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Das jüdische Echo · 1915-03-19 · 11 (19.3.1915) · p. Seite 86

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
11 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Das Jüdische Echo Nr. ü len erkennen, aber ansonsten ergeht er sich gerade bei diesem Punkte in Gedankengängen, die für den Völkerfrieden im Nachbarstaate ebenso verhängnisvoll wären, wie sie es früher waren. Es ist nicht mehr als billig, wenn er es als unmöglich erklärt, „den Juden, der sich für unsere Sache schlug, weiter verallgemeinernd als Staatsschmarotzer zu betrachten", wenn er zugibt, „daß uns in politisch-nationaler Beziehung die Juden vielseits nicht unwesentlich unterstützten", wenn er gütigst mit Bezug auf die von der alldeutschen Partei ausgegangene Ehrloserklärung der Juden betont: „Es wird sich künftig nicht halten, den Juden von vornherein nur seiner Abstammung willen zu negieren". Die sich daraus ergebenden Folgerungen zieht jedoch Munin nicht. Es wäre sehr unklug, den Juden dann, wenn die Beziehungen der Nationalitäten zueinander geregelt werden, den Platz an der Sonne zu verwehren, indem man sie nach alter Gewohnheit zu fremden Gruppen schlüge, somit wie bisher ihrer Volkssouveränität beraubte, und wiederum zum umworbenen und mißhandelten Spielball eifersüchtiger Gegner machte. Was anderes bedeutet aber der folgende von Munin geschriebene Satz, „man müsse den Juden vor allem nationalisieren (?!), d. h. ihn für die völkischen Zwecke des deutschen Gesamtvolkes erziehen und dienstbar machen." Dienstbar machen! Nun wären wir glücklich dort angelangt, wo die Habsburgermonarchie aus den Fugen zu gehen drohte. Denn durch diesen einen Fall der Juden bliebe ja das Prinzip der Unterdrückung aller nationalen Minoritäten sanktioniert und aufrecht erhalten. Jung-Oesterreich muß anders werden! Das einzige Heil dafür liegt in einer dogmatisch und doktrinär durchzuführenden Politik der Gerechtsame gegen alle seine Völker ohne Ausnahm e, eine Politik, die nicht etwa von oben aufoktroyiert werden darf, wenn sie Erfolg haben soll, sondern den Willen aller Beteiligten darstellen müßte, ob sie dadurch auch zeitweiligen Schaden zu haben meinen. Es kann uns nur freuen, wenn die Oesterreicher dadurch, daß sie ihre Wünsche zum Frieden der reichsdeutschen Bevölkerung mitteilen, bekunden, daß sie diese an der inneren Politik ihres Landes für interessiert halten. Das gestattet uns aber auch, den Bundesgenossen rechtzeitig zu verstehen zu geben, was w i r von ihm für die Zukunft erwarten. Wir haben den unstillbaren Wunsch, daß sich Oesterreich-Ungarn nicht weiter selbst zerfleische. Denn von seiner Gesundung hängt auch unsere Stellung im Rat der Mächte ab. Wir verhehlen uns nicht, daß das Nationalitätenproblem wegen des bisher bestehenden gegenseitigen Mißtrauens äußerst schwierig auf gesetzlichem Wege, der allein im Personalitätsprinzip der nationalen Autonomie zu suchen ist, zu lösen sein wird. Die Lösung ist aber möglich, wenn sich unsere Bundesgenossen das Schachern um ephemere Wichtigkeiten abgewöhnen und sich entschließen, die Verständigung im Großen zu suchen, indem sie sich die primitivsten und zugleich höchsten Grundsätze zu eigen machen, die das harmonische Leben der nun einmal ethnisch verschiedenen Gesellschaft in Oesterreich-Ungarn ermöglichen. Oder soll das Blut der Völker für ein Phantom geflossen sein? Wir glauben gerne, daß das Umlernen schwer ist, zumal man Jahrzehnte lang solche Irrwege gegangen ist wie in Oesterreich-Ungarn. Aber wir müssen darauf dringen, daß man drüben den modus vivendi finde und nicht auf halbem Wege stehen bleibe. Möchte doch Herr Munin und seine Gesinnungsfreunde in allen Parteien die vergessenen Scharteken des Weisen von Emmersdorf, des Juden Adolph Fischhof, hervorholen und seine Worte jetzt beherzigen, die er vor bald fünfzig Jahren tauben Ohren gepredigt hat: „Oesterreich — will es seinen Bestand sichern — muß fortan der Träger eines hohen ethischen Gedankens sein; undöunzweifelhaft hat es auch den Beruf hierzu, da Gerechtigkeit die höchste sittliche Idee ist, und es keinen Großstaat in Europa gibt, der seiner innersten Natur nach sich mit derselben so zu identifizieren vermag wie Oesterreich". Nur auf dem Boden der Gleichberechtigung, aber niemals auf dem der Ueber- und Unterordnung werden sich die Völker Oesterreich-Ungarns vertragen lernen. Daß die Juden dabei nicht die Rolle des Aschenbrödels spielen werden, dafür werden sie, eingedenk ihrer Erfahrungen, selbst sorgen, darin werden sie aber auch, sobald die Zeit gekommen ist, die Unterstützung der deutschen Judenheit finden müssen, die um ihrer selbst willen nicht dulden kann, daß die Juden im künftig wohl noch enger verbündeten Nachbaiiande in eine wie immer geartete Ausnahmestellung gedrängt würden. N. W. Die Not in Polen! Kaum ein Land leidet so unter den Kriegswirren wie Russisch-Polen. Das vielfache Hin und Her der kriegerischen Operationen, das Vordrängen und Zurückfluten riesiger Truppenmassen, mit der unvermeidlichen Zerstörung von Haus, Hof und Qut, der Unbrauchbarmachung von Wegen und Eisenbahnen im Gefolge, hat nicht nur zu einer völligen Stillegung des wirtschaftlichen Lebens geführt, sondern auch die nach Millionen zählende Zivilbevölkerung des Landes, namentlich in den Städten, in größte Not gebracht. Es fehlt fast an allem, insbesondere an Kohlen und Nahrungsmitteln. Der ärmeren Bevölkerung

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