Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 10 (Okt. 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102850-9114189--00136-9072964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
116 Das Jüdische Echo Nr. 10 Würzburg. Herr Distriktsrabbiner Bamberger hat für die jüdischen Soldaten des II. bayerischen Armeekorps und der Garnisonen seines Bezirkes Beurlaubungen für die hohen Feiertage bewirkt. Würzburg. Die Schlußprüfung des Israelitischen Lehrerseminars war zum ersten Male diesem selbst übertragen, während sie bisher am Kgl. Schullehrerseminar abgelegt werden mußte. Auch das Gesuch auf Erteilung der Berechtigung zum Einjährigendienste an die Absolventen wurde vom Staatsministerium günstig entschieden. (Die sachliche Verantwortung ist den Einsendern überlassen.) Krieg und Kultusgemeinde Viele Kultusgemeindemitglieder sind im Kriege. Sie verließen Haus, Familie und Heimat, sie kämpfen draußen fürs Vaterland. Ihre Lücke ist fühlbar zu Hause. Auch in der Kultusgemeinde. Mancher geregelte Gottesdienst ist bei den vielen Zwerggemeinden gestört. Aber auch größere Gemeinden fühlen die Lücke. In vielen bayerischen Gemeinden werden die Steuern, Umlagen genannt, je nach Bedarf vierteljährlich berechnet und erhoben. Der Anteil der Kriegsteilnehmer bleibt jetzt oft im Rückstand. Damit kommt das ganze Gemeindebudget ins Wanken. Mit ängstlicher Genauigkeit werden ja vielerorts die Gemeindebedürfnisse festgesetzt. Wer möchte gegen Kriegerfrauen den Instanzenzug: in Bewegung setzen! Dadurch wird mit Recht Erbitterung hervorgerufen und der Gemeindefrieden gestört. Es dürfte sich empfehlen, für die Kriegsdauer die jüdischen Teilnehmer überhaupt von der Kultussteuer zu befreien. Sie opfern ohnehin genug für die Zurückbleibenden. Die Zurückbleibenden sollten diese kleine Kultuskriegssteuer ohne weiteres übernehmen. Wir bringen diese Frage zur Diskussion. (Anm. der Red.: Wir glauben, diese aus einer kleinen Gemeinde kommende Anregung wird bei den jüdischen Kultusgemeinden Bayerns überall Anklang finden. Allerdings dürfte die Kultussteuerbefreiung während der Kriegszeit nur für solche Familien gewährt werden, die durch die Einberufung ihres Ernährers in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind.) Bloß Feststellungen Von Mathias Acher, Berlin. Ich achte den Wunsch der Redaktion, die Diskussion über die Frage der Stellungnahme der Juden zu internationalen Konflikten vorläufig zu schließen, und ich will daher auch der Entgegnung des Herrn Dr. Schönemann auf meine Äußerungen keine weitere Antwort entgegensetzen. Im übrigen glaube ich, daß das beiderseits schon Gesagte den Lesern des „Echo" zur Urteilsbildung in der Sache genügen dürfte. Selbst gegen die neu hervorgekommene Meinung, daß die Juden in Rußland und Österreich im Gegensatz zu anderen Nationen nationale Ansprüche nicht wirklich werden durchsetzen können, will ich nicht polemisieren. Ich möchte nur darauf verweisen, daß bisher so ziemlich alle jüdischen Parteien des Ostens die von Herrn Dr. Schönemann geleugnete Möglichkeit in ihrer Theorie und Arbeit anerkennen; und weiter: daß dies heute auch seitens führender deutscher Juden verschiedenster Parteistellung — selbst Nichtnationaler — und vor allem auch seitens leitender nichtjüdischer Kreise geschieht. Ich kann ferner nicht umhin zu bekennen, daß ich wirklich so naiv bin, nicht zu begreifen, warum ein Vergleich zwischen jüdischer, polnischer und sozialdemokratischer „Separatabrechunng" (nicht „Separatabmachung", wie fehlerhaft gedruckt war) als Energiemehrung fast (oder auch ganz) naiv sein soll. Und ich bin auch so naiv, zu glauben, daß ich mit diesem naiven Vergleich — der sich ja selbstverständlich nicht auf das Wesen der drei Lager bezieht, auch auf die Gradunterschiede des Energiemehrwertes nicht eingehen kann — nicht allein stehe. Wenn Herr Dr. Schönemann aus meiner Äußerung das Recht ableiten zu dürfen glaubt, mir in deutlicher Anspielung östliche „Form" vorzuwerfen, so tut er damit mir und den Westjuden Unrecht: Mir, weil ich gerade meine „Form" lückenlos im Westen acquirierte; den Westjuden, weil sie doch viel besser sind, als er sie sich vorzustellen scheint. Wenigstens bin ich überzeugt, daß es unter ihnen noch sehr viele gibt, die sogenannte „östliche" Form an den Tag legen, d. h. sich Temperament und Rasse bewahrt haben. In der „Frankfurter Zeitung" vom 20. September hält der Reichstagsabgeordnete Professor von Schulze-Gävernitz Ludwig Frank einen Nachruf, in dem es heißt: „Frank war von Geburt westdeutscher „Landjude". Sein Heimatsdorf Nonnenweier liegt malerisch an den Altwässern des Oberrheins. Er entstammt einer jener alten Judengemeinden, die im rheinischen Deutschland vom Mittelalter her da und dort verstreut, mit ihren christlichen Nachbarn im besten Frieden lebend, alttestamentarisches Wesen und alttestamentarischen Glauben noch heute pflegen. Nur wer diese seine Heimat kannte, verstand unseren Frank ganz." Auch wir Zionisten betrauern Ludwig Frank. Er nahm an unseren Bestrebungen mehr als lebhaften Anteil und lieh seinen zionistischen Freunden stets und gerne klugen Rat. Ein wahrhaft liberaler Geist wird eben nie den unvergänglichen Kern unserer Bewegung: verkennen oder sie mit kleinlichen Mitteln bekämpfen. Die „Frankfurter Zeitung" teilte eine Postkarte Max Nordaus aus Madrid mit, aus der hervorgeht, daß er sich, nachdem er in Bordeaux verhaftet, dann aber auf Intervention eines Kollegen freigegeben worden war, nunmehr in Spanien in Sicherheit befände. Amerikanische Blätter melden, Nordau plane eine Reise über den Ozean (?). Die „Frankfurter Zeitung" glossierte am 30. September einen „Offenen Brief" Israel Zangw i 11 s im „Standard", den er an die Juden der neutralen Länder gerichtet hatte. Darin forderte er, der zu Beginn des Krieges gegen die englische Regierung aufgetreten war, dieselben auf, ihre Sympathien dem Dreiverband zuzuwenden. Zangwill, der nach einer Unterredung mit Grey, wie es scheint, seine ganze Vergangenheit vergessen, hat, soweit bisher festgestellt werden konnte,