Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 9 (Sept. 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Das Jüdische Echo Nr. 9 Abkehr von dem rohen Materialismus, in den die Assimilationsjuden mangels eines würdigen Lebensideals nur zu leicht versinken, und strenge Selbstkontrolle in Wort und Tat. Sie gründen Turnvereine, um die lang vernachlässigte körperliche Entwicklung des Nachwuchses zu fördern. Sie geben der Feier jüdischer geschichtlicher Feste und Gedenktage einen neuen Impuls. Sie machen sich in vielen Fällen auch äußerlich durch Abzeichen kenntlich. Dem Zionisten gilt es für schimpflich,,seine Nationalität zu verbergen. Er will als Jude anerkannt werden, und da er sich immer natürlich gibt, keine Nachahmungskomödie spielt, niemand über seine Abstammung und sein Wesen täuschen will, sich niemand unter falscher Flagge aufdrängt, so sind seine Beziehungen zu den christlichen Nachbarn und Landsleuten gesünder, wahrer, aufrichtiger und würdiger als die der Assimilationsjuden, die mühselige, erfolglose und jedem einigermaßen geschmackvollen Christen peinliche Anstrengungen machen, ihr Judentum zu verheimlichen. „4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen." Einige der ausschlaggebenden Regierungen sind durch Denkschriften über die Ziele des Zionismus authentisch unterrichtet worden. An hochwichtigen Aufmunterungen und verheißungsvollen Äußerungen der Sympathie mit den Bestrebungen des Zionismus hat es nicht gefehlt. Um für die Aufgaben, die dem Zionismus gestellt sind, finanziell gerüstet zu sein, hat der zweite Zionistenkongreß (1898) die Gründung eines national-jüdischen Bankinstituts, der „Jüdischen Kolonialbank" (Jewish Colonial Trust), mit dem Sitze in London beschlossen. Der Beschluß wurde im darauffolgenden Jahre (1899) ausgeführt. Die Bank ist gemacht. Ihr in Aussicht genommenes Aktienkapital beträgt zwei Millionen Pfund Sterling, auf die rund 260.000 Pfund Sterling tatsächlich eingezahlt ist. Ein anderes Finanwerkeug des Zionismus ist der vom fünften Kongreß (1901) geschaffene Nationalfonds, der durch freiwillige Beiträge aufgebracht werden und 200.000 Pfund betragen soll. Die Hälfte dieser Summe soll zum Ankauf von Grund und Boden in Palästina verwendet werden, die andere ein unantastbarer Gemeinbesitz des jüdischen Volkes bleiben, sich durch Zinseszinsen und Spenden stetig vermehren und in bedeutungsvollen Augenblicken seine Zinserträgnisse für große Volkszwecke darbieten. Der Nationalfonds beläuft sich bereits auf annähernd 4 Mill. Mark und seine Einnahmen sind in der letzten Zeit auf etwa 1h Mill. Mark jährlichgestiegen, von denen allerdings ansehnliche Verwaltungskosten abgehen. Mit besonderer Genugtuung dürfen die Zionisten auf eine dritte finanzielle Schöpfung ihrer Organisation, die fruchtbarste und segensreichste, blicken, die „Anglo-Palestine Company", eine Bank mit dem Hauptsitze in Jaffa und Zweiganstalten in Jerusalem und den wichtigsten Orten Palästinas, die den jüdischen Kolonien im heiligen Lande, der Ausfuhr ihrer Erzeugnisse, dem ganzen Handel nicht nur der Juden, sondern auch der nichtjüdischen Bevölkerung unschätzbare Dienste leistet, dem jüdischen Namen Ehre macht und das Ansehen der Juden bei den Eingebornen außerordentlich erhöht hat. Einige andere Kulturwerte in Palästina hat zwar der Zionismus nicht unmittelbar selbst ins Leben gerufen, aber doch tatkräftig unterstützt und durch seine Mitwirkung lebendig erhalten oder wesentlich gefördert. Dahin gehören die Jerusalemer Kunstgewerbeschule und -Anstalt Bezalel, die gegenwärtig etwa 500 jüdische Arbeiter beschäftigt und für 20.0000 Franken kunstgewerbliche Erzeugnisse, insbesondere Teppiche* Silberfiligran- und Schmelzarbeiten, an das Ausland verkauft, das hebräische Gymnasium in Jaffa („Beth Hasepher"), das Hunderten von Schülern einen durchaus europäischen Unterricht in hebräischer Sprache erteilt und sie nach der Reifeprüfung mit der Fähigkeit zur Universitätsimmatnkuiation entläßt, die Gesellschaft jüdischer Arzte und Naturwissenschaftler zur Besserung der Gesundheitsverhältnisse in Palästina usw. Zeitungs-Echo Die Neue Freie Presse erschien am 30. August zur fünfzigsten Wiederkehr ihres Gründungstages als Jubiläumsnummer. Darin ließ sie sich von allen erreichbaren Leuten ihre Bedeutung bescheinigen und zitierte sogar die Geister der Verstorbenen. Wohl im Irrtum befangen, daß Ruf und Ruhm von Mitarbeitern untrennbar seien von dem Blatte, in dem sie schrieben; daß die aus eigener Kraft stammende Wirkung von Mitarbeitern nur eine Erscheinungsform der Verdienste sei., in denen sich Herausgeber und Unternehmer so gerne sonnen möchten; daß die Zeitung dem Schriftsteller, nicht aber der Schriftsteller weit mehr der Zeitung diene; daß jener ohne diese überhaupt n i c h t s sei — wer liefert denn Papier, Druckerschwärze, Sold, wenn nicht Fabrikant und Verleger —; schickt die Neue Freie Presse Herrn Raoul Auernheimer vor, Erinnerungen an Theodor Herzl mitzuteilen, der von 1896 bis zu seinem Tode den Feuilletonteil redigierte. Auernheimer schildert den Menschen, den Poeten und doziert: Herzl war „in erster Reihe Feuilletonist", wenn er auch nebbich „mit unruhiger Genialität über den Bezirk des Feuilletons hinausstrebte". Darin wäre er nur einer von den romantischen Naturen unter den Schriftstellern gewesen. Die Gebiete, auf denen sich ein Sheridan, Stendhal, Byron bewegten, werden zwar genannt, wobei für Auernheimer feststeht, daß nur oder überwiegend ihr literarisches Schaffen der Erinnerung wert sei. Vielleicht, man kann's nicht wissen, tut er nur so, um einen Ubergang für die so vorbereitete Unterschlagung besseren Wissens zu machen? Daß Herzl Beziehungen zum Judentum hatte, geschweige denn zur epochalen Gestalt für die Judenheit wurde, bleibt nämlich verschwiegen. Über den letzten Zionistenkongreß in Wien mußte die Neue Freie Presse spaltenlange Berichte bringen — es gab ja keinen Aus- oder Umweg, ihn zu ignorieren —, daß aber einer aus ihrer Mitte, einer ihrer Chefredakteure, zum Schöpfer der Kongresse wurde, wird bei jeder Gelegenheit unterdrückt .... Wir glauben nicht, daß Auernheimer so beschränkt ist, um Herzl nur aus der Froschperspektive sehen zu können. Vielmehr muß er in freiwilliger Anpassung an die Verhältnisse oder in Zwangslage die Tradition des unsympathischesten aller Assimilantenblätter hochhalten, kein aufrichtiges, nützliches Wort zur Judenfrage zu bringen. (Die Neue Freie Presse sah immer im Gegenteil ihre Aufgabe.) Wäre Herzls Stellung als Schriftsteller im Publikum nicht so verankert gewesen, dann hätte man ihm wohl sein Bekenntnis