Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 10 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 83 Das wollte er sagen. Aber keinen Ton bekam er über die Lippen. Verlegen langte er nach dem Glase, leerte es mit einem Zuge und fing an er bärmlich zu weinen! So weint allein das Unglück. Alle erschraken im Zimmer. Und da nun gar noch die Kinder auch zu jammern begannen sprang Abraham Kaplan zornig auf: „Nette Purimspieler. Was soll das heißen? Bei mir weinen? Werft sie hinaus!" Und einer von den Gästen gab Simon einen Fußtritt. Ein anderer puffte ihm in die Seiten. Aber Jechiel packte ihn am Barte, am falschen. Er blieb in seiner Hand. „Simon,* Simon", schrieen jetzt, die ihn gestoßen hatten, und schreckten erstaunt zurück Ihm war, als ob ihm spitze Nadeln ins Ohr sausten, wie er seinen Namen hörte. Die Kniee bebten. Aber er raffte sich mit letzter Kraft auf und lief hinaus. (Der ihm am nächsten stand, bekam noch einen Stoß.) Und die Kinder liefen hinter ihm drein. — Simon stürmte nach Haus. Wenn es nur noch recht weit wäre. Alles wirrte ihm im Schädel durcheinander . . . Bergab! . . . Morgen werden ihm schon die Kinder auf der Gasse nachrufen: „Seht da den Purimspieler!" Er fürchtete, daß die Leute ihn jetzt schon im Augenblick verhöhnen würden. Vor Scham wagte er es nicht, die Augen zu öffnen. Und Gittel?! ... Sie durfte nichts erfahren. Wenigstens heute nichts. „Kinder! daß Ihr mir daheim nichts erzählt! Hört Ihr, Was ich Euch sage? Macht schon ein Ende mit dem Weinen." Dann wischte er ihnen mit seinem Taschentuch die vertränten Gesichtchen ab. Aber die Kinder schluchzten wieder. Wütend schrie er sie an. Jetzt hielten sie krampfhaft den Atem an. Doch bald zwang es sie wieder zu schluchzen, zu weinen. Simon sah, daß er mit Bösem nichts würde ausrichten können. So fing er denn zu schmeicheln an: „Ei, der hat einen guten Stoß bekommen." (Ihm war zu Mut, als müßte er jetzt auf einen hohen Turm klettern und sich hinabstürzen, daß er unten zerschellte.) „Er sucht sich gewiß jetzt seine Knochen zusammen," lachte er weiter. „Nun, Haman, was weinst du? Uebers Jahr werden wirs besser machen." Uebers Jahr? Ein Schauder kroch ihm durch alle Glieder. Uebers Jahr wieder Purimspieler? Leibke sagte trocken: „Ich werde nicht mehr gehen." Das macht Simon wieder fröhlicher: Kinder sind ja Propheten. „Uebers Jahr werden wir glückliche Menschen sein", und freudig faßte er die beiden an und schlitterte mit ihnen über die glatte Gasse, daß sie frohgemut und munter würden. „Uebers Jahr, da sitzen wir ruhig und lustig um den eigenen Tisch herum," meinte Leibke sicher. „Und süße Speisen und alles Gute in Fülle", unterbrach ihn Simon, angesteckt von Leibkes Zukunftshoffnung. „Aber jetzt seid gut. Weint nicht und klagt nicht! Und erzählt nichts der Mutter." Er riß ihnen die falschen Bärte ab, zerfetzte sie; und nun traten sie in ihr Stäbchen ein. — (Schluß folgt.) Bühnen-Echo Rudolf Schildkraut als Shylock. Gastspiel im Münchener Volkstheater. Was ein Künstler seinem Volke verdankt, wurde uns hier leibhaft vor Augen geführt. Ich leugne, daß ein Schauspieler christlicher Abstammung, und wäre er noch so bedeutend, ich bezweifle es, daß ein Darsteller aus unserem verdünnten westlichen Judentum einen solchen Shylock schaffen könnte. Nur ein Mann, dem Osten entstammend, wo eng miteinander hausende Massen jenes reiche jüdische Volksleben erzeugten, tiefsinnig grübelnd, schwermütig singend und erzählend, überschwänglich fröhlich, wo jede Aeußerung des Gemütes, jede Sitte und jedes Handeln eigene volkstümliche Farbe trägt, war imstande, diese Gestalt so bezwingend und vor allem so hinreißend jüdisch erstehen zu lassen: in jeder singenden Biegung der Stimme, in jedem Ringen der Hände, in jeder flatternden Bewegung des Rockelors. Und was könnte dem Shylock wesentlicher und wichtiger sein als jüdisches Wesen? Hat doch Shakespeare selber es ihm als konstituierendes Merkmal zugewiesen, als er die seinem Spiel zugrundeliegende italienische Novelle umgestaltete. Und darum, weil Schildkraut den Shylock so ganz mit. seinem , jüdischen Wesen erfüllte, wurde er ein so wundervolles Gebilde voll schlichter Wahrheit und Größe und trotz seiner orkanischen Leidenschaftlichkeit ohne das verstiegene Pathos und die hohle Rhetorik, die die Zuflucht des Nichtkönners sind. Wer Schildkraut noch nicht als Shylock erlebt hat, kennt Schildkraut nicht, wer aber Shylock gesehen hat, und Rudolf Schildkraut spielte ihn nicht, der kann Shylock in seiner Tiefe nicht erfassen. W.-St. Literarisches Echo Rabbiner Dr. N. A. Nobel: Kriegspredigten. Verlag Kauffmann in Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. A. Eckstein: Drei gottesdienstliche Vorträge. Gedruckt in der Handelsdruckerei in Bamberg. 15 S. 30 Pf. All diejenigen, welch sich für seelsorgerische Predigten interessieren, sollten sich eine Lektüre der geistvollen Ansprachen Rabbiner Nobels nicht entgehen lassen. Wenn sie auch bei verschiedenen Anlässen und zu verschiedenen Zeiten gehalten wurden, so läßt sich doch der innere Zusammenhang nicht verkennen. Wir möchten empfehlen, diese Reden ins Feld zu schicken. Denn man hört ja häufig, daß die Not der Zeit die Menschen daheim und im Feld religiöser stimmt, und wir glauben daher auch, daß solche von tiefer Religiosität, Toleranz und Vaterlandsliebe durchdrungenen Worte den Soldaten im Felde in Schlachtpausen nicht unwillkommen sein dürften. — Auch die Ansprachen Rabbiner Ecksteins dürften ihre Wirkung auf die Leser nicht verfehlen. Unter Anlehnung an Worte der heiligen Schrift versteht der Verfasser es trefflich, aufmunternde Worte an die Daheimgebliebenen, wie nicht minder an die vor dem Feinde Stehenden zu richten. Es wäre zu wünschen, wenn sich diese Predigten ebenfalls der allgemeinen Beachtung erfreuen würden. J. Dr. Edmund Blum: nicht taufen?!" chen. 1913. 8°. „Warum lassen sich die Juden Verlag O. Th. Scholl, Mün- 154 S. M. 2.—. Nach einer flachen gegen Juden- und Christentum gerichteten Attacke, welche die Hälfte dieses unerquicklichen Buches füllt, beantwortet der Verfasser die Frage dahin, — wenn wir (was er selber nicht kann) aus den verworrenen Ausführungen seinen Standpunkt zu finden vermochten —: Mit dem Wachsen des Sozialismus werde das religiöse Bekenntnis immer mehr in den Hintergrund treten, somit im selben Masse die Taufe