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Das jüdische Echo · 1914-10-01 · 10 (Okt. 1914) · p. Seite 111

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
10 (Okt. 1914)
Date
1914-10-01
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Das Jüdische Echo Iii der die Pension nicht ertrage, wenn die Signale erschallen. Den kranken Freund ihres Vaters hat Herzls Tochter Trude treulich gepflegt. Seine letzten Tage brachte er damit zu, daß er den ostjüdischen Familien, die sich infolge des Kriegsausbruchs verlassen um Rat an ihn wandten, seine hilfsbereite Hand bot. Sein Leben war reich durch sein reines Wollen, sein starkes Streben, sein großes Können. Derer, die lange um ihn trauern werden, sind mehr, als die Fernerstehenden wissen können. Die Juden sind Kinder des Mitleids. Sie verstehen Leid zu tragen, zu lindern, weit besser, als Freude zu schaffen; die Erinnerung vergangener Gedrücktheit macht sie verständnisvoll für alles Leiden. Berthold Auerbach. Än die > Die ersten Augustwochen zeitigten mit ihren ungeheueren, sich überstürzenden Ereignissen manche allzu klugen Ratschläge, die sich bald darauf für das Wohl der Gesamtheit als irrig erwiesen. Die ungerechtfertigte Anhäufung von Lebensmitteln in Privathaushaltungen rief Preissteigerungen hervor, die freiwillige Hilfe bei Erntearbeiten vermehrte die Zahl der Beschäftigungslosen, der Ruf zur Sparsamkeit und Einschränkung bewirkte Entlassungen von Angestellten aller Art — Handlungen, die sich als vollkommen verkehrt erwiesen. Stimmen, welche zur Besinnung mahnten, blieben nicht aus, auch die Behörden erkannten rechtzeitig, daß es notwendig sei, nach Möglichkeit, mit gutem Willen und Anstrengung den Gang des Wirtschaftslebens vor Störungen und Stillstand zu behüten. Stillstand! Das ist die innere Gefahr, die zu überwinden ist. Mit einiger Befriedigung bemerkt man schon, daß der über alles Erwarten glückliche Fortgang der Operationen auf den Schlachtfeldern eine gewisse Wiederbelebung von Handel und Verkehr erzeugt hat. Das Vertrauen in die Kraft unseres Staates und seiner Bevölkerung ist jedoch groß genug, daß noch mehr gewagt werden darf. Auch unser geistiges Leben muß vor Stillstand bewahrt bleiben. Gewiß! Viele mögen Unlust verspüren, ihre Aufmerksamkeit Dingen zuzuwenden, die durch die überwältigenden Geschehnisse dieser Tage bei Seite geschoben scheinen. Stehen doch ausnahmslos alle in ihrem Bann! Wir sind uns bewußt, wieviel unser Land einsetzt in diesem Kampf. Blutet nicht unser Herz, wenn wir all der Not und des Elends gedenken, das er mit sich bringt? Kann etwa jemand der Soldaten, Mitbürger, Angehörigen oder Freunde vergessen, die draußen in den Unbilden eines entsetzlichen Krieges ihr Leben für die bedrohten Güter des Vaterlandes und für uns in die Schanze schlagen? Trotzdem! Am Mute unserer Truppen, am Geiste unserer Verwundeten, die nur mit Unwillen eine Kampfespause ertragen, sollen wir erkennen, daß das Leben weitergehen wird, daß die grausame Gegenwart uns nicht so ergreifen darf, um uns die Zukunft vergessen zu lassen. Auf den Schultern der Zurückgebliebenen lasten doppelte Verpflichtungen. Sie erschöpfen sich nicht allein in einer aufopferungsvollen Liebestätigkeit Wer auf diesem Gebiete nicht in Anspruch genommen ist — und deren sind noch immer viele —, muß versuchen, sich m alter Ärbeit! Weise solchen Arbeiten zu widmen, die nicht gerade im Zentrum des alles beherrschenden Interesses liegen, darum aber nicht weniger notwendig und nützlich sind. Wir wollen, unseren innersten Gefühlen folgend, der Zeit ihr Opfer bringen. Doch die Natur hat es wohlweislich zur Erhaltung unser selbst und der Gesellschaft eingerichtet, daß wir aus den schwersten Erlebnissen und Leiden Trost finden in der Arbeit. Kehre darum jeder, der's kann, zu ihr zurück! Und jeder an seinen Platz! Wäre es nicht eine Schande, wenn die am Liebeswerke, geschweige denn an der Entscheidung persönlich Unbeteiligten kopfhängerisch die Hände in den Schoß legten, während die Blüte des Landes auf dem Felde der Ehre von heroischem Tatendrang durchpulst ist? Auch Friede wird es wieder werden, und wie wir hoffen und nach Äußerungen des Kaisers zu hoffen berechtigt sind, in nicht zu ferner Zeit. Dann treten neue Forderungen an uns heran und es heißt, gerüstet sein für alle Aufgaben, die unser in überreichem Maße harren. Dem rühmenswerten Beispiel verschiedener Volksbildungs- und anderer Vereine hat sich auf jüdischer Seite, soviel uns bekannt ist als erster, der Berliner „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" mit der Aufnahme seiner friedlichen Arbeit angeschlossen. Er hat mit einem Programm, das nur zum Teil, aber nicht gänzlich der Aktualität angepaßt ist, seine gewohnte Tätigkeit wieder begonnen. Und geht einsichtsvoll noch einen Schritt weiter, indem er die Verbandsvereine in der Provinz auffordert, desgleichen zu tun. Eine stille, deshalb nicht weniger fruchtbare Arbeit möge auch bei allen unseren Vereinen gleich welcher Richtung einsetzen. Verständnis für die Gegenwart, Takt für die Empfindungen der Mitmenschen werden von selbst jede laute Veranstaltung hintanhalten. Aber gegen Unternehmungen, die der Bildung und Vertiefung dienen, gegen Vorträge ernster, belehrender Natur wird kein Gutgesinnter, kein Vernünftiger etwas einzuwenden haben. Vielleicht und wahrscheinlich werden nicht allzu viele daran teilnehmen wollen und können, aber selbst den wenigen, die darnach verlangen, darf die geistige Nahrung nicht entzogen werden. Darum auf an die Arbeit! Rüstet euch weiter für die Zukunft! Auch das geschieht im Dienste des Vaterlandes.

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