Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 9 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nr. 9 derexistenzen vorhanden sind und sich erhalten haben, wie die Notwendigkeit der Judenassimilation und das, was da werden soll, die Einheit des Menschengeschlechts. Folgende Art der Beweisführung führt ihn zum Ziel. — Die im Vordergrund stehenden Fragen sind: L Wie entstehen die Rassen oder Völker, auch Typen zu nennen, die sich sowohl im Äußern wie in Sprache, Anschauungen und Sitten deutlich voneinander unterscheiden und auf dem ganzen Erdenrund vorhanden sind? II. Zu welchen Resultaten führt die Lehre von der Rassenmischung der neueren Forschung, die im Gegensatz steht zu der früheren Annahme der Rassenreinheit? Führt sie nicht zur Auflösung der Rassen? (Fortsetzung folgt.) Brief aus der Schweiz Wenn ich an jenen Augusttag zurückdenke, an dem mich die Mobilmachungsorder der schweizerischen Armee von Berlin nach Zürich rief, hebt sich von der verwirrenden Fülle der Eindrücke jener Stunden die Figur eines russischen Juden ab; ich sehe ihn wieder auf dem Bahnsteig des Potsdamer Bahnhofes stehen, ein wenig gebeugt, mit sonderbaren Augen, in denen viel niedergedrückter Stolz lag, mit dem langen, weißen Bart des Patriarchen — und ich höre seine Stimme, die zitternde Untertanenstimme eines Furchtsamen: Glauben Sie, daß die Schweiz noch Ausländer über die Grenze läßt? Diese Frage wurde in jenen Tagen von tausenden und abertausenden russischen Juden gestellt, und in ihr lag das Zeichen, unter dem sich bei uns in der Schweiz ein sonderbares Stück jüdischen Lebens abspielen sollte. Wir kannten bisher zwei Arten östlicher Juden: den Studenten und den Proletarier. Der Krieg brachte uns nun' als neue Erscheinung den jüdischen Bourgeois des Ostens, der, im deutschen Kurort von den Ereignissen überrascht, zu uns herüberfloh, um von hier aus; in seine Heimat zurückzukehren, oder im neutralen Lande die tosende Zeit zu überleben, da rings um die Grenzen ungeheure Schicksale abrollen und sich neu gestalten. Und es mußte sonderbar überraschen: Während ein Teil der russischen Studenten anfangs glaubte, nun sei für den russischen Juden die Zeit gekommen, da ihm das gleißende Tor zur Freiheit aufgeschlossen würde, während dieser und jener Junge von dem Einfluß Englands und Frankreichs auf seinen Heimatsstaat herrliche Ergebnisse erwartete — haben diese Alten im tiefsten Innern ihres Herzens nicht eine Sekunde daran gezweifelt, daß dem Juden in Rußland kein noch so geringer Vorteil erwachsen werde, und sie verstanden es nicht, über den klingenden Phrasen, die von Rußland herüberdrangen, jenes dunkle Meer jüdischer Leiden zu vergessen, das über jenem Lande liegt und sich von Jahr zu Jahr weitet. —• Auch dem jüdischen Intellektuellen ist ja in der Zwischenzeit mancher „Wert" umgewertet worden, und die verblümten Worte eines Bekannten, die mir dieser vor kurzem aus Petersburg schrieb: „Sie haben doch recht gehabt, meine Sympathie hat bei näherer Bekanntschaft stark nachgelassen", beweisen mir, daß die tiefe Verwirrung, in der sich das Denken von manchem verstrickte — sich geklärt hat und die Verhältnisse in Rußland nicht derart sind, um einen Patriotismus der russischen Juden zu beleben. Wie diese Verhältnisse in Wirklichkeit sind, davon wußte ein junger Lodzer Jude zu erzählen, der vor einigen Tagen nach der Schweiz kam, um im Engadin seine gestörte Gesundheit wieder herzustellen. Er hatte von den deutschen Militärbehörden die Erlaubnis erhalten, von Lodz durch Deutschland nach der Schweiz zu reisen; die Berichte, die dieser Mann von den Zustanden in Polen bis zur Ankunft der Deutschen gab, waren in hervorragendem Maße geeignet, jede Hoffnun phantastischer Träumer im Keime zu erwürgen. Die grauenhafte Ballade von Kischineff und Hornel wurde uns neu erzählt; der ganze entsetzliche Reigen jener Tage ward wieder lebendig. Ueber 200 Progrome sollen seit dem Ausbruche des Krieges stattgefunden haben und vor allem die Polen sollen sich in hervorragender Weise an der feigen Mordarbeit — teils als hetzerische Aufreizer der russischen Soldaten, teils als deren würdige Mitarbeiter beteiligt haben. — Aber auch für die russischen Juden, die vor Jahren schon vor der Brutalität ihrer Regierung in die Schweiz flohen, ist jetzt keine gute Zeit. Ein großer Teil der Handwerker und Hausierer ist brotlos geworden und die jüdische Fürsorgekommission, die in Zürich segensreich tätig ist, vermag es nicht, diesen Strom von Elend und Armut einzudämmen; eine Suppenanstalt, die Armenpflege der jüdischen Gemeinde und studentische Organisationen versuchen, helfend einzugreifen, und es erschüttert Tag für Tag neu, wenn man erkennen muß, daß alles dieses noch zu wenig ist, um wirklich zu helfen und zu heilen. So drängt sich einem immer wieder die stumme Bitte um Frieden auf die Lippen — und mit dieser Bitte verknüpft sich noch eine andere, die so groß ist, daß sie in Worte gefaßt, einen wie etwas Unmögliches anstarrt: daß mit dem Frieden auch die Erlösung jener Millionen von Juden kommen möge, die so lange darauf warten, denen brutale Wjillkür den blauen Himmel verdunkelte und die, aller menschlichen Werte beraubt, von dieser Stunde Seltsames erwarten. Zürich, Febr. 1915. Dr. Salomon D. Steinberg. Welt-Echo Die Zahl der russischen Juden In Deutschland beträgt jetzt ca. 60 000 Seelen. Fast alle leben in der größten Not. Um das Elend zu lindern und gleichzeitig sie vor eäner Ausweisung zu schützen, hat der „Hilfsverein der deutschen Juden" eine Konferenz einberufen, an der sich auch ein Vertreter der Regierung beteiligte. Es wurde beschlossen, die armen Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben mußten, zu unterstützen und zu diesem Zwecke werden überall öffentliche Subskriptionsgelder gesammelt. Das Auslands-Komitee des „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes" in Litauen, Polen und Rußland (Bund) tritt in der politischen Presse mit einem Appell „an die Kulturwelt" hervor, der die Untaten der russischen Polizei und Soldateska ins richtige Licht stellt. In New-York wurde ein Komitee gebildet, das auf die bürgerliche Gleichstellung der Juden in allen Ländern hinarbeiten soll. Auf die Zusammenarbeit mit freiheitlich gesinnten Persönlichkeiten in England, Frankreich, Deutschland und Italien wird besonderer Wert gelegt. Die Idee eines besonderen Vertreters des jüdischen Volkes bei der kommenden Friedenskonferenz hat durch den Beschluß der achten Kon-