Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 11 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Das Jüdische Echo 87 drohen daher infolge von Hunger und Entheb rungen, die schwersten Seuchen. Diese ab er währen von einer nicht zu unterschätzenden Gefahr auch für die benachbarten Landesteile, namentlich aber auch für unsere tapferen dort kämpfenden Truppen, deren ständige Berührung mit der Bevölkerung unvermeidlich ist Es ist darum nicht nur ein Gebot jener Menschlichkeit, die beim Deutschen nicht an der Landes grenze Halt macht und die ja auch in so hervorragender Weise gegenüber den verwundeten und gefangenen Feinden zum Ausdruck kommt sondern auch m gleichem Maße eine Pflicht der Selbsterhaltung, der in Polen herrschenden Not mit allen Mitteln zu steuern, Millionen von Menschen vor den Folgen des Hungers zu retten und Seuchen, die auch uns gefährlich werden könnten, nicht erst ausbrechen zu lassen. Es hat sich deshalb eine internationale Kommission gebildet, die durch den Aufkauf von Nahrungsmitteln im Ausland und ihre Ueberführung nach Polen rasch Hilfe bringen will. In Deutschland hat sich zu dem gleichen Zweck unter dem Präsidium Sr. Durchlaucht des Fürsten von Hatzfelds Herzog zu Trachenberg, des Direktors im Reichsamt des Innern, Herrn Dr. Lewald, und des Direktors der Dresdner Bank, Herrn Herbert M. Gutmann, ein Zentral-Hilfskomitee mit dem Sitz in Berlin W. 8, Behrenstraße 38, gebildet, dem angesehenste Persönlichkeiten aus. allen Teilen Deutschlands beigetreten sind. Die Hilfe wird ohne Rücksicht auf das Glaubensbekenntnis allen Bedürftigen in gleicher Weise zuteil werden. Das Komitee wendet sich jetzt mit einem in unserem Anzeigenteil veröffentlichten Aufruf an die weitesten Kreise des deutschen Volkes mit der Bitte um Beiträge. Auch die kleinste Gabe ist willkommen. Zahlungen können bei sämtlichen Reichsbankstellen sowie bei den Niederlassungen einer großen Zahl anderer im Aufruf ramhaft gemachter Banken geleistet werden. Es ist beabsichtigt, über die Spenden, falls von den Gebern nichts anderes bestimmt wird, öffentlich zu quittieren. Karl Kautsky über „Rasse und Judentum" Von Selma Blumberg, München. (Schluß.) Zur Lösung vorliegender Fragen durch die Synthese gelangen wir wie folgt: Die Verschiedenheit der menschlichen Organismen kann weder die geographischen Verhaltnisse, noch das genannte mathematische Gesetz in Wirkung auf sie aufheben, weil diese Verschiedenheit keine absolute, d. h. keine die allgemeinen Merkmale des Menschlichen, sondern nur eine das Individuelle betreffende ist; die übereinstimmenden oder gemeinsamen Eigenschaften (wie: lieben, hassen usw.) bleiben davon unberührt. . ~ Ferner: Die Feststellung der neuern Forschung, daß eine Reinheit der Rasse nicht existiert, weil überall Rassenmischungen stattfinden, hebt die Neubildung von Rassen und die Rassenkonstanz nicht auf; denn da der Mensch trotz aller Technik kein ewig fahrender Scholar ist, sondern in bestimmten Gebieten seßhaft bleibt, muH es immer wieder zur Bildung und Konstanz von Rassen und Völkern kommen. Auch die Wanderungen, zu denen der Wandertrieb wie die wirtschaftlichen Verhältnisse einzelne Teile der Volker fuhren, können keine Auflösung der Rasse bewirken, da ihre Zahl im Verhältnis zu der Menge des Volkes, dem sie sich assimilieren, gering ist. Nach der mathematischen Wahrscheinlichkeitsrechnung kann bei einem derartigen Mißverhältnis der Teile kein positives Resultat zu erwarten sein. Wenn wir z. B. ein Glas Burgunder in sechs Liter Apfelwein schütten, dann wird wohl der Burgunder verschwunden sein, der Apfelwein aber wird sich weder im Aussehen noch im Geschmack so verändert haben, daß dies bemerkbar wäre. Das Resultat der Mischung fürs Praktische ist also f=U Ebenso kann die Anpassungsfähigkeit des Organismus durch seine Variabilität nicht aufgehoben werden, aus dem einfachen Grunde, weil diese verschwindend gering ist. Die vom Verfasser behauptete schnelle Veränderlichkeit der geistigen Organe ist nicht nachweisbar, vielmehr lehrt die Geschichte, daß das Denken in seinem Wesen sich in historischer Zeit nicht geändert hat: es ist zu Beginn der Geschichte mit derselben Kraft und Tiefe hervorgetreten wie heute, Beweis: Moses,. Homer, Buddha. Was endlich die Sprache anbetrifft, so fallen, wie die vorstehenden Ausführungen beweisen, die Bedingungen für ein Zusammenleben der Glieder eines Volkes nicht fort; Ausnahmen sind vorhanden, sie bestätigen aber auch hier nur die Regel. Wir sehen, die Gegenargumente sind in ihrer Wirksamkeit so beschränkt und gering, daß sie unmöglich die Rassenkonstanz gefährden können. Da aber Kautsky sie trotzdem zur Grundlage seiner Thesen benutzt und Argumente und Schlüsse darauf aufbaut und stützt, so fällt die ganze Schrift in sich selbst zusammen, da wir ihm oben diesen Boden, auf dem er steht, haben entziehen müssen. Auch mit der Idee von der Einheit des Menschengeschlechts — nicht derjenigen Einheit, die sich durch Verwandtschaft der Völker und Völkergruppen bildet und die nach wie vor besteht, sondern derjenigen, wie sie Kautsky denkt, nämlich als Konglomerat absolut verschiedener Individuen — ist es nichts, infolgedessen kann der Verfasser auch den Zionismus nicht überflüssig machen und muß ihn, wie alles andere, weil er tief in den Wissenschaften begründet ist, wohl oder übel bestehen lassen. Für uns aber ergibt sich aus den obigen Tatsachen mit verdoppelter Schärfe und Deutlichkeit die Erkenntnis, daß die Assimilation der Juden ein Irrweg ist, d. h. ein Weg, der zum Nichts führt. Assimilieren sich die Juden den Völkern, mit denen sie wohnen, so kann das Resultat dieser Mischung, da sie über der ganzen Erde zerstreut sind, sowohl für eine Neubildung, wie für eine Umgestaltung der geistigen Struktur dieser Völker kein anderes sein als 0. Die Juden sind dann untergetaucht wie ein Tropfen im Meer. Von einer Auflösung der Rassen und Völker erwartet Kautsky auch den Untergang des orthodoxen Judentums, das für ihn das Judentum überhaupt bedeutet. Männer wie Spinoza, Heine, Marx usw. gehören seiner Meinung nach nicht zum Judentum, weil das orthodoxe Judentum reaktionär gesinnt ist und jedem Fortschritt feindlich gegenübersteht. Aber der Verfasser vergißt, daß die genannten Männer nur die höheren Stufen in der Entwicklung des Judentums darstellen; daß sie aus dem orthodoxen Judentum als ihrem Erdreich emporsteigen und ohne diesen Boden, so wie sie sind, nicht möglich wären. So ist z. B. Spinoza aus frommen jüdischen Kreisen hervorgegangen, und der allgemeine Geist seiner Zeit