Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-02-26 · 8 (26.2.1915) · p. Seite 64

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
8 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
Seite 64 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9114929--00240-9073067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

64 Das Jüdische Echo Nr. 8 hatte schon seine Maschine verkauft und arbeitete ' nun auch in ihrer Werkstatt. Der Verdienst war klein; die Bedürfnisse der Familie wurden größer und dringlicher, so daß er immer mehr und mehr in Schulden geriet. Der Fleischer, die Krämerin, der Bäcker, alle drängten ihn unaufhörlich. Was sollte er tun? Fast sein ganzes Hab und Gut war schon ins Leihhaus gewandert; und nun stand noch das Passahfest vor der Tür. Er ging in schwerem Sinnen und Sorgen umher. Was sollte werden? Da flog ihm ein Gedanke durchs flirn. Purim! . . Purimspieler. Seine Kollegen hatten ihn auf den Gedanken gebracht. In der Werkstatt wurde viel über die schwere Zeit gesprochen und geklagt. Bei so kleinem Verdienst, sagten sie, weiß man nicht, womit man die Feiertage bestreiten soll. „Vielleicht wird Purim uns etwas bringen," rief Jechiel, der Lange, „vor Jahren blieb mir ein Fünfrubelstück dabei übrig." „Nun?" brummte Simon, ohne von der Arbeit aufzublicken. „Versteht sich," rief Jechiel, „einen Fünfer hab ich bekommen. Als Purimspieler gingen wir, Leiser, Jankele und ich. Das glaubt Ihr nicht? Komischer Mensch! Bei Abraham Baruch Kaplan haben wir allein drei Rubel bekommen. Warum sollte ich die Unwahrheit sagen?" Jechiel konnte sich gar nicht genug tun. Er redete in einem fort, denn er glaubte zu sehen, daß Simon ungläubig mit der Achsel zuckte. Aber Simon war nicht ungläubig, er hörte überhaupt nicht zu. Seine Gedanken waren wo anders. Er sann und grübelte, wie er dem Fleischer, dem Bäcker, der Krämerin bezahlen könnte und dann: er konnte mit dem Aermel gar nicht fertig werden, an dem er jetzt arbeitete. Ihm war es unmutig und schwer ums Herz. „Hoffentlich wird dieser Purim nicht schlechter werden, als der im Vorjahre", fuhr Jechiel fort, „aber man muß nun tüchtige Genossen haben. Mit Jankele und Leiser ist nichts anzufangen. Leiser als Mordechai war zum Davonlaufen, und Jankele war so betrunken, daß man ihn tatsächlich forttragen mußte. Nur gut, daß er den Ahasveros spielte: Ahasveros darf doch betrunken sein. Alles rief: „Jankele spielt seine Rolle ausgezeichnet." Es war zum Lachen!" „Und Kaplan gab dir einen Drei-Rubelschein?" fragte Simon, innerlich ganz uninteressiert. „Ich wünschte — erwiderte Jechiel — es soll mir in allem so gut gehen, wie ich einen Dreierl bekommen habe." Und als er aber doch noch in Simons Gesicht etwas wie Ungläubigkeit merkte, fügte er hitzig hinzu: „Natürlich: er allein hat das Geld nicht gegeben. (Mit Euch kann man doch gar nichts reden); es waren sehr viel Gäste da. Natürlich! Zu Purim werden bei ihm nicht viele Gäste sein! Wir waren bis tief in die Nacht hinein bef ihm. Was hat er mit uns alles angestellt!" Jechiel redete immer lebhafter auf Simon ein, der gar nicht mehr wußte, daß er gefragt hatte: so war er ganz mit sich beschäftigt — und mit dem elend verschnittenen Aermel. Als er auf seinem Heimweg am späten Abend beim Bäcker und Fleischer und bei der Krämerin vorbeiging, dachte er: „Wie gut täte mir doch so ein Fünfrubelschein." Jechiels Rede fiel ihm ein. „Ich werde am Ende auch noch ein Purimspieler", flüsterte er sich zu mit vertuschendem Lächeln. Aber schon packte ihn der Ekel. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinab, und Feuerbrände lohten in seinem Schädel. Der Gedanke — erschreckte ihn. Jechiel — ein Purimspieler. Und Simon . . . auch??! (Fortsetzung folgt.) Bühnen-Echo Jettchen Gebert, Schauspiel in vier Akten von Georg Hermann. Erstaufführung der M ü n - chenerKammer spiele am 24. Februar 1914. Die Erkenntnis, daß Georg Hermann seinem Biedermeier-Roman Unrecht getan hat, als er ihn in ein Schauspiel verwandelte, beginnt einem gleich im ersten Akt aufzudämmern. Alle jene weit ausgesponnenen Zierlichkeiten, jenes verliebte Ausschlürfen verklungener Sentimentalitäten, die des Sammlers Hand in seinem Roman zärtlich und behutsam nebeneinanderstellte, so daß wir uns daran wie an einem wunderhübschen Raritätenkasten ergötzten, sie sind unbarmherzig zusammengestrichen. Und doch ergibt sich daraus keine Handlung: Jeder Akt wirkt wie ein loses Bild, ohne mit dem vorhergehenden und folgenden ineinandergewachsen zu sein. Wirkt im Roman eine Fülle von Situationen und Stimmungen zusammen, um das organische Fortschreiten zu erzeugen, so müssen hier kurze Szenen genügen, die zu ärmlich sind, um die Entwicklung hinreichend aufzuweisen. Berliner Schauspielern wird es im allgemeinen leichter fallen, sich in das Milieu des Stückes einzufühlen. Sehr gut gelang dies Erich Ziegel als Eli Gebert und Rosa Wohlgemuths Minnchen. Maske und Darstellung Paul Günthers als Julius Jacoby wiesen echte Züge auf. Mirjam Horwitz hat sich feinsinnig in die Rolle Jettchens hineingelebt. Daß ihr Jettchen ein vorwiegend ernstes ist und die liebliche Heiterkeit vermissen läßt, liegt ja großenteils wohl an den Kürzungen des zum Drama verwandelten Romans, das der Exposition wenig Zeit vergönnt. W.-St. Anzeigen-Echo München. Verein Bne Jehudah. Samstag, den 27. Februar, findet ein literarisch-musikalischer Abend statt, zu dem Gäste herzlich willkommen sind. Beginn 9 Uhr. Nebensaal des Hotel Reichshof. München. Fahrtenzettel des jüdischen Wanderbundes „Blau-Wei ß" für den 28. Februar. Mädchen: Beide Züge; Treffpunkt halb 2 Uhr Erlöser-Kirche. Schwabing-Milbertshofen. Kosten 5 Pfg.; Buben : 1. Zug. Treffpunkt 3A2 Uhr Ostbahnhof-Haar. Kosten 45 Pfg.; 2 .Zug. Treffpunkt halb 2 Uhr Sendlingertorplatz. Zoologischer Garten. Kosten 35 Pfg. München. Münchener Jugendgruppe der Agudas-Isroel. Montag, den 1. März, Geselliger Purimabend. Lokal: München-Loge, Kaufingerstraße. Beginn halb 9 Uhr. Geschäfts-Echo Von Montag ab wird im Panorama International, Kaufingerstr. 31/1, ein herrlicher Teil unseres bayer. Hochgebirges mit einer Reihe entzückender - Winterpartien vorgeführt. Ihre Majestät die Königin besuchte das Beleuchtungsgeschäft von Hans Scheckenbach, Theatinerstraße 40, und machte dort bedeutende Einkäufe. Die Leser werden gebeten, die inserierenden Firmen bei Einkäufen in erster Linie zu berücksichtigen und dabei auf das „Jüdische Echo" Bezug zu nehmen. Druck und Verlag: B. Heller, Buchdruckerei, München, Herzog Maxstr. 4. - Verantwortlich für die Redaktion: Norbert Weidler, München-Solln, Erikastr. 6, für den Anzeigenteil: Chr. Lehmeyer, München.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.