Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-03-05 · 9 (5.3.1915) · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
9 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9114931--00244-9073071
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 9 Das Jüdische Echo 67 Karl Kautsky über „Rasse und Judentum"*) Von SelmaBlumberg, München. Ein bedeutender Münchner Arzt sagte einmal: „Es besteht ein großer Unterschied zwischen der persönlichen Verantwortung des Arztes und der des Künstlers oder des Mannes der Wissenschaft, denn ein anderes ist es mit Steinen und Büchern arbeiten, ein anderes mit' Menschen. Wenn dort etwas zu Grunde geht, belastet es das Gewissen nur wenig. Hier aber fällt ein Mißgriff mit der ganzen Wucht der Bedeutung eines Menschenlebens auf das Gewissen des Arztes". Und doch, handelt es sich nicht auch beim Mann der Wissenschaft letzten Endes um den Menschen, um sein Wohl und Wehe, um die Wahrheit seiner Existenz? Und sollte uns die Wahrheit nicht ebenso heilig und unantastbar sein wie ein Menschenleben? Die Unantastbarkeit der Wahrheit kann nicht genug betont werden, namentlich in unserem Zeitalter der Maschine, wo die Schreibflut unserer Tage auch unter den Geistesprodukten Fabrikware hervorbringt, die dadurch entsteht, daß jeder sich berechtigt glaubt, vom eigenen Standpunkt aus über die verschiedensten Wissenschaften abzuurteilen und abzuhandeln. Auch Kautsky ist in seiner Schrift „Rasse und Judentum" maschinenmäßig verfahren. Die Judenfrage und mit ihr der Zionismus wird ausschließlich afs wirtschaftliche 'Frage behandelt, und von diesem Standpunkt über die ihr im Wege stehenden Wissenschaften ein Urteil gefällt. Aber nicht der Standpunkt, sondern nur die wissenschaftliche Wahrheit kann uns überzeugen, kann über Sein und Nichtsein entscheiden. Vor ihr hat schon so manches stolze Ideengebäude weichen müssen, vor ihr würden auch wir uns beugen. Kautsky behandelt die Judenfrage als Sozialist, d. h. die wirtschaftliche Frage stellt er unter die Idee des Sozialismus. Durch die Begrenzung des Ausgangspunktes ist er in der Lage, die Wissenschaft der Nationalökonomie, zu der sie eigentlich gehört, die aber schon in ihrem Namen die Sonderexistenz vertritt, zu umgehen. So kommt es, daß den Verfasser zwar die Ökonomie leitet, ihre Wissenschaft aber so ziemlich ganz aus dem Spiele bleibt. Die Judenfrage durch die Naturwissenschaft der Rassentheorie zu lösen, bezeichnet Kautsky eingangs seiner Schrift als ungenügend, da die menschliche Gesellschaft als besondreres Stück der Natur besonderen Gesetzen unterliegt. Trotzdem löst er selbst sein Problem mit ihrer Hilfe, nur mündet seine Theorie der Rassen nicht in eine Rassenkonstanz, sondern in eine Auflösung der Rassen, oder in ein Konglomerat der verschiedensten Mischungselemente, die er die Einheit des Menschengeschlechts nennt. Sejine selbstkonstruierte Rassentheorie kann er nicht entbehren, da er sonst die Assimilation der Juden nicht empfehlen könnte. Die Heraushebung der menschlichen Gesellschaft aus der engeren Naturwissenschaft ist zweifellos berechtigt, wenn man mehr ihre gesellschaftlichen Probleme als die, mit denen sie zu jener Wissenschaft gehört, ins Auge faßt. Aber was berechtigt dann ausschließlich bei den wirt- *) „Rasse und Judentum" von K. Kautsky. Ergänzungsheft zur Neuen Zeit Nr. 20. Ausgegeben am 30. Oktober 1914. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart. 8°. 94 S . M. —.50. schaftlichen Fragen und Gesetzen der Gesellschaft Halt zu machen? Die menschliche Gesellschaft ist einer ganzen Reihe von Gesetzen unterworfen, die sowohl die Naturwissenschaften wie die Geisteswissenschaften konstituieren. Der Mensch ist ein Produkt der Natur, das infolge der Mannigfaltigkeit seiner Eigenschaften fast alle Wissenschaften in sich enthält und ihnen unterworfen ist. Die wirtschaftliche Frage bildet nur eine Aufgabe der menschlichen Gesellschaft, und zwar eine solche, die sjch erst später, erst innerhalb der bereits bestehenden gesellschaftlichen Gruppen, entwickelt. Die Grundlage der Gesellschaft bildete, wie die Geschichte lehrt, Moral- und Rechtswissenschaft. So waren die Phratrien der Griechen Rechtsverbände, die auf der Idee der Blutrache beruhten. Die Ethik ist nicht nur die elementare Grundlage der Soziologie, sondern, da die Kultur ihren Endzweck bildet, das Ziel ihrer Entwicklung überhaupt. Dies scheint ja auch Kautsky selbst zu denken, denn am Schlüsse seiner Ausführungen, die ihn zur Assimilation der Juden aus wirtschaftlichen Gründen führen, glaubt er durch diese allein die Notwendigkeit der Assimilation noch nicht sichergestellt zu haben; denn mit der Macht einer Schicksalsfrage erhebt sich plötzlich und unabhängig von allen wirtschaftlichen Erörterungen und Prozessen die ethische Frage der Assimilation, und erst die Ethik kann sie endgültig besiegeln. Weil Grundlage und Ziel der Gesellschaft die ethischen Ideen bilden, und sie von diesen geleitet wird, enthält sie auch die Tendenz in sich, die wirtschaftlichen Probleme im Laufe ihrer Entwicklung durch ihre immanente Gerechtigkeit zu ordnen, zu lösen. Und weil dem so ist, sind alle Einwände, die der Verfasser gegen den momentanen Stand des Zionismus vorbringt, hinfällig. Hat erst der Zionismus sich selbst gekräftigt, so wird seine eigene Ethik die jetzigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, ohne die es anfangs der Sache nicht geht — sonst gäbe es ja keine Entwicklung— beseitigen. Durch die Art seiner Beweisführung gelangt Kautsky von der Verneinung der Reinheit der Rassen zu einem Konglomerat von Individuen, das nicht nur jede Rassenkostanz, sondern auch die Rassentheorie als Wissenschaft aufhebt. In einer Gesellschaft von absolut verschiedenen Individuen gibt es ja keine Rasse, somit keine Wissenschaft davon. Ehe er jedoch zu dieser Aufhebung gelangt, nat er viel zu kämpfen. Denn seine Ansicht von der Einheit des Menschengeschlechts als Endziel befindet sich schwimmend zwischen Scylla und Charybd'is, ist eingekeilt zwischen den Tatsachen und der Wissenschaft, die sie erklärt und stützt. Man sollte meinen, daß ein Drittes nicht nötig sei, da man zu der Einheit des Menschengeschlechts, wenn sie eine Wahrheit bildet, von der Wissenschaft selbst gelangen müßte. Allein diesen Weg hat sich der Verfasser, wie wir später sehen werden, selbst versperrt und muß doch zum Ziele kommen. Dies gilt es sich vor Augen zu halten, um den Gedankengang seiner Schrift zu verstehen. Die Lebensbedingungen oder das Milieu beherrschen und leiten die wirtschaftliche Entwicklung, und da der Verfasser auch das Geistige unter diesen Gesichtspunkt stellt, die Entwicklung überhaupt. Die Wirkungen des Milieu müssen also alles beweisen, sowohl die wirtschaftlichen Grundsätze, die tatsächlichen Erscheinungen, nämlich daß überall auf der Erde Völker, Son-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.