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Das jüdische Echo · 1915-02-26 · 8 (26.2.1915) · p. Seite 63

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
8 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 63 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 63 Herrn Jakob Reich aus München zuzuschreiben: „Das Judenproblem und der Weltkrieg". Der Redner führte aus, daß gerade das jüdische Volk am meisten unter der Kriegsfurie zu leiden habe. In allen Lagern hüben und drüben kämpfen jüdische Jünglinge und gereifte Männer für ihr Vaterland. Unter den ersten Freiwilligen waren unsere Gesinnungsgenossen aus Palästina, die unter beschwerlichen, mühevollen Reisen auf dem Landwege Deutschland erreichten. In bewegten Worten schilderte der Redner das Elend der durch den Krieg heimgesuchten jüdischen Bevölkerung. Besonders auch in Palästina hat das Eingreifen der Türken in den Weltkrieg große Not geschaffen. Hier zeigte sich aber schon jetzt der Segen der Kolonisation und der Errichtung der jüdischen Banken. Ihnen und der Tätigkeit der amerikanischen Hilfskomitees ist es zu danken, wenn Palästina die Krisis überwindet. Alsdann gab der Redner in großen Zügen ein Zukunftsbild nach ersehntem Friedensschlüsse. Es bedarf keiner Frage, daß nur ein Sieg Deutschlands und seiner Verbündeten das Los unserer jüdischen Brüder mildern kann. Die großen Gebiete der Türkei bieten ein weites Feld für Deutsche und besonders jüdische Kolonisation. Der Redner ermahnte zum Schlüsse, trotz des Krieges die Arbeit nicht ruhen zu lassen, sondern mit vereinten Kräften darnach zu streben, für unser jüdisches Volk eine bessere Zukunft zu schaffen. Reicher Beifall folgte den trefflichen Ausführungen des Vortragenden. In der sehr lebhaften Diskussion gab Herr Reich noch weitere interessante Aufschlüsse, auch über die Tätigkeit jüdischer Fürsorge und zeigte, wie begeistert er für unsere Idee zu warben weiß. I. L. Feuilleton Bergab Eine Purim-Geschichte von David Pinski. Aus dem Jüdisch-deutschen übertragen von Theodor Zlocisti. Früher hatte Simon keine rote Nase gehabt. Auch seine Augen waren noch nicht von roten Lidern umsäumt und sie tränten auch nicht fort und fort. Im Gegenteil. Einst leuchtete sein Auge rein und klar, als täte der blaue Himmel sich drin spiegeln. Und seine feingeformte Nase war zart, wie das ganze Gesicht des lieblich brünetten Mannes. Deswegen hatte ihn auch die schöne Gittel so lieb gewonnen und ihm Herz und Hand geschenkt — und 150 Rubel Mitgift. Nicht nur seiner Schönheit willen allein; Simon war überhaupt ein prächtiger Mensch. Er war ein tüchtiger Schneider, um den die Leute sich rissen, und dem sie die höchsten Löhne zahlten. Doch weil er ein zu guter Mensch war, hatte er es nie zu Geld gebracht. Für sich hatte er nie etwas ausgegeben. Er war überhaupt kein gewöhnlicher Mensch. In seinen Mußestunden las er gern in weisen Büchern und lauschte den Worten gelehrter Männer. Unter den Arbeitern war er fast ein Aristokrat. Seine Mutter — stolz auf ihren Familienadel —, wie hatte sie einst geweint, als ihr Liebling Handwerker werden mußte! Aber etwas mußte er doch schließlich werden. Simon freilich hatte sich aus diesem Familienstolz nichts gemacht. Er wurde ein schlichter und fleißiger Arbeiter. Darum liebte ihn auch die schöne Gittel. Darum sagten ja auch die Leute, als sich Gittel und Simon heirateten, ein so prächtiges Paar habe Gott noch nie zusammengeführt. Denn Gittel war nicht nur schön: sie hatte auch einen einträglichen Beruf. Sie war Haararbeiterin. Und was sie sonst nicht noch alles verstand: nähen, stricken, waschen, kochen, backen. Und da sie sogar lesen und schreiben konnte, galt sie als ein hyperkluger Kopf — ein süßes und stilles Geschöpfchen. Es war eine lustige Hochzeit bei Simon und Gittel, und sie waren dessen sicher, daß ein glückliches und freudenreiches Leben ihrer harre. „Wird das ein Leben werden!" hatte Simon jubelnd ausgerufen, als sie am ersten Morgen nach der Brautnacht die Augen öffneten, und die Sonne ihnen so goldig entgegenschien. „Mein Lieb!" hatte sie ihm geantwortet und glückselig ihn geküßt und umschlungen, daß die Herzen lauter aneinander pochten. „Wir werden glücklich sein!" — „„Simon!"" — „Wir werden schon weiter kommen!" — „ „Geb's Gott, mein Leben!" " Und sie preßte ihn wilder und wilder an sich. Ein Weilchen später: „Ob wir nun weiter kommen oder nicht, wenn wir nur haben, was wir brauchen, und wenn wir nur in ewiger Liebe beieinander bleiben." Sie hatten sich eine kleine Wohnung genommen, zwei Stuben und eine Küche auf dem Hof. In einem abgelegenen Hause. Dann kauften sie sich schlichte Möbel und eine Nähmaschine; und Simon arbeitete nun für sich. Gittel legte natürlich ihre Arbeit beiseite und waltete als tüchtige Hausfrau, daß es eine Pracht war. Ihr Heim war wie ein Schmuckkästchen. Alles blinkte und blitzte. Und Friede und Freude und Glück weilten bei ihnen. „Wir wachsen," pflegte Simon ihr lächelnd ins Ohr zu flüstern. Das hatte eine doppelte Bedeutung. Erstens konnte er jede Woche zur Mitgift noch ein paar Kopek_en zurücklegen von seinem Arbeitslohne und zweitens . . . Gittel war guter Hoffnung. „Unsere Kinder sollen .keine Schneider werden," pflegte er zu sagen und blickte sein Weib an mit warmer Liebe. „Ach, was sie werden, das ist gleich; wenn sie nur etwas Tüchtiges werden!" erwiderte sie, und wie von Hoffnungen und Gebeten leuchtete es in ihren Augen. „Alle werden sie studieren, sie müssen alle auf die hohe Schule gehen," so sagte er — und voll Glück und Freude pochten ihre Herzen. . . . Eines Tages kam nun in unser Städtchen ein Schneider, der bisher in Warschau gearbeitet hatte. Und kaum war ein Monat vergangen, da lief alles im Städtchen zu ihm, und die übrigen Schneider blieben fast ganz ohne Arbeit. Auch Simon. Bald mußte er nun auch seine kleinen Ersparnisse angreifen, die mehr und mehr zusammenschmolzen, bis nichts mehr übrig blieb. Und seine Familie wurde größer. Nach dem Erstgeborenen kam ein Zweitgeborener und dann ein Drittgeborener, dann ein Viertgeborener und so weiter . . . die alte Geschichte. Und Simon bekam eine rote Nase, triefende Augen. Gittel wurde alt und welk, auch eine alte Geschichte.-- Die Sache kam so. Simon hatte einen schweren Winter. Er, Gittel und die Kinder waren leidend und kränklich, immer fort. Und die Zeiten wurden schlechter, daß selbst der Warschauer Schneider zu fluchen begann. Moskauer Kaufleute waren in die Stadt gekommen und verkauften in einem großen Laden fertige Kleider. Auch auf Abzahlung. Und das lockte die Leute gar sehr in den schlechten Zeiten. Es gab immer weniger Arbeit, bis schließlich selbst die besten Handwerker zu Arbeitern bei der Moskauer Firma wurden. Simon

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