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Das jüdische Echo · 1914-09-01 · 9 (Sept. 1914) · p. Seite 106

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
9 (Sept. 1914)
Date
1914-09-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 Das Jüdische Echo Nr. 9 Bad Kissingen. Die „Israelitische K i n - derheilstätte", deren Sitz in Nürnberg; ist, hat ihre Pfleglinge, 71 Nürnberger und Fürther Kinder, heim geschickt und die Anstalt als Spital der Militärbehörde überlassen. Zum Leiter des Lazaretts wurde der Anstaltsarzt, unser Gesinnungsgenosse Dr. Münz ernannt. Ein Operationssaal und 46 Betten stehen zur Verfügung. Der Vorstand bewilligte 2000 Mark als Zuschuß zu den Verpflegungskosten für die aufzunehmenden Verwundeten. Bug bei Gräfenberg. Das Israelitische Erholungsheim (Adolf und Julie Schwarz-Stiftung) wurde den Behörden zur Aufnahme von Verwundeten zur Verfügung gestellt. Bad Reichenhall. Nach einer privaten Mitteilung befanden sich Anfangs September noch ungefähr 30 jüdische Familien aus Österreich und Pußland, die vom Krieg überrascht worden waren, in Bad Reichenhall. Es waren meist Kranke, denen die jüdischen Kurärzte weitgehende Unterstützung angedeihen ließen, damit sie sich in ihre Heimat oder auf neutrales Gebiet begeben konnten. Das Badkommissariat macht jetzt die Vorarbeiten für die Heimbeförderung der restlichen Russen. Für die Mittellosen darunter, welche die Kosten der Heimreise (bis Petersburg) mit 140 Mark nicht bestreiten können, werden Gesuche an die K. Spanische Botschaft in Berlin um Gewährung der Reisemittel gerichtet. Fürth. Dem Infanteristen Fritz Lang aus Fürth wurde das Eiserne Kreuz verliehen. Seine Tat soll darin bestanden haben, daß er nach dem Fall seines Leutnants den Befehl des Zuges übernahm, mit dem er unter hitzigem Kampfe 300 Franzosen aufrieb. Sie ließen vier feindliche Geschütze und zwei Maschinengewehre in den Händen der kleinen Truppe zurück. Floß. Herr Lehrer Max Zeilberger, früher Georgensgemünd, wurde zum Lehrer an der jüdischen Volksschule bestellt. Würzburg. Unter dem Namen „Verein i s - raelit. Krankenschwestern Würzburg" bildete sich im Laufe des Winters 1913 in der Gemeinde ein Verein, dem zahlreiche Mitglieder beitraten. Dank eifriger Tätigkeit des Vereinsausschusses und außerordentlicher Hilfsbereitschaft der hiesigen jüdischen Einwohnerschaft, konnte hier schon am 1. April 1914 eine Station eröffnet werden. Diese besteht vorläufig aus 2 Schwestern und einer Oberschwester, die in einem sehr geschmackvoll ausgestatteten Heime Aufnahme fanden. Es konnte durch die große Opferwilligkeit der hiesigen, jüdischen Geschäftswelt vollständig aus freiwilligen Spenden eingerichtet werden. Das Publikum nimmt die Dienste der Schwestern sehr gerne bei allen vorkommenden Fällen in Anspruch, sodaß die vorläufig kleine Zahl der Krankenschwestern gar nicht allen an sie gestellten Anforderungen nachkommen kann. S. G. Königsberg. Unser Erinnerungsgenosse, Dr. med. Rosenbaum (K.J.V.) hat das eiserne Kreuz erhalten. Die Leser werden gebeten, die inserierenden Firmen bei Einkäufen in erster Linie zu berücksichtigen und dabei auf das „Jüdische Echo" Bezug zu nehmen. Feuilleton mk Jüdische Liebestätigkeit vor hundert Jahren Wie in unseren Tagen die jüdische Bevölkerung warmen und tatkräftigen Anteil an der allgemeinen Wohlfahrtsaktion nimmt, so finden sich zahlreiche Zeugnisse dafür, daß die Liebestatigkeit der Juden schon im Befreiungskriege des deutschen Volkes vor hundert Jahren, als gerade die gesellschaftliche Emanzipation begann, einsetzte. Schöne Beweise aufopfernder Arbeit sind in den Briefen Rahel Lewins an Varnhagen verstreut.1) Mit der ganzen überquellenden Kraft ihres leidenschaftlichen Herzens wirft Rahel selbst sich in die ungewohnte Tätigkeit. Helfen und dienen zu können, erschien ihr von je als reichstes Glück, das in höchstem Maße — ganz friderizianisch gedacht — den Herrschern gegeben sei. Da sie aus so vollen Händen wohlzutun vermag, fühlt sie sich endlich einmal selbst als „eine Fürstin". Ihre Briefe zeigen aber auch, wie gleichzeitig in den übrigen jüdischen Kreisen der Gedanke werktätigen Mitleids erwachte. Unter dem 20. April schreibt sie aus Berlin an den im Felde stehenden Varnhagen: „. . . Diesen Morgen muß ich noch nach Hemden laufen, die Markus2) giebt: ich muß es, weil ich mich keine Mühe, kein Klätern, keinen Weg, keine Anrede, und Rede mit gemeinen Leuten verdrießen lasse: weil ich denke, je schneller die Hülfe, desto mehr ist die Hülfe: weil ich weiß, was krank schmachten ist; und keine Wäsche anziehen können, eben so halte, als keine anzuziehen haben. Unser großes Lazareth war in einem schrecklichen Zustand!! wegen unordentlicher Einrichtung und Deprädation. Kaum erfuhr es aber die Stadt, so war ein General- Aufstand. Jeder schrie, lief, und gab. Ich schrieb Markus, dieser Böhm,3) Böhm dem Civilgouverneur, die schnellsten Einsammlungen kamen in drey Tagen zusammen; vom neuen Lazareth wurde alles hingeschickt; alle Aerzte sammelten, fuhren mit großen Geldbeuteln: Wäsche aller Art, Betten, wurden nach ihren Häusern geschikt, Essen, wo immer hundertundfünfundzwanzig Frauen kochen ließen; keine schlief, keine ruhte mehr; — mir hat's einen großen Theil Gesundheit gekostet; aber ich bin gesund, und kann sehr laufen. Gestern lief ich darum von der Dreyfaltigkeitskirche bis in die Landsberger Straße, heute wieder dahin. Ich schreibe dies mit Thränen in den Augen, und Entzüken über unsere Stadt. Den ersten Tag gaben Markus, meine beyden jüngsten Brüder und noch sechs Andere für hundert Thaler Wein, und noch dreißig Thaler, und Wäsche: die Juden, was sie nur besitzen: an die wandt' ich mein Geschrey zuerst. Die Herz4) ist unendlich thätig: ich sporne sie noch mehr .... Ach lieber, lieber Gott! Gäben doch die Kristen so wie die Juden! dann wäre hier wenigstens keine Noth." In Prag, wohin sich Rahel vor dem nahenden Kriege flüchtete, nimmt sie trotz ihrer schwankenden Gesundheit nicht geringen praktischen Anteil. Sie berichtet am 16. September 1813: l) Rahel Varnhagen. Ein Frauenleben in Briefen. Ausgewählt und mit einer Einleitung versehen von Dr. Augusta W e 1 d 1 e r- Steinberg. Verlag Gustav Kiepenheuer. Weimar. 1912. «) Raheis ältester Bruder. ») Rahels Hausarzt. «) Henriette.

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