Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1914-11-01 · 11 (Nov. 1914) · p. Seite 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
11 (Nov. 1914)
Date
1914-11-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102850-9114190--00144-9072972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 Das Jüdische Echo 123 alten Judendramas und gespannt schauen wir auf die Bühne: wie wird das Spiel weitergehen? Wir ahnen, jetzt oder nie kann es gelöst werden, das Problem der Befreiung der ostjüdischen Massen aus geistiger und materieller Not, aus der unhaltbaren Existenz der Zugehörigkeit zu einem Staate, der die elementarste Staatspflicht, die Pflicht, die eigenen Bürger zu schützen und zu fördern, gegenüber seinen Juden, die ihm ein feindliches Volk dünken, ins Gegenteil verkehrt. Der Weltkrieg, der dieses Staates Grundfesten erschüttert, wird auch das Leben der ostjüdischen Massen neu gestalten, aber auch tiefgreifende Veränderungen in dem Schicksal der Westjuden hervorrufen. Hierüber sich bei Zeiten klar zu werden, ist dringende Pflicht. Würden beispielsweise die eroberten Teile Polens dem Deutschen Reiche einverleibt, so würden Massen polnischer Juden deutsche Staatsbürger. Mehr als bisher müßte es sich dann zeigen, daß der Begriff „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" nur ein politisches Postulat ist, nicht aber die Definition der deutschen Juden, wie sie wirklich sind. Der jüdische Geheimrat auf dem Katheder der Berliner Universität und der polnische Trödeljude im schmierigen Kaftan, ob die Beiden sich als Brüder fühlen oder nicht: sie sind Brüder. Kraft der altjüdischen Solidarität, der Solidarität ohne Willen und wider Willen, die den Juden seit je von ihren Gegnern aufgezwungen ward. Wie würde die politische und rechtliche Stellung dieser neu-deutschen Juden sein, und wie die der alten deutschen Juden nach dem Krieg? Ich versuche keine Antwort auf diese Frage. Es genügt mir zu zeigen, daß hier eine Frage ist. Bei Beginn des Krieges schienen diejenigen, die schon immer das Vorhandensein einer selbständigen jüdischen Nation geleugnet hatten, eine glänzende Genugtuung zu erleben. Der kaiserliche Ruf, daß es jetzt nur noch Deutsche gebe, erklang ihnen als die autoritativste und endgültige Bestätigung ihrer Ansicht: Hier, mitten im Walten der Weltgeschichte, erprobte sich, daß es ein deutsches, ein russisches, ein englisches Volk gebe, nicht aber ein jüdisches Volk — dann aber spielten sich jene Szenen ab! Sind das etwa russische Staatsbürger jüdischen Glaubens, die die deutsche Heeresleitung als deutsche Soldaten in die deutsche Armee aufnahm? Und welcher Nation sind die jüdischen Kriegsgefangenen des russischen Heers, die die deutsche Heeresleitung nach ihrer polnischen Heimat entließ? Wer sind die Adressaten jenes Aufrufs des deutschen und österreichischen Armeekommandos? Sind es Russen jüdischer Konfession, die hier zum Abfall vom Russentum aufgefordert werden? Wer ein politisches Sonderdasein der Juden, das Vorhandensein einer jüdischen Nation geleugnet hat, muß es nun erleben, daß derselbe Krieg, der seine Ansichten zu betätigen schien, das nationale Sonderdasein der Juden mitten im Kampfe der übrigen Nationen ins hellste Licht rückt und daß die .kriegführenden Völker selbst die Juden als ein Volk behandeln. Man mag staatsrechtlich und politisch über jene Vorgänge denken wie man will — der jüdische Geschichtsschreiber verzeichnet hier die Tatsache, daß das Deutsche Reich jüdische Angehörige des russischen Staats nicht als Russen, sondern als Juden behandelt hat. Ich höre gewisse deutsche Juden sagen: das ist beileibe kein Präjudiz für uns; denn hier handelt es sich um unassimilierte Juden, die ihr eigener Staat selbst nicht als Vollbürger anerkennt. So zu sprechen, heißt den Kopf in den Sand stecken. Ganz abgesehen davon, worauf schon oben hingewiesen ward, daß dieselben Juden demnächst vielleicht unsere Mitbürger sein werden, werden wir für solidarisch mit uns schon von unseren Gegnern erklärt worden. Die werden sich's nicht nehmen lassen, Analogieschlüsse zu ziehen, deren Kritik ich mir ersparen kann. Es genügt, auch hier den deutschen Juden zu zeigen: tua res agitur. Nur der oberflächliche Betrachter also sieht in jenen jüdischen Szenen nichts weiter als ein buntes und unterhaltendes Kaleidoskop. Wer tiefer blickt, erlebt jetzt mitten im Weltkrieg ein wichtiges Kapitel jüdischer Geschichte. Alte Vorurteile klären sich, alte Probleme zeigen ein neues Gesicht, Wege zu ihrer Lösung werden sichtbar. Stünde es uns Juden an, der modernen jüdischen Geschichte gegenüber die vornehm zurückhaltende Attitüde der wissenschaftlichen Beobachter einzunehmen, so könnte ich meine Betrachtungen hier schließen. Aber was dort in Petersburg und Berlin, in Ostpreußen, Galizien und Polen geschieht und was dereinst am Ende dieses Krieges auf der großen Staatenkonferenz beschlossen werden wird, die künftige Gestaltung des Schicksals der Ostjuden, das alles ist für uns Juden nicht nur objektive Geschichte, sondern unser eigenstes Wohl und Wehe. Sollen wir Juden Zuschauer sein, wennVölker und S t a a t e n J u d e n - P o 1 i t i k treiben? Nostra res agitur auf der Weltenbühne, nun wollen wir selbst in unseren Sachen agieren. Freilich, wir haben uns bei Beginn des Krieges, wie sämtliche anderen Parteien, Sondergruppen und Stämme Deutschlands verpflichtet, gerne verpflichtet, unsere kleinen Probleme jetzt ruhen zu lassen. Jene Ereignisse aber zeigen uns das nationale Sonderdasein der Juden mitten im Weltkrieg; wir lernen daraus, vielleicht widerstrebend, daß die jüdische Politik nicht ruht inmitten der Politik der Großmächte. Das ganze ostjüdische Problem ist jetzt durch den Krieg auf einmal aufgerollt, durch denselben Krieg, der sonstige soziale, politische, kulturelle Probleme beinahe ausgelöscht hat. Durch den Krieg ist die Lösung dringender, aber auch möglicher denn je geworden. Die verschiedenen Regierungen gehen an dasProblem jetzt heran und versprechen es zu lösen. Wenn die Mächte selbst mitten im Krieg Judenpolitik treiben, wenn aller Juden Wohl und Weh auf dem Spiele steht: sind wir dann verpflichtet, die b e ab s i c h t i gt e ' po 1 i tische Abstinenz zu halten? Nein, nicht einmal berechtigt. Schon einmal war die Situation ähnlich wie heute (nur die Maße waren kleiner). Nach dem türkisch-russischen Krieg wollten die Großmächte das rumänische Judenproblem lösen. Der Berliner Vertrag verpflichtete Rumänien zur Emanzipation seiner Juden. Der Erfolg jenes Diplomatenwerks ist bekannt. So sieht die Judenpolitik aus, bei der die Juden bloß die passiven Objekte sind. Nicht schlimmer, nur besser kanns werden, wenn wir selbst nach Kräften uns mühen, aktive Judenpolitik zu treiben. Dürfen wir denn vertrauen, daß die Judenpolitik der Diplomaten am Ende dieses Weltkriegs bessere Erfolge zeitigt? Die bereits jetzt sichtbaren Anzeichen sind „vielversprechend". Die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.