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Das jüdische Echo · 1914-12-01 · 12 (Dez. 1914) · p. Seite 134

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
12 (Dez. 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 Das Jüdische Echo Nr. 12 Chanukkah 5675 Von Dr. Max M Über 2000 Jahre begeht Israel im Wintermonat Kislew sein Lichtfest zur Erinnerung an die Reinigung und Wiedereinweihung des jerusalemitischen Tempels durch Juda Makkabi. „Alle acht Chanukkahtage sind diese Lichter heilig und wir haben kein Recht sie zu benutzen, sondern nur sie anzusehen", so sagen wir Tag für Tag beim „Entzünden", und dieser einfache Satz charakterisiert die Gefühlsnuance unserer „Lichtfreude". In ihm liegt die überlegene Ruhe des schlichten jüdischen Volksmenschen, der sich für komplizierte geschichtliche Vorgänge ein klares Symbol schuf, das in ihm auch ohne peinlich-genaue Kenntnis der Historie jene tiefe Grundstimmung auslöst, welche die besondere Art dieses Erinnerungsfestes erheischt. Solange es Israel beschieden war, trotz äußerer Bedrängnis in seinem mythisch-religiösen Dasein zu verharren, solange Ahasver sich unsterblich fühlte, blieb Chanukkah ■ das Fest des heiligen Lichtes. Erst unseren Tagen, wo Ahasver ein seltsames Gefühl der Ohnmacht befällt, wo plötzlich der Boden unter seinen Füßen nicht mehr die alte fraglose Festigkeit besitzt, wo Israels historisches Gewissen in einzelnen seiner Individuen wieder wach zu werden beginnt, vollzieht sich eine Wandlung in Bedeutung oder besser: Begehung des alten Lichtfestes. Das öffentliche Makkabäerfest ist eine nationale Neuschöpfung im jüdischen Volkskalender. Es wäre falsch, in ihm eine religiöse Reform zu sehen. Die jüdischen Volksfreunde feiern das alte intime Chanukkah in Synagoge und Familie und das Fest der Makkabäer in der jüdischen Öffentlichkeit. Sie verbinden die freudige Erinnerung an die Wiederherstellung der religiösen Integrität mit der begeisterten Dankbarkeit gegen die Helden jener großen Zeit. Nur die Verblendung hitziger Parteikämpfe konnte den unberechtigten Vorwurf erheben, daß an Stelle der göttlichen Ehrfurcht die profane Heldenverehrung getreten sei. Und doch! Dieses junge Makkabäerfest ist eines der tragischen Erscheinungen unserer jüdischen Gegenwart. Es ist der verschleierte Ausdruck unserer inneren Zerrissenheit. Es ist der willensmäßige, beinahe krampfhafte Protest gegen unser eigenes Schicksal, der Kampfruf der wenigen Wollenden gegen die vielen Geschehenlassenden (um mit Buber zu sprechen). In ihm ist die Tragik der historisch-kritischen Analyse des menschlichen Individualbewußtseins im Gegensatz zur mythisch-metaphysischen Unbewußtheit des Volksempfindens. ayer, München. Und mit welch namenlosem Schmerz stehen die Schöpfer dieses alt-neuen Makkabäerfestes, die ein hohes Verantwortlichkeitsgefühl für ihr Tun und Lassen in sich eingepflanzt haben, in diesem Jahr vor den hellen, zitternden Flämmchen des Chanukkahleuchters! Fast ganz Israel der alten Welt steht unter Waffen, all seine wehrfähigen Männer kämpfen, bluten, sterben! Wofür? Für wen? Liegt irgend ein Sinn in ihrem Sterben? Reinigen sie den Tempel von fremden Götzen? Befreien sie das Volk von seinen Bedrückern? Beschützen sie ihre höchsten Güter, ihr Land, ihre Sprache, ihre Dichter und Philosophen? Und wird der Sieg zum Makkabäerfest? Man verlange von uns alles, unsere Habe und unser Blut, unsere Liebe und unseren Haß, freudig bringen wir unseren Vaterländern alles, was wir zu bieten vermögen, wir dienen ihnen „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen", und wir wissen: es ist unsere Pflicht. Wir kämpfen auch für unsere persönlichen und allgemeinen Interessen, da unser Leben aufs innigste mit dem unseres Vaterlandes verknüpft ist. Wir sind als Deutsche, Österreicher, Türken, Russen, Engländer, Franzosen, Belgier und Serben an diesem Krieg beteiligt und erleben die Erhabenheit des weltgeschichtlichen Augenblicks mit der gleichen Intensität, der gleichen Opferfreudigkeit und Hingebung, wie die beteiligte nichtjüdische Welt. Aber man versage uns nicht das Recht der menschlichsten Frage: wofür kämpfen wir in diesem Weltkrieg als Juden? Liegt in ihm irgend ein richtungweisender Sinn oder ist er nur wahnsinnvolles Chaos für uns? Ist er ein für uns im höchsten Sinne heiliger Krieg, ein Makkabäerfeldzug? Darauf gibt es nur eine klare Antwort: dieser Krieg enthält für uns Juden als Gesamtheit eine Fülle vielversprechender Möglichkeiten, er kann und wird eine Reihe jüdischer Bestrebungen dem gewünschten Ziele näher bringen, und vor allem hat er bereits etwas Ungeheueres zustande gebracht, von dem wir uns auch in unseren besten Stunden nicht träumen ließen: die Aufrollung der unverfälschten, von keiner politischen Rücksicht getrübten russischen Judenfrage vor dem Tribunal der gesitteten Menschheit. (Was ist gegenüber dieser Tatsache die ganze übrige in Aussicht stehende Vervollkommnung unserer bürgerlichen Gleichberechtigungen in den konstitutionellen Staaten?) Die Möglichkeit einer Besserung der russischjüdischen Verhältnisse ist für uns als jüdischer Gesamtheit der schönste und begeisterndste

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