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Das jüdische Echo · 1915-03-12 · 10 (12.3.1915) · p. Seite 82

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
10 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 Das jüdische £chd Nr. io Flasche fort und sagte verzweifelt: „Du bist doch schon ein richtiger Purimspieler!" . . . Simon suchte sie zu beruhigen. Er legte seinen Arm um sie und sagte lachend: „Verstehst du denn nicht: Ahasveros muß doch betrunken sein. . . . Abraham Kaplan wird drei Rubel schenken." Und nun sprang er mit lautem Ahu in die Höhe, ausgelassen und trotzig. . . . Sie hätte ihm am liebsten den falschen Bart herunterreißen mögen, da sie ihn so tanzen sah. Er aber stieß sie zurück. „Ich, Ahasveros, König von Haudu bis Kusch," sang er in der üblichen Melodie. „Nun vorwärts, kleine Bande!" Er nahm einen Rock, und fort gings mit den Kindern. Eine wilde Verzweiflung warf Gittel auf das Bett hin. Sie raufte sich das Haar wie eine Rasende und schrie. Simon hörte das laute Klagen noch. Sein Henz drohte ihm zu zerspringen. Schon wollte er umkehren. Aber er ging weiter. Die Kinder hinterdrein. Leibke seufzte. Hirschele guckte ihn scheu von der Seite an. Es war eine kalte Märznacht. Tausend glitzernde Sterne funkelten in die Gäßchen hinab. Aus den Häusern klangen laute, fröhliche Gesänge — die rechte Purimfreude. Auf der Straße waren nur wenige Menschen zu sehen: ein paar verkleidete Purimspieler, ein paar geschäftige Almosenschinder. Der eisige Wind, der Simon um den glühenden Schädel blies, brachte ihn wieder zur Besinnung. Er wurde wieder traurig. Ein dumpfer Schmerz bohrte sich in ihn hinein, und siedende Tränen quollen ihm aus den Augen. Sollte er umkehren? Er stürmte vorwärts. Nur recht schnell aus dem Gäßchen heraus! Daß man ihn nicht erkennte — trotz seines falschen Bartes. Als er den Tempeldiener sah, starb ihm jedes Glied ab. Doch der Diener ging vorüber, sah ihn an, aber erkannte ihn nicht. Da wurde Simon frohgemuter und sicherer. Aber er beschloß dennoch, nur in fremde Häuser zu gehen, wo man ihn nicht kannte. Wie er die erste Tür öffnete, pochte ihm das Herz wie einem Diebe. Er zwang sich hinein! Leibke-Haman fing gleich an seine Rolle herzusagen. Man ließ ihn nicht zu Ende reden. Simon bekam 15 Kopeken — aber er sollte gehen. Wie ihm das erste Bettelgeld in der Hand brannte! Wie seine Glut ihn durchwühlte ... 15 Kopeken! Schon weniger. . . . Die Krämerin bekommt also nur noch drei Rubel und 65 Kopeken. . . . Wo bleibt der Bäcker und der Fleischer und das herannahende Passafest . . . und die versetzten Sachen? — Im zweiten Haus war es wieder so. Hier bekam er 25 Kopeken und Hirschele noch ein Stück Torte. (Leibke wollte nichts annehmen.) . . . Simon dachte: Noch weniger! Die Krämerin bekommt nur noch ... da fiel sein Blick auf die Torte in Hirscheies Hand. Er riß sie ihm fort und warf sie auf die Gasse. Kuchen brauchte er nicht. . . Und Leibke gab seinem Bruder einen Puff: „Du sollst nichts nehmen, wenn man dir was schenkt." Simon hörte diese leisen Worte. . . . Er freute sich des Kindes. Es war doch sein Blut. Ihm wurde so warm ums Herz, daß er ihn hätte an sich ziehen mögen und ihn küssen ■— als.. Dank! Aber er stürmte vorwärts. Er fühlte es wie einen Stich ins Herz: Er . . er durfte nehmen, wenn man ihm was schenkte? Ein Gefühlsgewirr von Schande, Verzweiflung und Furcht drohte seine Brust zu zersprengen — doch er raste weiter. Er wollte über etwas nachdenken — aber er hatte schon vergessen, worüber. Die ganze Berechnung, wie er das erbettelte Geld verwenden würde, ging ihm verloren. Eine innere Gewalt hetzte ihn von Stube zu Stube, von Haus zu Haus. Nur wenn er aus den Höfen trat, fühlte er dunkel: Wieder weniger! Aber er wußte nicht mehr, was denn weniger wurde. In einigen Häusern mußte er vorspielen, singen, tanzen, die Glieder verrenken. Mit eiserner Kraft mußte er sich zwingen, bei der Sache zu bleiben. Er mußte doch Mordechai und Haman antworten. Aber er wurde zerstreut und redete alles durcheinander. „Ich kann nicht mehr laufen," weinte Hirschele und hielt den Vater am Rockzipfel. Simon blieb stehen und blickte mit wirren, müden Augen sein Kind an. Da kam er zu sich. Er spürte, wie zerschlagen er war. Wenn sie jetzt doch schlafen gehen könnten! Er zog den Hut vom Kopfe. Der Schweiß rann ihm in dicken Tropfen über das Gesicht. Sollte er heimgehen? Da griff er in seine Tasche, um seine Beute zu zählen. Doch er schämte sich deß vor den Kindern. „Nach Hause gehen?" Er sann nach: ich wollte doch noch irgendwo hingehen. Ach ja! Abraham Baruch Kaplan . . . der Dreirubelschein ruft und lockt. Nochmals singen, nochmals tanzen und springen und die Glieder verrenken — und ich kann jetzt kaum noch auf den Füßen stehen . . . Aber die drei Rubel! — „Kommt, Kinder, wir müssen noch in ein Haus. Dann aber gehen wir wirklich nach Haus!" . . . Und sie gingen zu Abraham Baruch Kaplan. Bei Kaplans ging es lustig her. Die ganze Straße hallte wieder von all dem Schreien und Singen und Springen. Es waren sehr viele Gäste da: und Purimspieler kamen und gingen. In der Mitte des Zimmers johlte und hopste eine tolle Schar im Kreise herum um einen Spieler, der die wildesten Kunststücke unter trunkenem Singsang machte. Kaplan — ein wohlgenährter Herr — saß oben an einer reich besetzten Tafel und rief in die Gesellschaft: „Fröhlich und lustig, liebe Leut! Noch toller muß es hergehen. Hoppa, Hu, Hoppa! Sehr gut, Bravo!" Und da der Clown mit seinen Verrenkungen aufhörte, rief ihn Kaplan zu sich heran. „Nimm einen Schluck Branntwein!" Simon, der eben ins Zimmer trat, erkannte den Tänzer sofort; es war Jechiel der Lange. Am liebsten wäre er entflohen. Aber schon hatte ihn Kaplan bemerkt und rief ihm zu: „Was stehst du denn da an der Tür? Komm nur herein?" Nun wünschten ihm alle im Saale „guten Purim" und stupsten ihn bis an den Tisch heran. Jechiel schrie: „Du, Ahasveros, du König, Narr du!" Aber Simon erkannte er nicht, dazu war Jechiel schon zu voll. „Sei still" — schrie ihn Kaplan an — „erst muß er doch was trinken und dann . . . nun gießt ihm schon ein!" Jechiel goß ihm ein großes Glas voll. Was sollte Simon da tun? Ablehnen, weil er nicht trinke? Aber, er fürchtete sich, zu reden; natürlich, ein Purimspieler, der nicht trinkt! . . . Und dann, Jechiel könnte ihn an der Stimme doch erkennen. So sagte er denn tonlos: „Aufs Wohlsein!" und nippte ein wenig am Glase. „Was ist das?" — fragte Kaplan entrüstet — „bei mir wird nicht genippt. Bei mir wird alles ausgetrunken. Alles. Sonst wirds mit Gewalt in Hals und Nacken gegossen." Simon lächelte bloß. Ihm war schlecht zu Mut. Der Hals brannte ihn, und die Augen taten ihm weh. Er wollte so gerne witzeln und sagen: Heut ist Purim. Morgen ist's aus. Gebt mir ein' Dreier und werft mich hinaus.

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