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Das jüdische Echo · 1915-01-29 · 4 (29.1.1915) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
4 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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20 Das Jüdische Echo Nr. i tigen Verzweiflung zur titanischen Auftürmung der Symbole seines ungelebten Lebens. Unser „Neujahr der Bäume" war ein solches Verzweiflungssymbol durch all die Jahrhunderte äußerer Stumpfheit und Naturentfremdung. Die nüchterne Kalendernotiz juristisch-theologischen Ursprungs wurde zum Gemeinschaftsfest der ewigen Natur und ihrer Menschheit. Aber Feste haben auch eine Zukunft und ein so wenig an bestimmte Formen gebundenes wie chamischoh osor bisch'wat ist ganz besonders geeignet zu einer allgemeinen noch eine speziellere Bedeutung zu erhalten, ja man kann mit Recht behaupten, daß das Fest v o n a 11 e r s her schon unleugbare Merkmale dieses engeren Sinnes besaß und daß in unseren Tagen die Konturen dieser seiner Zukunftsperspektive noch kräftiger geworden sind. Nicht allein der Umstand, daß das „Neujahr der Bäume" für die europäische Natur etwas zu früh angesetzt zu sein scheint, auch der für jüdisches Empfinden ungewöhnliche Charakter des Festes als einer abstrakten, allmenschlichen Freude an Gottes Natur deutet daraufhin, daß es damit seine eigene Bewandtnis haben müsse. Und in der Tat feiert man den 15. Sch'wat überall, wo er noch im Bewußtsein der Juden lebt, als das Fest der wiedererwachenden Natur des »heiligen Landes, einer der vielen einwandfreien Beweise für die Unantastbarkeit jenes jüdischen Grundgesetzes, nach welchem der jüdische Gott, sein auserwähltes Volk und seine heilige Stadt ein untrennbares Ganze sind und daß, wer das Gift des ätzenden Zweifels über das eine gießt, zum Frevler an dem anderen wird. Unser Volk besaß die wunderbare Kraft, bewußt oder unbewußt diese drei Wurzeln jüdischen Wesens in sich zu bewahren. Es ist daher kein Zufall, daß dieses hervorragend palästinensische Fest von der modernen palästinensischen Judenheit besonders sinnvoll begangen wird, indem ihre städtische Jugend unter singendem Spiel durch festliche Straßen hinaus ins Freie zieht, wo sie durch Pflanzen junger Bäumchen dem inneren Sinne ihrer Festesfreude greifbaren Ausdruck verleiht. Denn die Aufforstung Palästinas ist die natürliche Voraussetzung eines wahrhaften „Neujahrs der Bäume". Und auch wir, in den Ländern der Zerstreuung, halten es für unsere Ehrenpflicht, nach bestem Können diesem jungen Werke der Erneuerung zu dienen. Und wenn wir Zionisten im besonderen es uns zur frommen Gewohnheit gemacht haben, alle ernsten und freudigen Ereignisse unseres Lebens durch Ölbaumspenden ins Gedenkbuch der palästinensischen Erde zu schreiben, so arbeiten wir unmittelbar mit an dem Werdegang dieses schönen Festes der jüdischen Zukunft. Palästina im Kriege Von Davis T r i e t s c h , Berlin. (Schluß.) Eine weitere Frage ist die nach der Zukunft Palästinas und der möglichen Einwirkung des Krieges auf die Entwicklung der jüdischen Kolonisationsbestrebungen. Es darf hier wohl mit der Voraussetzung des deutschen und österreichischen Sieges und ebenfalls mit guten Erfolgen der Türkei gerechnet werden. Der bisherige Verlauf der Ereignisse berechtigt hierzu durchaus, und so ist für die Zukunft zum wenigsten auch mit einer gefestigten türkischen Herrschaft über Palästina zu rechnen. Die Frage ist nun zunächst, inwiefern die kriegerischen Ereignisse den Fortgang der Arbeit in Palästina, soweit sie von Juden der heute im Kriege befindlichen Länder begünstigt werden, beeinflussen dürften. Manche glauben, daß der Krieg mit seinen direkteren Anforderungen jedes Palästina-Interesse zurücktreten läßt, und daß dies auch für die Zeit nach Beendigung des Krieges gelten werde, weil dann ebenfalls die vaterländischen Interessen den Juden der verschiedenen Länder näher liegen werden als eine überseeische Kolonisationsbestrebung. Dem wäre aber zunächst entgegenzuhalten, daß der Krieg mit allen seinen Begleiterscheinungen doch auch den Freunden der jüdischen Kolonisation erst so recht zum Bewußtsein gebracht hat, welche Leistungen und Opfer dem Einzelnen auferlegt werden dürfen für eine Sache, die ihm. wirklich am Herzen liegt; und so werden die ernsthaften Elemente sicherlich zu einer ganz neuen Auffassung dessen gelangen, was die jüdische Palästinasache von ihnen beanspruchen darf. Daneben kommt auch in Betracht, daß die großen Anforderungen des Krieges neben aller Not, die sie gebracht haben, doch in weiten Kreisen — und nicht zuletzt in jüdischen — zu einer leichtherzigeren Auffassung vom Wert des Geldes geführt haben. Täglich und stündlich werden jetzt große Beträge für soziale Dinge, für Wohlfahrtszwecke und auch für geschäftliche Unternehmungen bereitgestellt, die zu normalen Zeiten nie aufzutreiben gewesen wären. Diese Gewohnheit des In-die-Tasche-greifens wird vermutlich auch anhalten, wenn nach Beendigung des Krieges das Unternehmertum der ganzen Welt einen neuen Anstoß bekommt. Besonders 'gilt dies für jene Länder, denen aus den voraussichtlichen Kriegsentschädigungen große Geldmittel zuströmen werden. Aber auch in den verlierenden Staaten werden große Finanzaktionen erforderlich werden, durch die ebenfalls eine größere Geldflüssigkeit hervorgerufen wird. Solche Zeiten sind auch kolonialen Unternehmungen günstig, und diese Stimmung dürfte wohl auch den jüdischen Kolonisations-Unternehmungen zugute kommen. Hierbei wird noch wesentlich das folgende mitwirken: Es kann damit gerechnet werden, daß nach Beendigung dieses Krieges die „deutschtürkisch - jüdische Interessengemeinschaft", die der Verfasser bereits seit vielen Jahren vertritt, auch weiteren Kreisen sehr deutlich werden wird. Die Türkei wird ja nach wiedererlangter Großmachtstellung zweifellos ihr Hauptinteresse der wirtschaftlichen Hebung des Landes zuwenden. Hierzu kann sie jedoch ohne europäische Hilfe vorderhand wohl nicht auskommen.

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