Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 2 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- Seite 14 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9114194--00184-9073011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 Das Jüdische Echo Nr. 2 ßen Königs und der großen Revolution zehrend, und überdies hätte kein Mensch die Roheit besessen, diesem schönen und klaren Kinde weh zu tun .... Aber, nach innen galt es gewappnet zu sein. Die neue Freiheit des Denkens der Zeit, welche alte Vorurteile zerbrach, aber die frevlerische Zersetzung auch an die ewigen Grundgedanken der Religion herantrug — gab es nicht schon Menschen, welche Gottes Dasein leugneten? — die neue Brüderlichkeit in der Gesellschaft und die soeben verkündete Gleichheit im Staate berauschte viele Juden der jungen Geschlechter und veranlaßte sie, voller Begeisterung den neuen Brüdern entgegenzueilen und den Glauben der Väter als altmodisches und hinderndes Erbteil aufzugeben, um christliche Bürger des Staates zu werden, oder aus Pietät diesen äußersten Schritt zu unterlassen, jedoch mit erhabener und spöttischer Miene über die treuesten Lehren ihres Volkes hinwegzulächeln. Ruth Ostertag floh vor solchen Entfremdeten mit äußerstem Widerwillen; ein „Abtrünniger" war ihr ein unmögliches Wesen. Sie hatte früh und gründlich die heilige Sprache gelernt und las nun und lebte in der Pracht der heiligen Schrift, welche für sie nicht fremdartig war, sondern vertraut wie die Kostbarkeit eines heimischen Palastes. Die Antlitze der Patriarchen tauchten auf, umdunkelt, geformt aus Zeit: sie hatten den Herrn von Angesicht zu Angesicht geschaut, und noch zitterte Ehrfurcht über ihrer Haut und ihren sehr alten Haaren. Ihre Frauen blickten großäugig in die Ferne wie über die Myriaden, Sprossen ihres Schoßes, die ihnen verheißen, das Haupt Moschehs dräute mit gewitternden Brauen über Ungehorsamen, ein Fels: und der rauchende Berg hinter ihm brannte nicht düsterer als sein Zorn und sein schwerer Wille. Josua trug vor sich hin das nackte Schwert, Gideon aber die Fackel und den Krug, und an Simsons Mähne zupften die Finger einer Frau. Und die nun kamen, hatten Kronen: auf Einern düsteren Haupte trug sie Saul, der Gezeichi j dss Herrn, auf einem endlich triumphierenden David, und keiner trug sie schöner als Saiomo, der erwählt war, den Tempel des Einig- Einzigen zu bauen, das Haus des Glanzes und des nieverlöschenden Sehnens. Aber das Reich versank, Unheil brach ein, die Propheten schrieen mit flammender Stirn, die Makkabäer schüttelten verzweifelt Judas letztes Schwert — und nichts blieb als Elend, Dunkel und Gram. Und das Mädchen fühlte in sich die Verantwortung, die diese Welt ihr auferlegte, und sie trug sie gerne, stolz zu sein und aus irgend einem Grunde vorbildlich zu leben, eine Aufgabe, die nur erst eine dumpfe und starke Ahnung, nicht einmal ein Gefühl war. Gott selbst hatte ihr dies gegeben, der Gott des Zornes und der allgewaltigen Güte, den sie liebte und zu dem sie betete. Der alte Bankier Arnold van Spandow sagte zu seinem Freunde, indem er fröhlich lächelnd s°in glattes Kinn umfaßte: „Ostertag, sie hat Sinn für Größe," und damit hatte er das Rechte getroffen, was übrigens keineswegs schwer zu finden war; und diesen Sinn wandte sie nicht nur auf die ferne Historie ihres Volkes an, sondern auch auf Europas jüngste Erlebnisse, auf das, was soeben noch Gegenwart gewesen war. Ohne Umschweife gestanden, verehrte sie mit begeisterter Glut — was freilich nur von den beiden alten Herren gewußt und gebilligt wurde und was, wäre es offenkundig geworden, ihr den gerechten und allgemeinen Abscheu aller christlichen und der meisten jüdischen Mitbürger eingetragen hätte — den kaum und endlich entthronten und isolierten ehemaligen Kaiser der Franzosen den korsischen Parvenü Napoleon Bonaparte. Zugegeben, daß dieses blutrünstige Scheusal, diese Geißel des Menschengeschlechtes die Zuneigung eines zarten Mädchens am wenigsten verdiente, so ist doch mehreres in Betracht zu ziehen, ehe man sie verdammt: erstlich hatte sie den Imperator, dessen Taten ihr ganzes Leben lang die Welt in Zuckungen versetzten, niemals von Angesicht gesehen, nur die ungeheueren Wirkungen seiner Wünsche und Befehle erlebt, die Menschenmassen, die sein Atem umherbhes, die Königreiche, die sein Gutdünken vernichtete oder neu schuf — wahrlich, er war wie ein Gott in diese Welt getreten! Hatte er nicht ferner überall, wo er seine Macht hintrug, ihrem geknechteten Volke Freiheit und Ehre gebracht? Hatte er nicht in Paris ein glänzendes Synhedrion von Rabbinen einberufen, um dem Volke Gottes Gesetze geben zu lassen, und hatte er sie nicht feierlich begrüßt, nicht anders als Bischöfe der Christen? Wo noch in Europa wurden die Juden in allem den Christen gleichgestellt? Und andererseits — hatten nicht die deutschen Regierungen, als ihnen die Bataille von Belle-Alliance im vorigen Jahre endlich alles Geraubte wiedergab, sogleich damit begonnen, die Juden in den alten Zustand von Beengtheit und Sonderstellung zurückzudrücken? Dies allein hätte genügt, um dem schönen Mädchen das Herz mit den Träumen vom großen Kaiser, vom neuen Alexander zu entzünden. Aber am schwersten wog, daß sie ihn nur aus Bildern kannte, aus Stichen nach Gemälden berühmter Künstler, die den ersten Konsul darstellten, indem sie aus ihm einen schönen, dunkeläugigen und heldenmütigen Jüngling formten, dessen leuchtende Blicke, dessen ausgestreckte Hand die Erinnerung an Lodi, an Arcole, an die Pyramiden weckten und der, indem er die Alpen überschritt, den Ruhm Hannibals zu dem seinen machte. So war ihr der Kaiser vor Augen, ewig jung und strahlend, der Herr der Welt, Cyrus, den Gott gesandt, um sein Volk zu befreien und dem er die Erde als Lohn überlassen hatte, sie zur größeren Ehre des Herrn der Heerscharen zu verwalten. In ihren Träumen und häuslichen Verrichtungen lebten Ostertags so, ungestört durch viele Bekannte, und wenn sie sich auch keineswegs dem öffentlichen Leben entzogen, 'so sah das große, rote Empfangszimmer mit den steif graziösen Möbeln aus Palisanderholz doch nicht oft Besuche; kam jedoch jemand, so wurde er freundlich und gastfrei empfangen, Ruth plauderte unbefangen mit ihm, indem sie die Hände im Schöße zusammenlegte, und nach einigen Minuten brachte das Mädchen ein wenig häusliches Buttergebäck und einen bunten und süßen Likör herein, worauf der Besuch sich erkundigte, ob Ruth den Kuchen wirklich selbst gebacken habe und ihn, falls er ein Mann oder eine sehr freundliche alte Dame war, nun noch bei weitem delikater zu finden behauptete .... Ruth hatte wenig Freundinnen, gar keine in Wahrheit, sie war wohl zu schön und absonderlich dazu und die Neigungen" der anderen jungen Mädchen gingen zu weit abseits von ihren eigenen; nur das gute, leider auf dem linken Auge ein wenig schielende Hannchen Saltz — o, es war nicht schlimm, wenngleich merk- •n.. ~ *an(* sicn hin und wieder ein, lustig, gesprächig, schwarz und nicht sonderlich weise. (Fortsetzung folgt.)