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Das jüdische Echo · 1914-10-01 · 10 (Okt. 1914) · p. Seite 110

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
10 (Okt. 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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hatte er sich frühzeitig im palästinensischen Kolonisationswerk mit Gleichgesinnten zusammengefunden. So stand Wolffsohn von Kindsbeinen an im Banne der nationalen Idee, die Herzl erst im Mannesalter erfassen lernte. Als dann 1895 der „Judenstaat" erschien, zog es Wolffsohn zu dem ihm unbekannten Verfasser, dessen Geistesverwandtheit er aus den Zeilen verspürte. So begegneten sich die beiden Männer, aus entfernten Lagern kommend, zu gemeinsamer Arbeit im Dienst der jüdischen Zukunft. Andere, die später auch Zionisten wurden, nahmen gegenüber den Dingen, die sich entwickelten, zunächst einmal eine abwartende Stellung ein. Sie wußten nicht, ob sie zu dem Pariser Journalisten, dessen Name niemals im Zusammenhang mit jüdischen Dingen genannt worden war, Vertrauen haben durften. Anders Wolffsohn. Er war vom ersten Tage an dabei, und seine Tätigkeit hatte vom ersten Tage an die reichsten Früchte getragen. Er war der Schöpfer des finanziellen Organs der zionistischen Organisation, der „Jüdischen Kolonialbank" (Jewish Colonial Trust). Im Verhältnis zu seiner starken Beteiligung an dem zionistischen Werk erscheint sein Name unter den Rednern der Zionistenkongresse, den Artikelschreibern der „Welt" außerordentlich selten. Er war ein Mann der Arbeit, und alle, die ihn nur aus der Ferne kannten, waren überrascht, als er sich als Präsident nach Herzls Tode auch als ein machtvoller Redner erwies. Wenigstens solange er über tatsächliche Dinge sprach. Dann sprach er frei und ohne Kunstmittel. Aber der natürliche Ernst der Behandlung seines Gegenstandes und seine eindringliche Tonart waren von außerordentlicher Wirkung. Sie begeisterten seine Freunde und erbitterten seine Gegner, als die Opposition gegen ihn auf den späteren Kongressen erstarkte. Ganz anders sprach er, wenn er als Präsident repräsentieren mußte in Eröffnungsreden und offiziellen Ansprachen. Dann sprach er, weil er mußte, und seine sonst volle und drastische Redeweise konnte recht uninteressant werden. So erkannte man leicht den Charakter des Mannes, wenn man ihn reden hörte: viel und gut sprach er für und von dem Gegenstand, dem sein Interesse galt; ungern sprach er, wo die bloße Form es verlangte. Es war auf den Kongressen durch den Gegensatz oft recht merkwürdig, wenn Max Nordau in rhetorisch vollendeter Form den ästhetischen Sinn der Hörer entzückte und später Wolffsohn mit nicht geringerer Wirkung seine recht formlosen, in Scherz und Ernst mit Episoden, Einfällen und Vergleichen geschmückten Reden zur Sache hielt. Als Wolffsohn mit fester Hand die zionistische Organisation aus den Gefahren, die mit und durch Herzls Tod entstanden waren, gerettet hatte, wollte er gegen eine starke Opposition nicht länger im Amte bleiben. Die Gründe, die zu seinem Rücktritt führten, entbehren nicht eines allgemein-menschlichen Interesses. Wolffsohn, der Tatkräftige, mußte gehen, weil die Opposition der Meinung war, daß für das palästinensische Kolonisationswerk zu wenig „getan" würde. Tatsächlich sah Wolffsohn in einer schnellen und erheblichen Ausdehnung der Kolonisation in Palästina nicht das erste und zunächst wertvollste Mittel zur Förderung des zionistischen Zweckes. Es ist merkwürdig, wie sehr doch offenbar der Mann, dessen Leben das des Praktisch-Schaffenden war, im Banne der kühnen Pläne Herzls stand, die auf das letzte Ziel ohne Rücksicht auf notwendige Zwischenstufen zustrebten. Wir Zionisten von heute glauben durchaus, daß der „Charter-Gedanken" Herzls, d. h. der einer rationellen Kolonisation Palästinas erst nach Schaffung öffentlich-rechtlicher Garantien unter günstigeren Verhältnissen wohl hätte gelingen können. Aber außerordentlich kühn war der Gedanke jedenfalls. Nur ein Künstler wie Herzl konnte diesen Gedanken entwickeln, nur ein Weltmann wie er seine Verwirklichung versuchen. Aber es erweist den Reichtum der Seele David Wolffsohns, daß er, der Praktiker, der Kaufmann, der wohllebende Bürgersmann, diesen „Königs-Gedanken" aufnahm und würdig fand, sein Leben bis zum letzten Atemzug an ihn zu setzen. So wurde der Kaufmann der Erbe des Künstlers, der Praktiker unpraktisch im landläufigen Sinne. So entsagte David Wolffsohn im Jahre 1911 auf dem Baseler Kongresse seinem Amte infolge der Gegnerschaft der „praktischen Zionisten". Leicht entsagte er den Ehren seines Amtes. Aber erst nach harter Gegenwehr verzichtete er darauf, daß die oberste zionistische Leitung nach anderen als den auch ihm für richtig erachteten Prinzipien regiere. Er hat nicht schwächlich nachgegeben und hat sich auch nicht enttäuscht und gekränkt zurückgezogen, wie sich das bei kleinen Naturen in ähnlichen Fällen manchmal ereignet. Er hat im Gegenteil in seiner Stellung als Vorsitzender des Aufsichtsrates der „Jüdischen Kolonialbank", zuletzt als Präsident des Wiener Kongresses immer wieder seine Stimme erhoben, trotz aller Warnungen der Ärzte, die ihm jede Aufregung fernhalten wollten. Glich er doch nach seinen eigenen Worten einem „alten Kavalleriegaul",

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