Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 7 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9114825--00227-9073054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
52 Das Jüdische Echo meindeangeWenheiten auch die getroffen, daß alle Kinder die Schule zu besuchen haben.4) Der Talmud5) berichtet, daß in Jerusalem nicht weniger als 394 zum Unterrichte der Jugend bestimmte Schulen vorhanden waren. Die Schuleinrichtung blieb indes nicht etwa auf die geistige Metropole des Landes beschränkt. Mit besonderer Energie für die Verbreitung der Schulen in allen Städten gewirkt zu haben, wird als hervorragendes Verdienst dem Hohepriester Josua ben Gamla zugeschrieben. Der Talmund6) erzählt darüber: „Besonders rühmend sei der Name des Josua ben Gamla genannt, denn ihm ist die Erhaltung und Verbreitung der Gotteslehre besonders zu danken; wenn zwar schon jeder Vater seine Kinder unterrichtete, so gab es doch viele, denen diese Wohltat abging; es wurden deshalb zunächst in allen Städten Lehrer aufgestellt, um die Jünglinge von 16 oder 17 Jahren zu unterrichten . Ben Gamla aber stellte Lehrer in allen Provinzen und Städten auf mit dem Befehle, alle Kinder vom 6. Lebensjahre an zum Schulbesuch anzuhalten." So kennt die talmudische Zeit die allgemeine für den Jugendunterricht bestimmte Schule als obligatorische Einrichtung. Die Kinderschule war den Israeliten stets das kostbarste Kleinod. Nachdem das jüdische Volk seine Selbständigkeit verloren hatte, war die Schule sein Trost und seine Hoffnung in der Zerstreuung. Das Lehrhaus war die Pflanzstätte, aus der die neuen Generationen Glaubensstärke, Mut und religiöse Zuversicht auch während der schwersten Zeiten schöpften. So wird im Midrasch7) erzählt, daß der Gelehrte Abnimos aus Gaedi, in Gedanken den Feinden Israels zugewandt, äußerte: „Wollt Ihr das jüdische Volk vernichten, so zerstört seine Kinderschulen, denn so lange diese bestehen, werdet Ihr nichts gegen dasselbe vermögen." Und: „Die Welt besteht nur durch den Hauch der Kinder des Lehrhauses", lautete die Mahnung des Patriarchen R. Jehuda hanasi, dem die Schule eine Institution von solcher Heiligkeit war, daß er die Anordnung erließ: „Man störe den Schulunterricht nicht, selbst wenn es dem Wiederaufbau des Tempels gelten sollte."8) Ein hervorragender Talmud-Lehrer, R. Chija (im 3. Jahrhundert), machte sich um die Förderung der Schule besonders verdient. Er errichtete neue Schulen zum Betrieb des Bibelstudiums. Er betrachtete es als seine Lebensaufgabe, dafür zu sorgen, daß die Thora nicht in Vergessenheit gerate, er suchte die Städte auf, welchen es noch an Jugendlehrern gebrach und sorgte für den Unterricht der Kinder. Im Midrasch9) wird erzählt: Einst wurden vom Patriarchen die Gesetzeslehrer R. Ami und R. Assi nach verschiedenen Gemeinden gesandt, um die Institutionen derselben kennen zu lernen und etwaige Verbesserungen anzustreben und auszuführen. In einer Stadt angekommen fragten sie nach den Hütern der Stadt; als man ihnen daraufhin die Verwaltungsbehörden vorstellte, erklärten die vom Patriarchen ausgeschickten Sendboten: „Das sind nicht die wirklichen Hüter der Stadt; unter dieser Bezeichnung können wir nur die Jugendlehrer verstehen, entsprechend dem Satze des Psalmisten: „Wenn der 4) Talm. Jerusal. Trak. Kesuboth Abschn. 8. 5) Bab. Trak. Kesuboth foi. 105. ö) Baba Bathra fol. 21. 7) B'reschith Rabba Kap. 65. 8) Talm. Sabbat fol. 119. 9) Jalk. Thilim 127. Herr das Haus nicht baut, ist alle Arbeit und Mühe der Bauleute vergeblich." In prägnanter Schärfe kommt die Überzeugung der Talmudlehrer von der hohen Kulturmission der Schule und ihrer Unentbehrlichkeit im Rahmen des vom jüdischen Gesetze diktierten Lebens in dem Satze zum Ausdruck: „Die Schule ist die wichtigste Einrichtung einer Stadt; es ist religiöse Pflicht, das Wohnen zu vermeiden in einer Stadt, in welcher die Schule fehlt." 10) (Schluß folgt.) Zeitungs-Echo In Heft 42 der „Hilfe" spricht der Historiker Friedrich Meinecke über das Thema „Staatsgedanke und Nationalismus": „Uns scheint, daß auf dem zentralen Gebiete des nationalen Lebens eine vielleicht epochemachende Wandlung sich anbahnt. Die nationale Idee war die stärkste politische Triebkraft des neunzehnten Jahrhunderts. Sie wird es, soweit Menschenblick reicht, auch im zwanzigsten Jahrhundert sein, aber in einer anderen, neuen Gestalt. Denn sie ist vielgestaltig und wandlungsfähig wie kaum eine andere historische Kraft." Die „Alldeutschen Blätter", das Organ des „Alldeutschen Verbandes", beschäftigen sich mit dem „Offenen Brief", den der deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten, Graf v. Bernstor ff, vor einiger Zeit an den Herausgeber der New- Yorker jüdischen Zeitung „Der Tag" richtete. Am Schluß dieses Briefes sagte der Botschafter bekanntlich: „Deutschland hat seinen Juden alle bürgerlichen Rechte gegeben, die wenigen letzten Schranken werden mit diesem Kriege fallen". Diese Äußerung hat den lebhaftesten Unwillen der „Alldeutschen" erregt. Welt-Echo Im Reichstagsgebäude fand dieser Tage die konstituierende Sitzung eines . Zentralhilfskomitees für die notleidende Bevölkerung Russisch-Polens statt. Als Einberufer zeichneten u. a. Fürst von Hatzfeld, Ministerialdirekt. Lewald und Dr. James Simon, der Vorsitzende des Hilfsvereins der deutschen Juden. Das deutsche Komitee will Hand in Hand mit dem amerikanischen arbeiten, in dessen Vorstand sich auch Jakob H. Schiff befindet. Lodz kommt unter der deutschen Verwaltung allmählich wieder in geordnete Verhältnisse. Die Bevölkerung beträgt immer noch 400 000 Seelen. Neben einigen deutschen Zeitungen erscheint auch wieder das „Lodzer Tageblatt" in jiddischer Sprache. Die von den deutschen Behörden festgesetzten Höchstpreise für alle unentbehrlichen Lebensmittel empfindet die arme jüdische Bevölkerung als große Wohltat. Der russische Berichterstatter der „Times", Stephan Graham, der aus Rußland zurückberufen wurde, weil er von dort nichts Erfreuliches zu berichten wußte, hielt in London einen Vortrag, in welchem er das russische Volk mit folgenden Worten in Schutz nahm: „Das Volk weiß nichts von Bureaukratie und Regierung; es lebt in glücklicher Freiheit, frei von den Fesseln der Konvention, nach den Regeln der Natur". Die Versprechungen, die den Polen gegeben wurden, 1V) Talm. Sanhedrin fol. 171.