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Das jüdische Echo · 1915-03-05 · 9 (5.3.1915) · p. Seite 70

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
9 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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Das Jüdische Echo Zeitungs-Echo Gustav Hervc, der bekannte französische Sozialistenführer und Antimilitarist, schrieb anläßlich der bevorstehenden sozialistischen Konlerenz in London in seiner jetzt täglich erscheinenden Zeitung „La guerre sociale" am 12. Februar einen Leitartikel, in welchem er die Judenfrage behandelt. Seine Ausführungen gipfeln in folgender Beurteilung der zionistischen Aussichten: „Wenn man bei Friedensschluß auf dem Papiere erreichen sollte, — und wir werden es erreichen —, daß in diesen Ländern (Polen, Rumänien und Rußland) die Juden die Gleichberechtigung bekommen und nicht mehr als Parias behandelt werden, so werden sie dennoch jahrelang geistigen Leiden ausgesetzt bleiben. Die Verfolgungen haben bei Millionen von ihnen ein nationales Bewußtsein erweckt, welches mit Halbmitteln nicht mehr befriedigt werden kann. — Ich habe lang den Traum der „Zionisten", welche fordern, daß man ihnen das Land ihrer Väter zurückerstatte, als Chimäre betrachtet. Zwar haben sich jüdische Kolonien bald da, bald dort in Palästina gebildet und solche, die als Musterkolonien wohl gezeigt haben, daß zweitausend Jahre städtischen Lebens nicht vermocht haben, in ihnen die Eigenschaften ihrer Ahnen, als Bauern Judaeas und Galilaeas, zu vernichten. Aber wie konnte man hoffen, Palästina unter der türkischen Herrschaft auferstehen zu sehen? (Eine Hoffnung, die wir Juden nach wiie vor hegen. Anmerk. )d. Redt). . . . Dieser völkerbefreiende Krieg muß mit dem Auferstehen der ältesten Nation, welche die brutale Kraft zerstreut, aber nicht bezwungen hat, endigen. — Juden, die Ihr seit zweitausend Jahren auf Erden wandert, durch Euer Märtyrertum die Ewigkeit der Völker, die nicht sterben wollen, zeigend .und bis jin die Flammen der Scheiterhaufen und unter den Messern der Mörder Euren festen Glauben an den Sieg des Rechtes über die Macht bekundend, freut Euch: Euer Messias ist nah!" Feuilleton Bergab Eine Purim-Geschichte von David Pinski. Aus dem Jüdisch-deutschen übertragen von Theodor Zlocisti. (Fortsetzung.) Jechiel war sein Lebtag Prolet. Innerlich und äußerlich. Ein roher, ungebildeter Kerl. Seine Mutter war eine Dienstmagd. Sein Weib eine Dienstmagd. Sein Vater ein Fuhrmann. Jechiel ein Säjifer. Eine Knechtseele ohne Stolz, ohne höheren Drang. Er war der geborene Purimspieler! Aber . . . .! Simon lief mit hastigeren Schritten vorwärts, als wollte er dem tosenden Sturme seiner eigenen Gedanken entfliehen. Und als er daheim war, da sang er lustig und tanzte und sprang wie lange nicht mehr. Aber die Gedanken ließen ihn nicht los. Sie bohrten ihm im Schädel. Er baute tausend Pläne, seine Not zu besiegen. Aber alle unbrauchbar! Nur einer...! Er hopste wie ein Wilder mit seinen Kindern durchs Zimmer, daß Gittel ihn verwundert anschaute. „Ach Gott" — so raunte es ihm ins Ohr - „wer wird dich denn erkennen? Im Purim- Mummenschanz! Und dann kannst du ja mit deinen Kindern gehn. Das erfährt dann keiner!" „Kinder?" Er blieb wie erstarrt stehen. Das Herz krampfte sich ihm zusammen. „Auch die Kinder, meine Kinder . . . sollen Purimspieler werden?" Wie ein Schluchzen preßte es ihm die Seele ab. Er zog den Hirschele an sich und drückte ihn an seine Brust, ihm mit eisiger Hand das Haar streichelnd. Und wie sein vertränter Blick auf Leibke, seinen Erstgeborenen fiel, da packte Simon der wuchtige Schmerz von verblaßten Träumen: „Es ist doch alles verloren, alles. So wie so! Aus ihnen wird nichts werden! Nichts Höheres." Und verlegen schaute er um sich, ob Gittel ihm nicht gar die schwarzen Gedanken von der Stirn läse . . Und wenn?! Sein Entschluß stand fest: er mußte als Purimspieler zu den reichen Leuten gehen . . Gittel saß in sich gekehrt und besserte iltes Linnen aus. Simon setzte sich zu ihr und streichelte ihre Wange und Haar. „Was sollen wir anfangen? Die Krämerin drängt. Und der Bäcker und Fleischer lassen einen nicht mehr leben." Und mit gemachtlautem, anklopfendem Lachen fügte er hinzu: „Man muß als Purimspieler gehen!" — Er guckte sie scharf von der Seite an, wie sein Vorschlag wirke. Sie seufzte und tat, als ob sie ihn nicht verstanden hätte. . . „Nicht wahr? Ein feiner Plan!" lachte er, und wünschte, sie möchte ihn verstehen. Und fürchtete es dennoch. „Was denn?" murmelte sie. — Ernster, aber doch noch lächelnd sagte Simon: „Es ist der einzige Weg." Jetzt blickte sie auf! Und sah ihn mit fragenden Augen an; dann: „Ach, laß doch!" — „„Was soll ich denn anders tun?"" fragte er, immer lächelnd. Denn er fürchtete sich, im Ernste davon zu sprechen. „Du meinst es ernst?!" preßte sie hervor, und das Herz pochte ihr, als wollte es den Busen sprengen. — „Ganz ernst. Es gibt eben keinen anderen Ausweg!" antwortete er, versuchend, das Lächeln aus seinen Mienen zu scheuchen. Da sprang Gittel entsetzt auf: „Bist du toll?" schrie sie; und dunkle Röte ergoß sich über ihr Gesicht. Er zuckte mit den Achseln. Die Stirn verkrampfte sich ihm in tausend Falten und Fältchen: „Mach es besser! Es gibt kein anderes Mittel mehr." Und als sie voller Verzweiflung, bleich und das Auge umflort von den sich empordrängenderi Tränen ihn anstarrte,: „Ach hör doch auf damit" — da sagte er liebkosend: „Ich hab das ja alles nur . , scherzhaft gemeint." Sie fühlte, er hatte nicht gescherzt. „Du Närrin" — sagte er herzig und weich, — „was weinst du denn! Wozu die Aufregung — selbst wenn ich als Purimspieler gegangen wäre? Wer würde das erfahren? Ich rede ja nur so. Denk mal, ich würde Hirschele und Leibke die Rollen des Haman und Mordechai beibringen (er hatte das Gefühl, als hätte er einen Dolch in der Brust —). Ich würde mit ihnen zu den Reichen gehen Wer würde uns erkennen? . . ." „O, laß doch, bitte!" flehte sie ihn an. Er wurde stili. An diesem Abend wollte er davon schweigen. Er wußte, wie sie antworten würde. Er wußte, daß die Tränen sie ersticken würden, wenn er im Ernste von den Kindern spräche. Er wußte das alles und schwieg darum. Aber einen andern Ausweg kannte er doch nicht! Und morgen wie heut. Und Tags darauf wieder so. Die Krämerin drängte. Der Bäcker wurde ungeduldiger. Der Fleischer fluchte. Da pochte es in Gittels Herzen: „Wenn sie nun wirklich als Purimspieler gingen?! Sie könnte sie doch so

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