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Das jüdische Echo · 1915-01-22 · 3 (22.1.1915) · p. Seite 22

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
3 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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22 Das Jüdische Echo Feuilleton Die Flucht der van Spandows Eine Novelle von Arnold Zweig (Fortsetzung) Allein ein altes Ehepaar kam regelmäßig jeden Sonntag nachmittag zum Besuch, ein altes, heiteres Frauchen in einem Kleide, welches oben schmal, unten jedoch äußerst weit und faltig war, mit einem Häubchen aus weißem Taft und einem schwarzen Pompadour, der regelmäßig etwas sehr Leckerhaftes enthielt, und ein alter Herr mit glattem Kinn, welches er mit der linken Hand zu streicheln liebte, in einem weitschweifigen Rock mit engen Ärmeln und aus feinem, schwarzem Tuch, einem hohen, glänzenden Hute und einem Stocke aus dem Zahne eines Narwals, weiß, schwer, mit goldnem Knopf: das war der ehemalige Bankier Arnold van Spandow und seine Frau Malwine, geborene Levin. Sie begrüßten den alten Ostertag mit stehenden Redewendungen, wie etwa: „Ja, da sind wir nun wieder eingedrungen, Ostertag . . . Wir stören doch nicht, Gott behüte? Ruth, Sie sehen wieder aus wie eine Rose, unberufen ... Ja, das blüht, und wir indeß . . ." damit setzte man sich auf steife Stühle, die wenig von Verweichlichung zeugten, und nahm aus kantig geschliffenen, hochfüßigen Kristallkelchen, die der Gast und Freund andächtig zu drehen liebte, alten Ungarwein, Tokayer oder Pontac, hellen, herberen für die Männer, dunkleren, fast roten für die Frauen, die ihn nun einmal süßer vorzogen, obwohl Herr van Spandow Worte wie „Sirup" hören ließ; dazu etwas häusliches Buttergebäck oder einen Napfkuchen, welcher gottlob keine Streifen aufwies; und der zwischen den beiden Frauen, der alten und der jungen, zum Gespräch wurde, an dem die Männer allerdings einen sachkundigen und heiteren Teil nahmen, denn schließlich war man ja der Mitleidende, wie van Spandow sich ausdrückte. Er war der reichste Mann in der Stadt und es hieß, daß er selbst in Berlin, welches sich übrigens wieder lebhaft zu regen begann, kaum einen reicheren finden werde. Er hatte verhältnismäßig wenig gelitten, weil sein Geld in Holland angelegt war, in Kaffee, Tee und Baumwolle, woran man während der ganzen Jahre der Kontinentalsperre hatte verdienen können, bei Banken in Amsterdam und Antwerpen,- mit denen schon sein Vater in geschäftlicher Verbindung gestanden hatte und denen man eine Zuneigung bewahrte, vielleicht noch aus der Zeit, wo der älteste van Spandow mit anderen Juden und Christen, Handwerkern und Bauern aus Holland nach der Mark gekommen war, herbeigerufen durch den staatsweisen Geist Friedrich Wilhelms, des großen Kurfürsten. Ja, seine Zuneigung zu diesem toleranten, heiteren und kaufmännischen Volke der Niederländer war so groß, daß er seinen einzigen Sohn Wolf, einen tollen und vermutlich begabten Knaben, dorthin gesandt hatte, ohne daß Fernstehende von demselben seither Genaueres gehört hatten. Es liefen wilde Gerüchte darüber in der Stadt umher: die einen behaupteten, der Jüngling habe die altberühmte Universität Leyden aufgesucht, um dort, wo „unsere" Leute weniger ausgesetzt lebten, Medizin zu studieren, wobei er nicht gutgetan habe, vielmehr ein wüstes Leben geführt, und schließlich nach den Kolonien gegangen sei, nach Borneo, Batavia oder sonst etwas sehr Ahnungsvollem, und dort am gelben Fieber verstorben; die anderen, weniger hämischen, vermuteten ihn ebenfalls daselbst, aber lebend und als wohlhabenden Kaufmann, wahrend eine dritte und kleine Partei, Frauen und junge Mädchen wohlverstanden, sich darauf versteiften, er sei in Italien und Maler, weil er von jeher gut gezeichnet habe und ein braunes Gesicht, kühne Nase und blanke, schwarze Augen besessen habe, was zum Maler unerläßlich sei, besonders in Italien. Die vier Menschen, im Rauchkabinett bereits, welches dunklere und bequem geformte Möbel aufwies und in dessen Luft die brennende Kerze einen fetten, gelben Fleck machte, wußten es freilich besser. Die Männer rauchten schon: der alte Ostertag eine dünne, oben gebräunte Pfeife aus Ton, die er wie einen langen Stift zwischen zwei Fingern hielt und mit gebogenen Arm maßvoll bewegte, Spandow aber eine kurze Pfeife englischer Form, ein zartes Gebild aus warmgetöntem Meerschaum, Bernstein und Silber, hell und zierlich; der Rauch zog angenehm duftend an der Decke entlang. Frau Malwine saß freundlich nickend und zählend am Fenster, sie strickte an einem warmen Strumpfe für ein armes Kind und blickte manchmal schnell und klug zu Ruth hinüber, die selbstvergessen dasaß, die Hände im Schoß zusammengelegt und die Blicke auf das lustige Spöttergesicht des Herrn van Spandow gerichtet, welcher zu ihrem Vater über den jungen Körner sprach, Theodor Körner, den Dichterhelden, der leider Gottes bei Gadebusch sein junges Leben ausgehaucht hatte: „Wohl," sagte er, „ich liebe ihn sehr; ist er nicht stets begeistert? Er war immer begeistert, und daher sind seine Verse so schlecht .... du weißt, Ostertag, daß Begeisterung ein gewisses Mittel gegen gute Verse ist, Patriotismus und gute Reime haben eine Abneigung gegeneinander, wie? Nun ja ... so ist Theodor zur gelegenen Stunde gefallen; und bleibt das junge, vielversprechende Genie, trotz Herrn von Goethes besten Gedichten . . . ." „Er ist doch nun tot, Spandow," mahnte Frau Malwine sanft von ihrem Strickstrumpf her. „Malwinchen," blinzelte der boshafte Gatte, „sage mir, Malwinchen: hören schlechte Verse auf, schlechte Verse zu sein, wenn der Verfasser zufällig verblichen ist? Ja, nun kannst du nichts erwidern." Aber er wechselte den Gegenstand des Gespräches. Wovon er nun redete, das hängt aufs engste mit dem zusammen, was die müßigen Seelen der Stadt beschäftigte, von dem jungen Manne, seinem Sohne, welcher — — wozu mit einer Wahrheit hinter dem Berge halten, wenn sie binnen kurzem doch zu Tage treten muß und vertraulich behandelt wird? Wolf van Spandow war nicht Arzt und niemals Kaufmann, nicht in Leyden zu finden und nicht auf Borneo: er gehörte vielmehr dem vornehmen Reiterregiment der Chasseurs ä cheval des Pays-Bas als Kapitän an . . . (Fortsetzung folgt.) Gemeinden-Echo Aschaffenburg. Das Ergebnis der Wahlen zur Kultusgemeinde lautet: Gewählt sind als Vorstand Fabrikant Alexander Trier, als Verwaltungsmitglied Sal. Goldschmitt; als Ausschußmitglieder Siegfried Marx, Semy Fried, Louis Philipp: als Ersatzmänner für die Verwaltungsmitglieder Martin Rosenthal und Hugo Vogel; als Ersatzmänner für Gemeindeausschußmitglieder Bankier Arnold Rosenthal, Karl Sternheimer und Fabrikant Leo Sichel.

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