Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 9 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Das Jüdische Echo Nr. 9 bestehen bekanntlich aus Juden, Iren und vornehmlich Deutschen — d. h. amerikanischen Staatsbürgern deutscher Nationalität. Und nicht einmal nur aus solchen, die etwa erst vor kurzer Zeit zum Wanderstab gegriffen haben, sondern sogar seit Jahrzehnten, seit ein, zwei, drei Generationen auf der anderen Halbkugel ansässig sind; bestehen nicht nur aus Menschen, die noch selbst eine starke Erinnerung an die Heimat besitzen, sondern auch aus deren Nachkommen, denen sie die Liebe zu Deutschland einzupflanzen wußten; nicht nur aus Peutschen, die im englischen Amerika rein deutsche Sprachinseln bilden, sondern auch solchen, die sich in Sprache, Sitten und Gewohnheiten fast ganz, wie etwa wir an das Deutschtum, assimiliert haben, aber in ihrem Herzen noch ein lebendiges Gefühl für das Land ihrer Geburt oder Herkunft tragen. Es ist so stark in ihnen eingewurzelt, daß sie von der Regierung eine weitgehende Rücksichtnahme auf ihre Wünsche und Hoffnungen verlangen und ihren politischen Einfluß in die Wagschale werfen, ohne zu fürchten, daß Böswillige sie mangelnden Patriotismus zeihen könnten. Sie treten mit ganzer Kraft dafür ein, daß aus der scheinheiligen Neutralität der Republik eine ehrliche werde. Andernfalls könnte die Beibehaltung des bisherigen Kurses oder seine Verschärfung zu innerpolitischen Konflikten ernsten Charakters führen. Wie verhält sich dazu die deutsche Presse? Wenn in unserem Lande die Sympathien der amerikanischen Juden für den Sieg Deutschlands und Oesterreich-Ungarns für selbstverständlich angesehen werden, wenn die amerikanischen Iren als Bundesgenossen willkommen geheißen sind, so löst die Tatkraft der Deutschen Nord- Amerikas in allen Gauen Herzenstöne aus. Nur e i n willkürlich herausgegriffenes Beispiel sei für viele in der letzten Zeit oftmals wiederkehrende Sätze angeführt. Die Münch. Neuesten Nachrichten drucken im Vorabendblatt vom 23. Februar die Zeilen: „Auch dieses Verhalten der Deutschen ist ein schöner Beweis dafür, wie treu und vorbildlich unsere Landsleute in Amerika an der alten Heimat festhalten". Vorbildlich! Für wen? Nur für die Deutschen in anderen neutralen Ländern? So kann der Ausdruck nicht gemeint sein, da sie sich beinahe ausnahmslos untadelig verhalten. Nein, vorbildlich für jede durch das Schicksal auseinander gerissene Nation, im besonderen für uns Juden, die nur als Angehörige feindlicher Staaten, aber nicht wegen in ihnen selbst liegender Gründe gegeneinander im Felde stehen. Dürfen wir darum vergessen, was uns eint? Niemand wird unseren Schmerz besser zu würdigen wissen, als das deutsche Volk in Erinnerung an die Zeiten, wo es selbst noch nicht geeint war. Seine Besten erkennen, wie sich immer wieder zeigt, in unserer Trennung und Ohnmacht eine Tragik sondergleichen und scheuen sich nicht, sie in Dichtung und Publizistik als solche zu behandeln. Staatsangehörigkeit und Nationalität! Was die Theorie nicht vermochte, leistet vielleicht die Anschauung, das Miterleben. Deshalb wollen wir keine weiteren Vergleiche ziehen. Möge jeder für sich aus dem Verhältnis der Treue zwischen Deutschamerika und der Heimat seine Schlüsse ziehen auf die Art der Beziehungen, die uns durch Staatsgrenzen getrennte Kinder des jüdischen Volkes miteinander und mit unserer alten Heimat verbinden sollen. N. W. Der Literarische Äbend des Jüdischen Echos An dem Literarischen Abend des Jüdischen Echo fanden sich überaus zahlreiche Gäste ein, die mit warmer Teilnahme den Vorträgen Arnold Maries folgten. Die zwölf Nummern des Programms waren vorzüglich gewählte Stichproben aus der Gesamtliteratur des jüdischen Volkes. Aus Ost und West, aus alter und neuer Zeit vereinten sich ihre Töne zu einem eigenartigen Akkord. Stille gedämpfte Geschichten und Lieder aus dem östlichen Ghetto ertönten wie schwermütige Melodien. Es erklangen die bewußten und stolzen Worte des modernen Juden und über dem hallten die leidenschaftlichen Klagen und Anrufungen des uralten Orients. Jeder dieser drei Kategorien erheischte von dem Vortragenden die Schaffung einer besonderen Stimmung. Schön kam die bebende Bewegtheit des Schwanenliedes von Hugo Zuckermann, Makkabäer 5675, zum Ausdruck, mit voller dramatischer Lebendigkeit ließ Herr Marie den wundersiamen Wechselgesang im Hohen Lied auf- und niederwogen, um dann die Itzig-Szene des Beer-Hofmannschen „Grafen von Charolais" mit hinreißendem Temperament und ausgeprägter Charakteristik vor den Hörern erstehen zu lassen. Sehr schlicht und innig und mit unverkennbar echter jüdischer Färbung wußte der Künstler die kleinen Erzählungen von J e h u d a Steinberg und Perez und das Wiegenlied von Berthold Feiwel vorzutragen. Man hätte in diesem ernsten Programm selbst nicht Heines „Donna Clara" missen mögen, als den Ausdruck eines gewissen übermütigen jüdischen Herrengefühls. Zwischen Publikum und dem Vortragenden stellte sich gleich zu Anfang ein lebendiger Kontakt ein. Herr Marie verfügt über reiche darstellerische Kräfte und über ein biegsames Organ, das lyrische Stimmungen zart und pathetisch wiederzugeben vermag, den Ton der ruhig dahinließenden Vorlesung nicht weniger trifft als den leidenschaftlichen Schrei der Psalmen. Als besonderen Wert aber mußte das Publikum es empfinden, daß der Vortragende nicht von einem rein objektiven künstlerischen Standpunkt zu dieser tiefen Einfühlung und abgerundeten Darstellung gelangt ist, sondern daß aus den Darbietungen eine I ersönlichkeit sprach, die jüdischem Wesen innig vertraut und ergeben ist.