Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 6 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo il Feuilleton Die Flucht der van Spandow s Eine Novelle von Arnold Zweig (Fortsetzung.) 6. Aber Ruth Ostertag gehörte nicht zu denen, die über Geheimnis, Lüge und falschen ürund wohnen dürfen; und da der Mann nicht sprach, an dem es war, gab Gott Totem einen Mund und ließ mit einem selbstverständlichen Mittel das Notwendige geschehen. Am frühen Nachmittag des elften April 1821, am Tage vor Erew-Pessacri, dem Vorabende des Passahfestes, wurde Dr. van Spandow mitten aus einer heiteren Beschäftigung nach der weiteren Umgegend gerufen, wo sich ein Bauernjunge das Bein gebrochen hatte. Er war gerade dabei gewesen, mit Hilfe seiner jungen Frau den Sauerteig, alle Brotkrumen und dergleichen Reste, die verbrannt werden mußten, aus Taschen und Ecken herauszusuchen, wie es das Fest gebietet das allem Gesäuerten feind ist, und machte daraus ein frommes Spiel, bei dem es viel zu küssen gab und noch mehr zu lachen. Fast alle Zimmer waren gereinigt, ausgenommen das ärztliche Kabinett, in dem der Doktor es von jeher selbst erledigte, um seine Kleingkeiten und Notizen besorgt, die von Steinen und kleinen Schußwaffen beschwert und festgehalten wurden. Er warf seinen Mantel um die Schultern: „Der Ssedertisch wird doch ohne mich bereit sein?" Sie knixte übermütig: „Gewiß, Herr Kapitän." „Nun also. Ich bin zur Zeit zurück, morgen Nachmittag; da sind die Schreibtischschlüssel, suche gut und mache keinen Unfug;" und °r drohte ihr lächelnd mit erhobenem Finger. „Soyez sans peur, Monseigneur," versprach sie, während sie ihm die Ledertasche mit den Instrumenten hinhielt. „Nun Adieu, Madame." Er küßte sie auf die Stirn: „Adieu, monsieur le capitaine;" und er ritt davon. Der Schreibtisch war ein gelbes Ungetüm, welches er sich von seinem Vater hatte schenken lassen, eine wahre Burg mit geheimen Zugängen und unterirdischen Verließen. Sie öffnete mit den verschiedenen Schlüsseln Schub um Schub, ein Fach nach dem anderen, nahm die Papiere heraus, die darin lagen, Banknoten, Notizen, Scheine und dergleichen, Rezepte und Beschießungen interessanter Fälle von Heilung oder Tod, fegte es aus und legte alles wieder hinein. Sie erheiterte sich dabei, schwenkte ihr Tüchlein und sprach mit dem abwesenden Liebsten zärtliche und drollige Worte; es machte ihr Freude, die verborgenen Federn zu finden, Stellen, an denen man drücken oder ziehen mußte, um eine Geheimlade zu entdecken. Es gab ihrer viele, und sie war sdion müde, als sie innerhalb eines Faches, das sich nicht ganz herausziehen ließ, eine Erhöhung merkte: sie drückte, zog und es ließ sich weiter öffnen. Eine schwarzlederne Dokumententasche lag darin, alt und abgeschabt, enthaltend mehrere Dokumente von Wichtigkeit: einen amtlichen Geburtsschein, die Urkunde, welche ihn zum Leutnant machte, sein Doktordiplom aus Leyden, eine Bescheinigung der Marienkirche in Köln, daß der sergeant-major Wolf de Spandow am 9. Juni 1806 zum katholischen Glauben . . . hier öffnete Frau Ruth den Mund,, um zu schreien — der Raum kreiste in einem Wirbel um sie, in einem Trichter, der in ihrem Herzen mündete — erblaßte aber fürchterlich und glitt, ihrer Sinne unmächtig, an dem gelben Schreibtisch herab zur Erde. Sie erdachte endlich aus tiefer Ohnmacht und fühlte sich wie ein bebender Stein. Sie erhob sich mit Anstrengung an der Kante des Möbels. Sie riß den schrecklichen Taufschein mitten durch mit Händen, die sie nicht leitete. Eine Erkenntnis, daß sie eilen müsse, begann sie zu jagen. Sie steckte einen Teil in die Tasche und rief, alles liegen lassend, wie es lag, mit fremder Stimme nach den Kindern. Ihren Kopf fühlte sie ganz leer, doch nur so, wie ein Raum leer ist, vor dessen Türen eine schwarze Menge drängt einzudringen — man mußte fertig werden, ehe es ihr gelang. Sie nahm den Kleinen auf den Arm, gab Ulrike, welche, nichts Trauriges ahnend, ohne Ende von der Großmama sprach, die heilige Schrift in die Hände und ging, ohne sich umzusehen und ohne eine Träne zu vergießen, durch die zum Feiertage geschmückte Wohnung, durch die Tür, die hinter ihr klingelnd schnappte, bloßen Hauptes in den Regen hinaus zu ihren Schwiegereltern, da ihr Vater noch nicht daheim war; öffnete die Stubentür, setzte den Sohn auf die Füße, rief: „Wolf ist getauft! da!" und die schwarze Menge brach ein. Sie fiel wiederum bewußtlos zu Boden, den beweisenden Fetzen weit in das Zimmer gleiten lassend. (Schluß folgt.) Welt-Echo Ein Manifest an die Kulturwelt erläßt das Genfer Komitee der russisch-jüdischen Arbeiterpartei „Der B u n d", in welchem ausgeführt wird, daß Rußland auch während des Krieges seine alte Judenpolitik ungemildert fortsetze. Selbst die in Paris erscheinende „Humanite" sieht sich verpflichtet, dieses Manifest mitzuteilen. Die Lage der Juden in Lemberg ist trostlos und verschlechtert sich von Tag zu Tag. 60 000 Juden hungern buchstäblich. Die Reichen haben die Stadt verlassen, an ihre Stelle kamen jüdische Flüchtlinge aus anderen galizischen Ortschaften, welche durch den Krieg ruiniert sind. Der Korrespondent des in Petersburg erscheinenden „N o w i W o s c h o d" schildert die Zustände mit den Worten: „Halbnackte Menschen, welche nichts anzuziehen haben, um auf die Gasse gehen zu können, hungernde Kinder und Frauen, deren Ernährer geflüchtet oder in den Krieg gezogen sind. Eine ganze Menge halbverrückter Menschen, die jeden Morgen sich vor den Türen der Synagoge drängen, um eine Anweisung auf ein Kilogramm Brot zu erhaschen. Ich habe auch Menschen gesehen, welche der Krieg um den Verstand gebracht hat." Der Vize-Präsident der ungarisch-israelitischen Landeskanzlei, Dr. Fitenz Mezei, hat sich mit einem Memorandum an die amerikanischen Juden um Hilfe gewandt, da die ungarische Judenheit nicht mehr in der Lage sei, für die Flüchtlinge so zu sorgen, wie es die Umstände erheischen. Das Reutersche Bureau verbreitet in der jüdischamerikanischen Presse unwahre Nachrichten über die Türkei, indem es u. a meldete, daß türkische Polizisten jüdische Einwohner Jaffas mit Bajonetten zum Hafen getrieben und sie in schmählichster Weise drangsaliert hätten. Diese vom amerikanischen Botschafter Morgenthau dementierte Depesche zielte natürlich nur darauf ab, der Türkei die Sympathien der amerikanischen Juden zu entziehen.