Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 11 (Nov. 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Das Jüdische Echo Nr. 11 beteiligten Mächte versprechen jetzt den Juden eine Besserung ihres Loses. Der englischen und der französischen Regierung ist die Antipathie der liberalen und humanen Engländer und Franzosen gegen das Bündnis mit dem barbarischen Rußland fatal; der deutschen und österreichischen Heeresleitung muß es erwünscht sein, bei ihren Kriegsunternehmungen mitten im Feindesland der Sympathie und Mithilfe eines großen Bevölkerungsteiles sich zu versichern, der deutsch spricht und an Humanität und Intelligenz die übrige Bevölkerung überragt; der Zar will auf das Gut und das Blut „seiner Juden" im Kriege nicht verzichten. So versprechen alle Mächte den Juden Befreiung. Wer verübelt uns aber, daß wir mißtrauisch sind? „Und in welcher Weise sollen wir Juden uns an der Judenpolitik in und nach dem Weltkrieg beteiligen?" Mir genügt es, wenn möglichst viele Juden diese Frage stellen. Und alle sollen über die Antwort nachdenken. Freilich, die Niederzwingung Rußlands ist heute die allerdringlichste Aufgabe auch der jüdischen Politik; denn nur auf den Trümmern Rußlands lassen die jüdischen Dinge sich neu gestalten, wäre Kannegießerei, jetzt ein Programm des künftigen staatsrechtlichen und politischen Schicksals der Juden aufzustellen, solange die deutschen und österreichischen Truppen in gefahrvollem Kampfe mit der russischen Armee ringen. So mag es verfrüht sein, ein fertiges Programm zu drucken, aber ein Programm drucken und über ein Programm nachdenken, ist zweierlei. Wir Juden alle, gleichviel welcher politischer und konfessioneller Richtung, sind gleichermaßen interessiert an der Emanzipation und Kultivierung der Ostjuden. In der heutigen Erniedrigung ist der Ostjude eine ständige Störung der Assimilationspolitik vieler Westjuden; es können aber auch die in ihm ruhenden starken nationalen und religiösen Potenzen nicht zu gesunder Ausnützung kommen, solange die Erniedrigung währt. Die Juden aller Richtungen müssen sich daher vorbereiten auf die Mitarbeit an der Neugestaltung, damit die große, vielleicht größte Gelegenheit das Judenproblem zu lösen, nicht ungenützt vorbeigehe. Bereit sein ist alles. Georg Brandes und die Polen Georg Brandes veröffentlicht in der dänischen Tageszeitung „Politiken" eine Artikelserie „Zustände in Polen", die besonders interessant durch ihre Tendenz ist. Brandes hat jahrzehntelang zu den Vorkämpfern der polnischen Freiheit gehört, wie er denn überhaupt während seines ganzen Lebens ein Anwalt der unterdrückten Völker gewesen ist. Er hat ein Buch über die Polen geschrieben, das von Begeisterung für das Land überquoll, und das zu einer Zeit, als die Polenfrage nicht auf der Tagesordnung stand und nur ganz wenige Personen seine Gefühle teilten. Und er hat vor einem Menschenalter geschrieben: „Man liebt Polen nicht, wie man Deutschland oder Frankreich oder England liebt, sondern wie man die Freiheit liebt. Denn, was heißt das, Polen zu lieben, anderes, als die Freiheit zu lieben, eine tiefe Sympathie für das Unglück zu empfinden, und den Mut, sowie die streitbare Begeisterung zu bewundern! Polen ist das Sinnbild alles dessen, was die Besten der Menschheit geliebt und wofür sie gekämpft." Nur für ein einziges Volk hat Georg Brandes nie seine Stimme erhoben, und das war das Volk, dem er selbst entstammte, dessen eigenartige Begabungsmerkmale sein ganzes literarisches Schaffen kennzeichnen, nämlich das jüdische Volk. Wenn er jetzt glaubt, für diese unterdrücktesten Parias Rußlands gegen die Polen eintreten und ihnen warnende Worte zurufen zu müssen, so kann man ermessen, zu welchem Grade des Elends und der Verzweiflung die russischen Juden getrieben sein müssen. Brandes gibt zunächst eine geschichtliche Übersicht der Beziehungen zwischen Juden und Polen. Er erinnert daran, daß seit alten Zeiten gerade in Polen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsklassen und -Stämmen ein außerordentlich herzliches Verhältnis bestand und daß die Juden in der polnischen Geschichte, wie in der polnischen Literatur eine ganz hervorragende Rolle gespielt haben. Bereits im Jahre 1794 kämpfte unter Kosciuszko ein Regiment jüdischer Freiwilliger, dessen Oberst im Jahre 1809 fiel. Als im Jahre 1861 von den Russen in Warschau auf die knieenden Volksmengen geschossen wurde, welche das Vaterlandslied „Z dymen pozaröw" sangen, folgten die Juden ihren Rabbinern in großen Mengen in die katholischen Kirchen, ebenso wie die Christen in großen Mengen in die Synagogen zogen, um dasselbe Lied anzustimmen. Dieser letzte Zug, die Prozessionen der Glaubensbekenntnisse in die Kirchen der anderen Konfessionen, machte auf den großen nordischen Dichter Henrik Ibsen einen so tiefen Eindruck, daß er in Unterredungen immer davon sprach, als von dem Größten und Schönsten, das er je erfahren. Und Adam Mickiewicz hat in seinem berühmten Nationalepos „Pan Tadeusz" einen jüdischen Gastwirt zu einer der sympathischsten Hauptpersonen des Gedichtes gemacht. So haben die Verhältnisse früher gelegen. Heute spricht man in Polen von den Juden als von Todfeinden. Und der Abgeordnete Kuchar e w s k y hat öffentlich erklärt, daß er in die Duma gewählt zu werden wünsche, „um für die Ausrottung der Juden aus Polen zu wirke n". Wer denkt nicht unwillkürlich dabei an das Zarenwort: „II faut ecraser la Pologne?" Und all dieser Haß ist aus dem fehlgegangenen polnischen Nationalgefühl entstanden, das ein Polen nur für die slavischen Polen wünscht, allen anderen Stämmen, die das Land bewohnen, in engherziger Beschränktheit gegenübertritt und, während es selbst einen Freiheitskampf kämpft, die Freiheit der anderen Stämme beschneiden möchte. Seit den Wahlen des Jahres 1912, als man jenen selben Kucharewsky, der die Juden ausrotten wollte, zum Kandidaten für die Duma aufstellte und verlangte, daß die Juden ihm ihre Stimmen geben sollten, ist der geschäftliche und gesellschaftliche Boykott gegen die Juden erklärt. Denn die Juden, die selbstverständlich nicht ihren eigenen Henker zu ihrem Vertreter wählen konnten, bewirkten die Wahl des Sozialdemokraten J a g i e 11 o und zogen dadurch den Haß der fanatischen Nationalpolen in verstärktem Maße auf sich. Dieser Boykott ist in Formen durchgeführt worden, wie sie bisher in der Geschichte der Wirtschaftsbewegungen unerhört sind. Aber auch an Gewalttätigkeiten hat es nicht gefehlt. Man hat harmlose alte Männer gemordet, in der Stadt Welun Häuser mit Petroleum Übergossen und angesteckt, die ungebildete Dorfbevölkerung durch die Beschuldigung aufgehetzt,