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Das jüdische Echo · 1915-02-19 · 7 (19.2.1915) · p. Seite 54

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
7 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Das Jüdische Echo Nr. 7 härter und widerspenstig geworden, eine stählerne Klinge. Sie ward schweigsam und auf eine allzu ernste Art schön — eine Schönheit mit schmalen Lippen und einer Falte zwischen den gebogenen Brauen. Unnötig zu sagen, daß sie in ihr Haus zurückging, sobald sie konnte, daß sie wieder Freitags neben ihrem Vater saß — wie alt war er geworden! — daß der alte Spandow hin und wieder zu ihm kam und wortlos und ohne Lächeln da saß, mit einem manchmal zitternden Kinn und einer im schmal gewordenen Gesicht zu großen Nase, die sich plötzlich scharfrückig und spitz zum Munde herabbog ... Sie erzog ihre beiden Kinder in einer strengen, unnachsichtigen Liebe, und als sie merkte, daß beide von ihr den träumerischen Hang geerbt zu haben schienen, der mit den großen Worten und unverminderbaren Forderungen eine erdichtete Welt sich aufbaut, in der Pflicht, Größe und derartige Gebote herrschen, die aber, auf den Alltag übertragen, Schrecken und Unheil wirkt — war es ihr stetes angstvolles Bemühen, die Gedanken und Erwartungen der Kinder, soweit sie „Leben" und „Zukunft" betrafen, niederzuhalten, ihnen die Wichtigkeit und Einfachheit des Alltags einzuprägen, dessen, was wirklich ist, und sie von den Traumbildern abzuziehen, die es so leicht hatten, schöner und gerechter zu sein als das lebendige Leben. Wenn daher Ulrike, größer und reif genug geworden, oder Arnold, den man dem Getreidehandel Alexander Ostertags zuführte, an müßigen Sabbatten zu den Büchern ihrer Eltern griffen, nahm ihnen die Mutter Corneille oder auch Schiller aus der Hand, indem sie etwa ruhig sagte: „Lies das nicht, mein Kind, es macht nicht glücklich . . ." Sie lebte in Feindschaft mit den Büchern, auch mit der Bibel; und wenn der Vater sie deshalb leise tadelte, nahm sie seine Worte oh»e Entgegnung hin, auch ohne Befolgung. Von ihrem Vater hörten die Kinder erst sehr spät, als sie eindringlich genug fragten, und dann nur Gutes. Sie fanden in den Schränken seine Uniformen, seinen Säbel; so war er denn Soldat gewesen und bei einer Reise im Meer ertrunken, in jenen Stürmen, von denen man im Robinson las. Und Jahr für Jahr brannte ein Seelenlicht für Wolf van Spandow einen ganzen Tag lang in der Wohnung derer, die von ihm gegangen waren, als er noch lebte. Da sein Todestag unbekannt blieb, entzündete Ruth es am Abend vor Erew-Pessach; und aus einem Gefühl, das sie nicht hätte erklären können, aus einem dumpfen und sich durchsetzenden Impuls heraus stellte sie das Tischchen mit dem knisternden Licht unter ihr großes Napoleonsbild. Und so blickte der Imperator jedes Jahr einen ganzen Tag lang über das Seelenlicht einer einsamen Jüdin. Sie aber stand, wenn die anderen schon schliefen, lange vor seinem stillen Gesicht, und langsam wandelte es sich, ward einem anderen ähnlich, das sie im Blute trug, ward ihm gleich, und machte, daß sie in Leid, Sehnen und Reue weinte. Und wenn sie dann ihren Kopf in die Hände nahm, gebeugt und ohne Halt, lebte in dem Zimmer nichts als das Antlitz des toten Kaisers, das der zuckende Schein beseelend überhuschte, und beherrschte in der Dämmerung, in grüner Uniform, den Hut über den stillen Brauen, eine Hand in der Weste und eine auf dem Rücken. In der nächsten Nummer beginnt eine Purimgeschichte „Berga b" zu erscheinen, die den bekannten New - Yorker Jargondichter David P i n s k i zum Verfasser hat. Zwei Gedichte Von Hugo Zucke r.mann Auserwähltes Volk Ein Volk von Priestern sollst du sein Und segnend deine Hände breiten, Du sollst dem Hochgebenedeiten Die Erstlingsfrucht des Feldes weih n. Ein Volk von Helden sollst du sein Und mit dem Schwert die Hüften gürten, So sollst du wie Judäas Hirten Das Ahnenland vom Feind befrei n. Ein Volk von Sängern sollst du sein, Und deiner Väter Siege künden, Sollst hoch am Berg die Feuer zünden Und sing mi^Harfen und Schalmei'n. Ein Volk von Juden sollst du sein, Stolz, stark und treu wie deine Ahnen, Im Winde flattern deine Fahnen Jung Juda! Halt sie hoch und rein! Jung-Juda Motto: Erhebe dich aus deinem Staube, Gefesseltes Jerusalem, Streif ab die Sklavenkette, Gefang'ne Tochter Zion, (Klagelieder.) Von Freiheit tönt's, von Zion schallt's! Von Bergen flammt's, durch Täler hallt's: Jung-Juda ist erstandlen!.! Durch alle Ghettomauern dringts, Durch alle Ghettogassen klingt's: Entraffet euch den Banden!! Der Wald vernimmt's, die Woge lauscht, Die Felswand dröhnt, die Zeder rauscht: Noch lebt der alte Glaube. Die alten Gräber sprengt's mit Macht, Die Toten entsteigen der schaurigen Nacht. Erhebt euch aus dem Staube! Wie Sturmwind braust's, wie Donner rollt's, Wie Brandung tost's, wie Welle grollt's. Höfs, Jude, wandermüder! Rieht' die geborst'nen Säulen auf Und schreib' in Flammenlettern d'rauf: Das Volk will heimwärts wieder. .Wien, im November 1901. Gemeinden-Echo Chemnitz. Bald nach Beginn des Kriegs wurden sämtliche Ausländer, also auch die jüdischen, insbesondere aus Leipzig, Dresden, wo naturgemäß die verhältnismäßig größte Anzahl ausländischer Juden ansässig Mar, ausgewiesen. Soviel mir bekannt wurde, verwies man sämtliche Ausgewiesene nach Chemnitz, wo nun viele Tausende polnischer und russischer Stammesgenossen ein in der großen Mehrzahl erwerbsloses Dasein fristen. Der geringe Teil der Bemittelteren muß wohl oder übel fern von der bisherigen Wirkungsstätte auf eigene Kosten dem dolce far niente sich hingeben, während die größere Masse der Unbemittelten auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen ist. Unter der anerkannt aufopfernden Leitung des Vorstandes der Chemnitzer Kultusgemeinde, Herrn Kommerzienrat L a d e w i g wurde nun eine wirklich großartige Hilfsaktion für diese ärmsten der Armen organisiert, die nolens volens als Feinde behandelt werden müssen. Für des Leibes

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