. Aber wie in allen seinen großzügigen Plänen, zog er sich auch in der Behandlung der Judenfrage das Mißtrauen und die Erbitterung des russischen Hofes und der russischen Satrapie zu. Als er in der Ministerkonferenz vom 24. Januar 1905 die Teilnahme der Juden an den revolutionären Bestrebungen zu erklären suchte „als Folge der schweren materiellen Verhältnisse, in welchen gegenwärtig die Mehrheit der russischen Juden lebe, des Drucks der geltenden Beschränkungen ihrer Rechte und der Last der den Juden ungünstigen Deutung, welche viele Lokalbehörden diesen beschränkenden Gesetzen gäben", wurden seine Worte von der russischen Presse totgeschwiegen und nur aus dem „Regierungsboten" bekannt. Da Witte als Ministerpräsident bei allen seinen Unternehmungen, die er durchführen wollte, einen schon gewohnheitsmäßigen Widerstand erfuhr, äußerte er sich beim Empfang jüdischer Abordnungen oder ausländischer Berichterstatter ebenso vorsichtig wie offenherzig über die geringen Aussichten, die sich für eine Besserung der jüdischen Verhältnisse in Rußland zeigten. So sagte er im Anfang des Jahres 1905 wörtlich und später wiederholt dem Sinne nach: „Ich selbst sympathisiere mit der Erweiterung der Rechte der Juden und werde gewiß alles tun, was möglich ist. Aber die Schwierigkeiten und die zahlreichen Hindernisse, welche sich der Lösung der jüdischen Frage entgegenstellen, sind nicht leicht zu beseitigen." Wohin Witte als einsichtsvollster Patriot und Staatsmann Rußland führen wollte, beweist das von ihm dem Zaren abgerungene Oktobermanifest. Aber es war ihm nicht möglich, mit seinen Absichten einer korrupten Beamtenschaft zu imponieren. So kamen ihm sicher auch die von den Nebenregierungen ausgehenden Pogrome von 1905 unerwünscht und vielleicht auch überraschend. Nachdem nun Witte, den man außerhalb Rußlands als „kommenden Mann" ansah und in Rußland fürchtete, nicht mehr unter den Lebenden ist, ist die letzte bedeutende Persönlichkeit unter den russischen Staatsmännern verschwunden, die frei von blindem Haß und ehrlich, wenn auch nur im eigensten Staatsinteresse, die Lage der russischen Juden zu verbessern gestrebt hätte. Die Leser werden gebeten, die inserierenden Firmen bei Einkäufen in erster Linie zu berücksichtigen und dabei auf das „Jüdische Echo" Bezug zu nehmen.