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Das jüdische Echo · 1915-03-12 · 10 (12.3.1915) · p. Seite 74

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
10 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 Das Jüdische Echo Nr. 10 digerweise auch uns. Als Deutsche hassen wir die Engländer, sind wir Feinde Rußlands und Frankreichs, als Juden aber sind wir uns bewußt, in diesen Ländern Brüder, Stammesgenossen zu besitzen, die die heiligsten Traditionen der Vergangenheit, die tiefsten Hoffnungen für die Zukunft unzertrennlich mit uns verbinden. Diesem Konflikte gegenüber, in dem wir uns befinden, kann es für jeden guten Juden nur eine Haltung geben: er muß trachten, ihn zu überwinden. Der aber verdient alle Verachtung und Verurteilung, der vor diesen Aufgaben feige die Flucht ergreift und die Konflikte, in die uns die Zeit versetzt, so lösen will, daß er eines der widerstreitenden Elemente einfach preisgibt. Es ist recht traurig, konstatieren zu müssen, daß es deutsche Juden gibt, die diesen Konflikt von deutschem Patriotismus und jüdischer Solidarität so zu überwinden suchen, daß sie die letztere aufgeben. Beispiele solcher Art haben wir bereits erlebt. Um nur zwei der krassesten zu nennen: In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in einem Artikel „Krieg und Kultur" schreibt Ludwig Geiger im Anschluß an die Nachrichten über furchtbare Pogrome in Rußland folgende Worte: „Gewiß trauern wir darüber, aber werden wir je wieder in der Lage sein, oder auch nur den Willen haben, den Glaubensbrüdern im Osten zu helfen? Wird uns, wie wir hoffen, der endgültige Sieg beschieden, sollen dann wirklich wieder Millionen nach Rußland fließen, nach dem Feindeslande, um die Wunden zu heilen, die Neid und Haß unseren Glaubensbrüdern geschlagen?" Und noch krasser tritt diese Art in folgendem Satze zu Tage, die ein Herr Hermann Becker im „Hamburger Israelitischen Familienblatt" niederzuschreiben vermag: „Die erste große Lehre für das Verhältnis der Juden zu den andern Bekenntnissen ist: Es gibt kein internationales Judentum!" Man könnte gewiß noch andere Beispiele zitieren. Die zwei mögen genügen. Sie zeigen mit hinreichender Deutlichkeit, wie sehr bereits so manche deutsche Juden der Gefahr dieser großen Zeit erlegen sind, indem sie es für ihre Pflicht halten, Leugner der jüdischen Solidarität und damit Verräter am Judentum zu werden. Denn darüber mag man sich doch völlig klar sein: Wer die jüdische Solidarität leugnet, zerstört — bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt — den Grundpfeiler der Existenz der jüdischen Gemeinschaft. Ein einziger flüchtiger Blick in die jüdische Geschichte genügt, um uns darüber zu belehren: Was uns bislang durch alle Jahrhunderte der Verfolgung und Unterdrückung erhalten hat, war einzig und allein unsere Solidarität. Hätte es vor Jahrhunderten nur ein deutsches oder französiches oder russisches Judentum gegeben, es gäbe schon lange mehr überhaupt kein Judentum. Und wenn man daher heute, in einer Zeit, da allein in Polen zwei Millionen Juden existenlos geworden sind, da in Galizien Zehntausende Hab und Gut, Heimat und Erwerb verloren haben, da blühende jüdische Gemeinden und Institutionen vernichtet worden sind, und die Blüte unserer Jugend auf den Schlachtfeldern fällt, wenn man heute an dem Prinzip der jüdischen Solidarität rüttelt, dann legt man damit die Axt an die Grundsäule des Judentums, dann wird man zum Verräter an ihm. Ich will hier nicht von all den vielen logischen, historischen, moralischen und politischen Gründen sprechen, die solche Anschauungen, wie sie Professor Ludwig Geiger oder Herr Becker darlegen, als durch nichts begründet, als falsch und unhaltbar erscheinen lassen. Es gibt Dinge, die einem so heilig sein müssen, daß jede Polemik über sie einfach unmöglich ist. Einem frommen Gläubigen erscheint es als Sünde, mit einem Gottesleugner über die Existenz Gottes zu streiten; ein wahrer deutscher Patriot wird es mit Entrüstung von sich weisen, einem anderen die Berechtigung der Existenz des deutschen Vaterlandes beweisen zu sollen. Wo es um die Grundlage unseres Daseins geht, gibt es keine Debatte und kein logisches Argumentieren; da kann nur das Gefühl entscheiden; da heißt es: Sein oder Nichtsein; wer sich noch als Jude fühlt, wird keinen Moment an seiner Treue zum jüdischen Volke, zur jüdischen Solidarität schwanken können; wer es aber vermag, unsere Solidarität zu leugnen, der ist uns innerlich schon verloren. Alle jene deutschen Juden aber, die noch die Treue zum Judentum im Herzen tragen — und wir meinen, es ist die erdrückende Mehrzahl — mögen angesichts solcher Erscheinungen nur das eine bedenken: kann das patriotische Empfinden, kann die Liebe und Treue zum Vaterland rein und tief sein, wenn sie ein Jude nur durch den Verrat am Judentum sich erkaufen zu können glaubt? Oder heißt es nicht, das Vaterland entwürdigen und entweihen, wenn man meint, es gebiete uns Juden, Verräter zu werden an unserer jahrtausend alten Geschichte, an unserer uralten Gemeinschaft, an den Millionen unserer verfolgten, unterdrückten, leidenden Brüder? Hier wie in allen großen Konflikten der Menschenseele ist der wahre Weg nicht feige Flucht, sondern die tapfere Ueberwindung, heißt die Parole nicht Entweder-Oder, sondern Sowohlals auch, ist das letzte Ziel nur die harmonische Synthese und Versöhnung beider. Nur wenn das deutsche Judentum sich dessen bewußt bleibt, wird es sich als dieser Zeit wirklich würdig erweisen und darf sicher sein, durch das Erlebnis dieser großen Epoche wahrhaft bereichert und geadelt zu werden, statt wie so viele kleine Seelen durch sie erdrückt und verarmt worden zu sein. N.-n,

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