Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 3 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Das Jüdische Echo Nr. 3 Antisemitismus" von der Verteilung warmer Kleidungsstücke ausgeschlossen worden seien. Reuter meldet aus London, daß man ernstlich daran denke, besondere jüdisch - englische Truppen-Abteilungen zu bilden. Zu diesem Zwecke wurde schon in Eastend ein Werbebureau aufgeschlagen. Zum Gouverneur von Idaho wurde ein in Deutschland geborener Jude, Moses Alexander, mit überwältigender Mehrheit gewählt. Das am 4. März zu eröffnende Repräsentantenhaus in den Vereinigten Staaten wird sechs Juden als Mitglieder zählen. In den Vereinigten Staaten beginnt die Einwanderungsfrage wieder akut zu werden. Man trägt sich beispielsweise im Staat Arizona mit dem Gedanken, eine Prozentnorm einzuführen. Amerikanische Blätter berichten, daß die Botschafter mehrerer europäischen Regierungen gegen die Annahme eines solchen Gesetzes protestierten, weil dadurch deren Vertragsrechte verletzt würden. Die jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaften in New-York beabsichtigen ein Schiff mit Lebensmitteln für die jüdische Bevölkerung Jerusalems auszurüsten. Die türkische Regierung hat sich verpflichtet, keine der aus Amerika kommenden derartigen Sendungen für militärische Zwecke zu requirieren. Nichtsdestoweniger ist es noch fraglich, ob die Engländer das Schiff werden unbehelligt lassen. Das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee für die vom Kriege Betroffenen bewilligte am 13. Dezember 50.000 Dollar für die notleidenden Juden in Rußland, und je 25.000 Dollar für die in Galizien und Palästina. Oberregierungsrat Gustav Seiler s. Ä. Seit den letzten Oktobertagen gilt ein hoher Beamter des Bayer. Kultusministeriums, der Anfangs August als Hauptmann d. L. im 1. Reserve- Inranterie-Regiment ins Feld gezogen war, als vermißt, bezw. gefallen, welcher, wie kein Zweiter es um das bayerische Judentum verdient hat, daß unsere Glaubensgemeinschaft ohne Unterschied der religiösen Richtung seinem Andenken den Zoll innigster Dankbarkeit entrichtet. Oberregierungsrat Seiler hatte seit langen Jahren im Ministerium das Referat über den israelitischen Kultus inne, und da die Staatsregierung bekanntermassen eine durchgehende Revision des mehr als 100 Jahre alten Edikts von 1813 als eine der Aufgaben der nächsten Landtagssession angekündigt hat, so war der Verklärte, der vor wenigen Jahren die Neuordnung der Kirchenverfassung für die christlichen Konfessionen zum Abschluß gebracht hatte, die berufene Persönlichkeit, um auch die -.es f o schwierige und heiß umstrittene Gesetzgebungswerk zur Beratung für die gesetzgebenden Körperschaften auszuarbeiten. Nur derjenige, der im Laufe der letzten Jahre mit dem Verstorbenen die verschiedenen organisatorischen und finanzrechtlichen Einzelf ragen dieser Reform zu erörtern hatte, weiß, welche Summe reicher juristischer und verwaltungsrechtlicher Kenntnisse dem auf dem Felde der Ehre gefallenen Referenten eigen war und wie sich bei ihm dieser Wissensschatz mit einem warmen und toleranten Verständnis :ür die altüberlieferten Satzungen der israelitischen Religion verband. Gerade dieses letztere Moment war es auch, das ihn in hervorragendem Maße befähigte, bei der Neuordnung der israelitischen Kirchenverfassung in Bayern jene Mittellinie zu finden, die es allen religiösen Richtungen ermöglichte an der Revision mitzuwirken und vertrauensvoll der für diesen Winter angekündigten Vorlage des neuen Entwurfes entgegenzuschauen. Die bayerische Judenheit beklagt auf das Schmerzlichste den Verlust dieses um die Entwicklung des jüdischen Gemeindelebens in Bayern hochverdienten Beamten. Sein von Pflichttreue und Vaterlandsliebe erfülltes Leben konnte keinen schöneren Abschluß finden als durch den Heldentod auf dem Felde der Ehre; aber vor allem wird die bayerische Judenheit ihm eine unvergängliche dankbare Erinnerung bewahren, nicht nur wegen seines liebenswürdigen, feinsinnigen Wesens, nicht nur wegen seiner Objektivität und Gerechtigkeitsliebe in allen Fragen der kirchlichen Verwaltungspraxis, sondern auch vor allem, weil sein Nameunauflöslich verbunden bleibt mit einer gesetzgeberischen Reform, die der Verklärte im Interesse der bayerischen Judenheit mit hingeben 'wm Verständnis und unermüdlicher Schaffensfreudigkeit vorbereitet und so weit gefördert hat, uai> ihr segensreicher Abschluß in friedlichen Zeitläuften schon jetzt als gesichert gelten kann. Sigmund Fraenkel. Willy Greifenhagen Zu den Menschen, die mit ihrem Wirkungskreis so stark verwachsen, daß sie davon schwer fortzudenken sind, gehörte auch Rechtsanwalt Willy Greifenhagen. Es gibt wohl unter den Zionisten Deutschlands, vermutlich unter den Juden, denen das neue jüdische Leben etwas bedeutet, keinen, der Qrei/f enhagen-, einen seiner stärksten Träger, nicht kannte. Die zionistische Arbeit in Stettin, in Berlin und im Reiche, vor allem die jüdische Turnerschaft, deren Vorsitzender Greif enhagen war, verdanken ihm viel. Nie versagte er; mit seiner unermüdlichen Arbeitskraft war er stets zur Stelle, wenn man ihn rief. Als seine Glanzleistung ist die Organisierung und vorbildliche Durchführung des jüdischen Turnfestes beim letzten zionistischen Kongreß in Wien anzusehen. Er war einer der besten zionistischen Redner, wenn auch eigentlich ohne besondere Rednergabe. Er zielte nicht auf Wirkungen, aber seine Worte gingen zu Herzen, weil sie von einem Herzen kamen, das stets von der Sache des Judentums erfüllt war. Auch in München und Nürnberg ist Greifenhagen nicht unbekannt. Als er im vorigen Winter bei einem Turnfest des Jüdischen Turn- und Sportvereins in München die Festrede hielt, standen alle, die ihm zuhörten, im Banne seiner Worte. Nun ließ auch er sein Leben fürs Vaterland. Möge dies uns helfen, den Schmerz über seinen lod zu verwinden. ]