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Das jüdische Echo · 1915-02-12 · 6 (12.2.1915) · p. Seite 46

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
6 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
Seite 46 (sequence 6)
Language
German
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48 Das Jüdische Echo Nr. 6 besetzten Teilen Galiziens und der Bukowina — so weit es ihm nur möglich ist, flüchtet, ist nur zu erklärlich. In alle Teile der Habsburgermonarchie, ja sogar nach Rumänien flüchten die nun um ihr Hab und Gut gebrachten, erwerbslosen Juden, froh, das nackte Leben gerettet zu haben. Die Wiener Regierung wetteifert mit den Zio nisten, das jüdische Massenelend zu lindern, aber eine Reihe von anderen Faktoren und speziell ein Teil des jüdischen Großkapitals erfüllen nicht ihre diesbezügliche nationale Pflicht. Eine Reihe von Städten hat bereits die Judensperre durchgeführt und nun werden auch in Steiermark immer mehr Stimmen laut, welche gegen die Zuwanderung weiterer galiziischer (natürlich auch galizisch-jüdischer) Flüchtlinge sich wenden, während anderseits schon jetzt von mancher Seite deren Rückbeförderung in ihre Heimat sofort nach Beendigung des Krieges gelordert wurde.---Auf diese Weise ist die durch den Krieg — eine Spanne Zeit — zurückgedrängte Judenfrage und insbesondere die Wanderfrage, wieder brennend geworden und droht nach dem Kriege ein erfolgreiches Propagandamittel zu werden. — Wenn man überdies die wirtschaftliche Lage der besitzlosen jüdischen Volksschichten aus dem Osten der Monarchie berücksichtigt, die infolge des Krieges noch trostloser wurde, als sie es vorher bereits war und weiter erwägt, daß nach dem Kriege eine Neuordnung des Verhältnisses aller Völker der Habsburgermonarchie zu einander, somit auch zu den Juden erfolgen muß, dann ersieht man, welche harte Arbeit gerade der österreichischen Zionisten in Zukunft harrt. Unser Programm ist durch den Krieg nach keiner Richtung widerlegt worden, sondern hat im Gegenteil an Aktualität gewonnen. Treu unserem jüdischen Volke wollen wir hier in diesem politischen Donaureiche mitarbeiten an dem großen Probleme der Erneuerung Österreichs im Zeichen der nationalen Verständigung und der sozialen Reform. Abbazzia, im Febr. 1915. Dr. H. K a d i s c h. Russische Versprechungen Man weiß in Deutschland schon seit langem, daß es mit russischen Versprechungen nicht weit her ist. In Rußland wird immer sehr viel versprochen, aber sehr wenig gehalten. Die unmenschlichen Unterdrückungen der Juden in Rußland seit dem Ausbruch des Krieges haben ihrerseits den Glauben an die Versicherungen der konservativen russischen Kreise völlig erschüttert. Nun veröffentlicht die jüdische Zeitung „Moment" (Warschau) eine Unterredung mit einer hochstehenden Persönlichkeit, die anscheinend zu der liberalen Richtung gehört. Es ist bemerkenswert, mit welchen Vorbehalten auch von dieser Seite den Juden die bürgerlichen Rechte versprochen werden. Der russische Politiker hat sich folgendermaßen über die zukünftige Gleichberechtigung der Juden geäußert: Es wird geplant, den jüdischen Ansiedlungsrayon abzuschaffen, jedoch nur in Bezug auf die Städte. Das Wohnungsverbot für die Dörfer wird auch künftighin bestehen bleiben. Man denkt daran, die Prozentnorm in den mittleren und höheren Schulen fallen zu lassen. Es ist aber nicht sicher, ob dieses gleich oder erst im Verlaufe von einigen Literarischer Abend des Jüdischen Echot (zu Gunsten des Palästina-Hilfswerkes) Vortrag jüdischer Dichtungen von Herrn Arnold Marie Regisseur am Münchener Volkstheater Dienstag, den 2. März 1915, Abends 8 Uhr Saal des Edenhotel (früher Russischer Hof) Ottostrasse 4, Ecke Karlstrasse Nummer. Plätze M 3.10, 2.05, unnummer. Plätze M 1.— / Karten bei Alfred Schmid Nchf., Residenzstr.7 u. bei der Administrat. desjüdischen Echos, Herzog Maxstrasse 4 Jahren geschieht. Man will indes den Juden erlauben, eigene Schulen zu gründen. Es ist ferner möglich, daß man den Juden den Zugang zur Advokatur wieder gestatten wird; man denkt sogar daran, jüdische Offiziere zu ernennen. Jedoch hält man dieses Projekt in den maßgebenden Kreisen für verfrüht. Die hohen Finanzkreise sind sehr dafür, daß man den Ansiedlungsrayon abschafft. Sie machen aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß dadurch die Auswanderung von nicht diplomierten jüdischen Handwerkern aus Polen nach Rußland einen zu großen Umfang annehmen wird, wodurch eine große Konkurrenz zwischen dem jüdischen Arbeiter, der für einen viel niedrigeren Lohn arbeitet, und dem russischen Bauer entstehen wird. Mit der Befreiung Galiziens wird sich für Rußland eine neue Judenfrage bilden. Die galizischen Juden leben noch ärmer als die Juden Polens und sind bereit, für einen noch kleineren Lohn zu arbeiten. Auch von diesen Juden ist im Falle der Freizügigkeit eine starke Konkurrenz zu befürchten. Zu beachten ist es, daß die galizischen Juden an ein freieres Regime gewöhnt sind, weshalb sie sich nicht so leicht mit den neuen Zuständen abfinden werden. Die maßgebenden Kreise halten deshalb eine Organisation der jüdischen Massenauswanderung für sehr wichtig. Wir glauben, daß England eine von den deutschen Kolonien bekommt und sie uns dann wiedergibt. Jedenfalls wäre es sehr wünschenswert, wenn Syrien unter Englands Protektorat käme. Dieser Landstrich soll dann den Juden unter der Garantie der vollen Selbstverwaltung überlassen werden. Man wünscht auch, daß über diese Fragen eine öffentliche Diskussion sich entwickelt. Insbesondere hält man in den maßgebenden Fragen eine Erörterung der Emigrationsfragen für höchst notwendig." Man sieht aus den vorstehenden gequälten Ausführungen, wie wenig Hoffnung die russischen Juden haben, eine wirkliche Gleichberechtigung zu erlangen. Nur eine Niederlage des Zarismus wird sie ihnen verschaffen.

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