Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 11 (Nov. 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Das Jüdische Echo 125 die polnischen Juden hätten „unlängst" den Heiland ermordet. In ganz Rußland waren es fast nur die polnischen Blätter, die nach dem B e i 1 i s- Prozeß die Existenz des Ritualmordes als solchen für erwiesen erklärten. Vergebens hat Ladislaus Mickiewicz unter Tränen seine Landsleute, die doch schon Feinde genug haben, beschworen, nicht noch obendrein als Feinde der Juden aufzutreten, die stets ihre Freunde gewesen seien. Seine Worte haben so wenig genutzt, daß zu Beginn des Krieges große polnische Blätter, z. B. „Glos Luhe 1 s k i" in fetten Lettern die Kunde verbreiteten: j,In England große Pogrome gegen die Juden, die englische Regierung hindert sie nicht." Die Tendenz war klar, es wurde ein Beispiel zur Nachfolge aufgestellt. Polnische Blätter haben die Juden beschuldigt, nach Kriegsbeginn, als das Metallgeld in Polen knapp wurde, in einem Sarg P/s Millionen Gold-Rubel nach» Deutschland geschmuggelt zu haben. Sie haben y i d d i s c h abgefaßte Proklamationen drucken lassen, worin die Juden zum Aufruhr gegen Rußland aufgefordert wurden. Sie haben die unschuldigsten Leute den Russen wie den Österreichern als Spione der Feinde denunziert und so ihre Erschießung verschuldet, so in den Städten Bechava, Janow, K r a s n i c k und S a m o s c h. In einer ganzen Anzahl von anderen Städten haben die Polen schwer an den Juden gesündigt, sie verfolgt, Pogrome des Militärs gegen sie verschuldet, Augenzeugen haben Brandes berichtet von jüdischen Soldaten, die wahnsinnig in den Lazaretten darniederliegen, aber nicht infolge der Schrecknisse des Krieges, sondern der Pogrome, deren Zeugen sie waren, der Ermordungen, Notzüchtigungen und schrecklichen Mißhandlungen unschuldiger Menschen. Wenn die Polen sich nicht alle Sympathien Europas verscherzen wollen, so ist es für sie hohe Zeit zur Selbsteinkehr. Sind die deutschen Waffen in diesem Kriege siegreich, so wird die Karte Europas eine weitgehende Veränderung erleiden. Aber nur ein Volk, das Garantien dafür bietet, die westeuropäische Kultur geistig in sich verarbeitet zu haben, — nicht ein Volk der Barbaren, sondern nur ein Volk der Menschen, welche der Freiheit wirklich wert sind, wird auf sie Anspruch erheben können. „Soll ich mich schämen", fragt Brandes, „Worte der Liebe für Polen geschrieben zu haben, jetzt, wo die Zukunft Polens bestimmt wird?" |y^y^---... »TTT^m.-.^TlTTr.^ r. -r^™.............------„---- ÄS Redaktionelles Echo Wir ersuchen höfl. die Leser, uns alles, was die Teilnahme der deutschen Juden am Kriege betrifft (Spenden, Taten der Tapferkeit, Auszeichnungen usV.) zu berichten. Auch Feldpostbriefe von Interesse für die Allgemeinheit bitten wir unter Zusicherung umgehender Rückgabe uns zur Veröffentlichung zu überlassen. j&I Leser-Echo |j| (Die sachliche Verantwortung ist den Einsendern überlassen.) Münchener Toynbee-Halle 1914/15? Seit einer Reihe von Jahren war das jüdische Leben Münchens in den Wintermonaten durch die allwöchentlichen Vortragsabende der Toynbee- Halle entschieden bereichert worden. Vielleicht hat manchem der Besucher zuweilen die jüdische Note bei den Veranstaltungen gefehlt. Allein es lassen sich die Schwierigkeiten, welche die Vorbereitung eines ernsten, abwechslungsreichen Programms bei verhältnismäßig geringen Mitteln bieten, nicht in Abrede stellen. Außerdem muß auch anerkannt werden, daß etwaige Mängel eines für ostjüdisches Publikum häufig allzu beziehungslosen Programms durch den Wert des gesellschaftlichen Charakters der Veranstaltungen reichlich aufgewogen werden. Wir, die Besucher, sahen viel guten Willen und waren den Veranstaltern dankbar für das Gebotene. Und auch sie, die Gastgeber, erkannten wohl, daß die Toynbee- Halle durch ihren von jedem aufdringlichen Philanthropismus sich freihaltenden sozialen Charakter viel dazu beitrug, die gegenseitigen Vorurteile der jüdischen Bevölkerungsschichten zu beseitigen oder doch zu mildern. Zum schmerzlichen Bedauern aller Teilnehmer ist die Toynbee-Halle in diesem Jahre nicht eröffnet worden, und soll, wie wir hören, in diesem Jahre ihre Veranstaltungen auch nicht aufnehmen. Die Mittel sollen im Dienste der Kriegshilfe Verwendung finden. Mag dieser Beschluß auch aus durchaus verständlichen und anerkennenswerten Beweggründen hervorgegangen sein, so glauben wir doch nicht, daß er gerechtfertigt war. Die Idee der Toynbee-Halle erforderte in den jetzigen schweren Zeiten mindestens ebenso sehr, wenn nicht noch mehr der Pflege, als in anderen Tagen, und die segenreichen Wirkungen dieser Bildungs- und Erholungsstätte hätten sich jetzt sicherlich in verstärktem Maße gezeigt. Die erforderlichen Geldmittel sind nicht so groß — sie hätten in diesem Jahre vielleicht durch entsprechende Sparsamkeitsmaßnahmen verringert werden können —, daß man sie nicht hätte aufbringen können, ohne die heute im Vordergrund stehenden vaterländischen Pflichten finanziell vernachlässigen zu müssen. Es ist sehr zu bedauern, daß die Leitung der Toynbee-Halle nicht mit den Besuchern in Fühlung getreten ist. Vielleicht ist es auch jetzt noch nicht zu spät dafür, daß wenigstens für die verbleibenden Wintermonate die geistigen Anregungen und die seelischen Erquickungen der Toynbee-Abende den Teilnehmern geboten werden können. Ein Toynbee-Hallen-Besucher. <^o\ft Bouillon Suppen Saucen Suppenwürze für LIEBESGABEN am hosten geeignet, Verkaufsstellen-Nachweis durch die Rotti-G. m. b. H., München.