Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1914-11-01 · 11 (Nov. 1914) · p. Seite 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
11 (Nov. 1914)
Date
1914-11-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102850-9114190--00143-9072971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

122 Das Jüdische Echo Nr. Ii spart" werden müsse oder die für wohltätige Zwecke bestimmten Summen schon für aktuellere Zwecke verausgabt seien. Hier heißt es, vor Gedankenlosigkeit und Kleinherzigkeit warnen. Denn, wie gesagt, die Beispiele ließen sich vermehren. Der Krieg, an dessen glücklichen Ausgang wir zu glauben alle Ursache haben, darf uns doch nicht in der Entwicklung zurück werfen. Oder sollen wir nach seiner Beendigung über die zur Zeit als unerheblich bezeichneten Vernachlässigungen klagen, von denen wir schon heute sagen können, daß sie, ist erst wieder die volle, von den heutigen Sorgen ungetrübte Besinnung zurückgekehrt, als schwer gut zu machende Fehler erkannt werden? Nein! Wir müssen uns, ob es jüdischen oder allgemeinen Einrichtungen gilt, mögen sie die Gegenwart, die Sicherung der nächsten oder ferneren Zukunft vernünftiger Ziele betreffen, zu dem Standpunkt bekennen, das Bestehende unversehrt wenigstens zu erhalten, wenn es nicht vervollkommnet werden kann. Vieles ist in dieser Zeit der äußeren Not und inneren Erhebung schon geleistet worden. Aber gestehen wir uns: noch weit mehr an Anforderungen wird an jedermann gestellt werden, werden müssen, und seien überzeugt: zwar nicht jeder einzelne, wohl aber die Gesamtheit als solche kann ihnen nachkommen und soll es umsomehr, als sie es aus zwingenden Gründen nicht nur muß, sondern vor allem, sofern man sie überzeugt, auch will. Das ist unser Los. Wir müssen vor der Reaktion zittern und dürfen uns über den Triumph des Fortschritts nicht freuen. Und wenn den Rückschrittsgewalten noch so hart zugesetzt wird, so stark bleiben sie immer noch, daß sie sich an uns rächen können. Und da leugnen Juden die Gemeinbürgschaft aller durch die Länder der Welt verstreuten Bruchstücke des jüdischen Volkes! Max Nordau Aug seinem 1908 erschienenen, „Fernbeben« betitelten Aufsatz (s. des Verfassers „Zionistische Schriften". Jüdischer Verlag, Berlin). Krieg und Judenpolitik Dr. oec. publ. Siegbert Feuchtwanger, München. Bekenntnis war's und Befehl zugleich: „Ich kenne keine Partei mehr, ich kenne nur noch Deutsche". Wie ein Prophet, ein Priester seines Volkes rief es der Käser und durch Millionen Seelen von Bürgern und Proletariern, Juden und Ariern, Katholiken und Protestanten zuckte Funken gleich das brüderliche Gefühl der Einheit. Und wer inmitten der allgemeinen Verbrüderung; alten Haß und Hader weiter nährte, dem scholl jener Ruf als das scharfe Kommando des obersten Feldherrn ins Ohr und gebot ihm Frieden. Auch über Juden und Judengegner kam das starke Erlebnis. Die alte Feindin, die „Deutsche Tageszeitung", sagte uns freiwillig Urfehde an und die „Staatsbürgerzeitung" tut dasselbe auf Befehl des Generalkommandos. Jüdische und christliche Jünglinge eilen Seite an Seite zu den Fahnen; in gemeinnützige Kassen fließt jüdisches und christliches Geld. Dem jüdischen Unteroffizier öffnet sich die lang versperrte Pforte: er wird Reserveoffizier. Wir haben's alle erlebt in jenen Augusttagen: dieses Mitgerissenwerden im kolossalen Strom des weltgeschichtlichen Geschehens empfanden wir, zänkisch und friedlos geworden im ewigen Hader, beinahe wie wohliges Ausruhen, wie Flieden. Bislang tiefst empfundene innerjüdische Gegensätze erschienen uns wie kleinliches Gezänke. Und wenn der und jener sich's nicht versagen konnte, die wuchtigen Ereignisse des Weltkriegs unter jüdischem Gesichtswinkel betulich zu bespähen, waren wir geneigt, dies jüdischüberhebliche Wichtigtuerei zu nennen — so unbedeutend, ja zwecklos erschien uns jede jüdische Sonderpolitik. Da kam das andere große Erlebnis. Inmitten des Dröhnens der Geschütze, des Leuchtens brennender Städte, stand plötzlich auf der großen Weltbühne, wo die Mächte des Erdballs miteinander rangen — der Jude. Und die Regisseure des Theaters waren es selbst, die ihn hinter den Kulissen vor auf die Bühne geschoben hatten, und da stand nun der Jude und agierte, nein: es wurde mit ihm agiert. Hier ein paar Szenen, die wir alle kennen: der Zar erläßt das Manifest „an seine lieben Juden" — die deutsche und österreichische Heeresleitung fordert in einem gemeinsamen Aufruf die Juden Polens zum Abfall vom Zaren und zum Anschluß an die deutsch-österreichische Sache auf — die englische Regierung verspricht, sich beim Friedensschluß nach Kräften für die Emanzipation der Ostjuden einzusetzen , —; ein gleiches Versprechen gibt die französische Regierung — die deutsche Armee nimmt russische Juden als Kriegsfreiwillige auf — eine Anzahl russischer kriegsgefangener Juden wird von der deutschen Heeresleitung freigelassen und tin ihre Heimat geschickt. — Das Pendant hierzu: Tausende toter russisch-jüdischer Soldaten liegen vor den Mauern Przemysls; der Sturm, den die russische Heeresleitung unternommen, ist mißglückt, der Pogrom ist geglückt. — In Ostpreußen: Plünderungen und Gewalttaten russischer Soldateska; daß die jüdischen Soldaten die einzigen sind, die sich nicht daran beteiligen, anerkennen preußische Junker und Offiziere. Ein buntes Kaleidoskop! Der Allgemeinheit sind diese jüdischen Szenen wohl nur pikante kleine Intermezzi in dem erschütternden Weltendrama des Kriegs. Die Wissenden aber unter den Juden und Nichtjuden erkennen, daß ein tiefer Sinn diese Szenen verbindet. Was hier sich abspielte, ist ein neuer Akt des alten, tir-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.