Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 7 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Das Jüdische Echo fa3 sollten nicht mit Mißtrauen aufgenommen werden. Die Judenfrage sei allerdings hoffnungslos, die Schuld liege aber nur an den Juden. Die Behandlung von Finnland sei nahezu normal. In der lebhaften Aussprache, die der Rede folgte, tat sich besonders Israel Z a n g \v i 11 hervor, der sich heftig gegen die Qrahamsche Auffassung der Judenfrage wandte . Der Kommandant des vierten türkischen Armeekorps hat eine Proklamation an die Bevölkerung Palästinas gerichtet. In ihr wird daran erinnert, daß das Heilige Land sich direkt in der Operationszone jener türkischen Armee befindet, welcher die Aufgabe zufiel, Ägypten vom fremden Joch zu befreien. Dadurch sei die palästinensische Bevölkerung mehr denn die Bewohner aller übrigen Reichsprovinzen berufen, Anteil zu nehmen an der großen Aufgabe, welcher dieser heilige Krieg jedem Bürger des Reiches auferlegt hat. Nach Aufzählung dieser Pflichten schließt die Proklamation: „Ich fordere und erwarte, daß die Mohammedaner, welche die Majorität der Be-- völkerung in dieser Provinz bilden, den Juden und Christen gegenüber Gefühle der Freundschaft und Brüderlichkeit an den Tag legen". — Diese Ermahnung hat, wie aus Palästina nach Konstantinopel gemeldet wurde, in der gesamten Bevölkerung des Heiligen Landes einen tiefen Eindruck gemacht. Gegenwärtig arbeitet die Bevölkerung unter Leitung deutscher Pionieroffiziere an der Befestigung Jerusalems. Feuilleton Die Flucht der van Spandows Eine Novelle von Arnold Zweig (Schluß.) 7. Frau Malwine erlitt, als sie daran glaubte, einen Schlaganfall, von dem sie sich nur schwer erholte und eine Lähmung zurückblieb. Was Wolf anlangte, so mußte er gegen Abend in die Wohnung heimgekehrt sein. Er fand sie offen, unerleuchtet, die Dienstboten verwirrt; weder Frau noch Kinder ließen sich hören, mit einer Kerze tappte er sich vorwärts, erst staunend, dann erzürnt, dann irgend etwas Schreckliches ahnend, einen Unfall, den Tod eines Kindes — dann trat er zögernd in sein Kabinett, fand den Schreibtisch völlig in Unordnung, entdeckte endlich die Hälfte des Scheins und war im Entsetzen vernichtet. Erst ganz langsam ward ihm klar, daß hier eine Verschuldung vorlag--er hatte das Ganze die meiste Zeit vergessen oder nur flüchtig und dann trotzig, ja belustigt daran gedacht. ... Er richtete, während die Tränen an seinen Backen herabliefen, alle Schußwaffen gegen sich, welche in der Nähe lagen, allein keine war geladen. Er wußte, obwohl seine Gedanken sich verwirrten, daß im Schlafzimmer seine Reiterpistolen lagen, fast schußfertig, aber er fürchtete sich hinaufzugehen, Tote konnten oben liegen. Er fragte heiser die Magd nach seiner Frau und den Kleinen: „Madame ist gestern mit den Kindern zu den alten Herrschaften gegangen und gar nicht zurückgekommen," sagte das Mädchen weinerlich, „ich weiß gar nicht . . ." „Es ist gut. Bleib hier, bis sie wiederkommt." Er mühte sich zum Schreibtisch zurück, auf eine Art gehend, als sei der Zusammenhang seiner Gelenke aufgehoben und sein Rücken mit Blei ausgegossen, schrieb halb unleserlich ein Testament, Literarischer Abend des Jüdischen Echot (zu Gunsten des Palästina-Hilfswerkes) Vortrag jüdischer Dichtungen von Herrn Arnold Marie Regisseur am Münchener Volkstheatej Dienstag, den 2. März 1915, Abends 8 Uhr Saal des Edenhotel (früher Russischer Hof) Ottostrasse 4, Ecke Karlstrasse Nummer. Plätze M 3.10, 2.05, unnummer. Plätze MI.- / Karten bei Alfred Schmid Nchf., Residenzstr.7 u. bei der Administrat. desjüdischen Echos, Herzog Maxstrasse 4 in dem er seiner Frau und seinen Kindern alles vermachte, was er zurückließ oder zu erben erwartete; dann holte er, das Licht in der zitternden Rechten, aus dem Schlafzimmer die großen Pistolen — beim Anblick des Bettes fiel er auf die Knie, drückte den Kopf hinein und bedeckte es mit Küssen und Tränen: „Ruth!" schrie er, „Ruth! Ruth!" Ein Kopfkissen der Kinder nahm er unter den Arm, schnallte den Säbel um und ging in den Stall; denn er wußte, daß er sie nicht aufsuchen durfte, wenn er nicht sehen wollte, wie sie vor ihm floh. Später, Ruth, später, süße Ruth . . . sattelte Victoire, seinen großen Falben, gerade so mechanisch, als habe ihn Alarm im Biwak aufgejagt, und er habe den Schädel noch voll Schlaf, steckte die Pistolen in die Halfter, schnallte das Kissen hinten auf und ließ sich in den Feldbeutel Brot und Fleisch stopfen. Unterdes setzte er sich wieder an den Schreibtisch, nahm den Schattenriß Ruths vor die Augen und betrachtete ihn wohl eine halbe Stunde lang. Dann trocknete er die Tränen und, indem er das Bildchen einsteckte und Gold und Kassenscheine dazu, schrieb er unten auf das Testament: „Ich gehe nach Borneo. Vergib mir. Du wirst später etwas hören. Küsse die Kinder und vergib mir. Mein Unglück ist größer als meine Schuld. Lebwohl;" ging, den Säbel unter dem Arm, gebeugt und ohne verhindern zu können, daß Tränen in den Schnurbart liefen wie Blut aus zwei Wunden, hinaus auf die Straße, schwang sich in den Sattel und, indem er Victoire die Sporen gab, donnerte er in die Nacht hinein, nach Westen, und der Wind warf ihm den Regen ins Gesicht. Die Hoffnung auf jenes „Später" war ihm nicht gegönnt, niemand sah ihn wieder. Er soll wenige Wochen hernach mit dem Schooner „O r a n j e", der nach den Kolonien bestimmt war, untergegangen sein; aber ein Totenschein war nicht beizubringen. Frau Ruth ging durch ein Nervenfieber wie durch eine Weißglut, die nach jähem Erkalten ein Eisen von außen wenig, innen aber ganz und gar verändert. Ihr Wesen war gleichsam dichter,