Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1914-12-01 · 12 (Dez. 1914) · p. Seite 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
12 (Dez. 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102850-9114192--00158-9072986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

136 Das Jüdische Echo Nr. 12 sind, der kann in der Tat kein Zionist sein, der kann sich einer Bewegung nicht anschließen, die nur berechtigt ist, wenn sie einem unter anormalen Bedingungen lebenden und leidenden Volke normale Daseinsbedingungen schaffen will. Wer dagegen überzeugt ist, daß die Juden ein Volk sind, der muß notwendig Zionist werden, da nur die Rückkehr in das eigene Land das überall gehaßte, verfolgte und unterdrückte Judenvolk vor leiblichem und geistigem Untergange bewahren kann. Viele Juden, namentlich des Westens, haben innerlich vollkommen mit dem Judentum gebrochen und sie werden es wahrscheinlich bald auch äußerlich tun, und wenn nicht sie, dann ihre Kinder oder Enkel. Diese wünschen ganz unter ihren christlichen Landsleuten aufzugehen. Sie empfinden es als schwere Störung, daß andere Juden neben ihnen ihr besonderes Volkstum laut verkünden und reinliche Scheidung zwischen sich und anderen Völkern fordern. Ihre große Angst ist, in ihrem Geburtslande, dessen freie Bürger sie sind, als Fremde bezeichnet zu werden. Sie fürchten, daß man dies mehr als je vorher tun wird, wenn ein großer Teil des jüdischen Volkes offen die Rechte eines selbständigen Volkes für sich fordert, und nun gar, wenn erst irgendwo in der Welt ein politisches und kulturelles Zentrum des Judentums entsteht, um das sich Millionen national geeinigter Juden gruppieren. Alle diese Gefühle der Assimilationsjuden sind verständlich. Sie sind auch von ihrem Standpunkt aus berechtigt. Aber sie haben keinen Anspruch darauf, daß der Zionismus ihnen zuliebe Selbstmord begehe. Die Juden, die in ihrem Geburtslande zufrieden und glücklich sind und die Zumutung, es aufzugeben, empört zurückweisen, sind etwa ein Sechstel des jüdischen Volkes, sagen wir zwei Millionen von zwölf. Die übrigen fünf Sechstel, zehn Millionen, fühlen sich in ihrem Aufenthaltsorte sehr unglücklich und sie haben auch allen Grund dazu. Diesen zehn Millionen ist nicht zuzumuten, daß sie sich für immer widerstandslos in ihre Knechtschaft fügen, daß sie jedes Streben nach Erlösung aus ihrer Not aufgeben, bloß damit das Behagen der zwei Millionen glücklicher und zufriedener Juden nicht gestört werde. Die Zionisten sind übrigens der festen Überzeugung, daß die Angst der Assimilationsjuden unbegründet ist. Die Wiedervereinigung des jüdischen Volkes in Palästina wird nicht die Folge haben, die jene befürchten. Gibt es erst wieder ein Judenland, so werden die Juden die Wahl haben, dahin auszuwandern oder in ihrer gegenwärtigen Heimat zu bleiben. Viele werden ohne Zweifel bleiben und diese Bleibenden werden durch ihre Wahl bewiesen haben, daß sie ihr Geburtsland ihrem Stamm und ihrem nationalen Boden vorziehen. Es ist möglich, daß die Antisemiten ihnen auch dann noch das höhnische und perfide „Fremdlinge!" ins Gesicht schleudern werden. Aber die wirklichen Christen unter ihren Landsleuten, diejenigen, die nach den Lehren und Beispielen des Evangeliums denken und fühlen, werden überzeugt sein, daß sie sich in ihrem Geburtsland nicht als Fremdlinge betrachten, und sie werden ihren freiwilligen Verzicht auf die Rückkehr in ein eigenes Judenland, ihre treue Anhänglichkeit an die Heimat und die christlichen Nachbarn richtig zu deuten wissen. Die Zionisten wissen, daß sie ein Werk von beispielloser Schwierigkeit unternommen haben. Man hat noch nie versucht, mehrere Millionen Menschen in kurzer Zeit friedlich aus verschiedenen Ländern auf einen andern Boden überzupf lanzen; man hat noch nie versucht, Millionen berufloser, körperlich kläglich heruntergekommener Proletarier in Ackerbauer und Viehzüchter zu verwandeln, naturentwöhnte städtische Krämer und Händler, Agenten und Stubenmenschen wieder mit dem Pflug und der mütterlich nährenden Scholle vertraut zu machen. Es wird nötig sein, die Juden verschiedener Herkunft aneinander zu gewöhnen, sie zu nationaler Einheitlichkeit praktisch zu erziehen und dabei die übermenschlichen Hindernisse der Sprachverschiedenheit, der ungleichen Kultur und der aus dem Geburtsland mitgebrachten fremdnationalen Denkgewohnheiten, Vorurteile, Neigungen und Abneigungen zu besiegen. Was den Zionisten den Mut gibt, diese Herkulesarbeit zu beginnen, das ist ihre Überzeugung, daß sie ein nötiges und nützliches Werk tun, ein Werk der Liebe und der Gesittung, ein Werk der Gerechtigkeit und der Weisheit. Sie wollen 8 bis 10 Millionen ihrer Stammesgenossen aus unerträglicher Not retten. Sie wollen die Völker, unter denen sie jetzt vegetieren, von ihrer unangenehm empfundenen Gegenwart befreien. Sie wollen dem Antisemitismus, der überall die öffentliche Moral erniedrigt und die schlimmsten Instinkte großzieht, das Objekt entziehen. Sie wollen ein Land, das heute eine Wüste ist, mit ihrem Schweiße tränken und mit ihren Händen pflegen, bis es wieder wie einst ein blühender Garten ist. So will der Zionismus in gleichem Maße den unglücklichen Juden und den christlichen Völkern, der Zivilisation und der Weltökonomie dienen, und die Dienste, die er leisten kann und leisten will, sind groß genug, um seine Hoffnung zu rechtfertigen, daß auch die christliche Welt sie würdigen und ihn mit ihrer werktätigen Sympathie unterstützen wird. Im Felde Von Dr. F e 1 i x A. Theilhaber. Roschhaschonoh. — Jörn Kippur. Simchas Thora. Beim Vorbeireiten rief mir der Unteroffizier Solenda zu: „In einer Stunde ist Rosch- Haschonoh". Einige hundert Meter weiter war das Stabsquartier im Hause des Arztes von Putte. Fröhlich saß unser Stab bei den erbeuteten Sektflaschen. Rasch zwei Gläser geleert und weiter, die Krankenwagen usw. unterzubringen. Da schlagen schon die ersten Granaten ins Dorf ein; eine halbe Stunde später treffen sie unsere Reihen; es gibt für mich Arbeit. Die Verwundeten tragen wir von den Schützengräben zurück in das Haus des Arztes, wo wir sie verbinden und in die Krankenwagen setzen. Niemand von den fröhlichen Zechern ist mehr im Haus, das bei jeder Granate, die dem unglücklichen Dorf gilt, zittert, nur in der Ecke schläft am Stuhl der Koch, umgeben von einer Batterie leerer Sektflaschen. Es dämmert und ich sehe beim Verbinden ins Freie hinaus — Roschhaschonoh. * * * „Solenda", sage ich diesmal: „Was wird aus der Jom-Kippurfeier, die wir veranstalten wollten?" Am 29. September war die Belagerung von Antwerpen begonnen worden und wir steckten nun vor der letzten Tat, dem Übergang über

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.