Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 9 (Sept. 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Das Jüdische Echo Nr. y gefühlsmäßig, oder sogar gedanklich seine innersten Ansichten zu offenbaren, hätte ich nicht gerade jetzt gesprochen, — es wäre mir kaum eingefallen, mit einigen Abweichungen etwas anderes zu sagen, als Mathias Acher. Eine solche Rechtfertigung hätte ich später einmal geschrieben, wenn es notwendig gewesen wäre, den gegebenenfalls konstatierten. Mangel an Patriotismus seitens russischer Juden und den ihnen daraus gemachten Vorwurf zu rechtfertigen. Ich hätte dann allerdings den russischen und österreichischen Staatsaufbau nicht als Faktum benutzt, um daraus den Anspruch der einzelnen Länder auf bedingten, beziehungsweise unbedingten Patriotismus der Bürger zu folgern, weil dieser staatorganische Grund für die Juden, die m. E. weder hier noch dort im Gegensatz zu anderen Nationen nationale Ansprüche wirklich werden durchsetzen können, hinfällig ist. Ich würde auch den fast naiven Vergleich zwischen jüdischem, polnischem und sozialdemokratischem „Separatismus" als Energiemehrer für eine rechtfertigende Argumentation nicht gewählt haben. Im übrigen aber hätte ich die Acher'schen Sätze, von denen ich die meisten, wenn auch in knapper Form, aussprach, unterschrieben. Das hätte ich aber erst später getan. Wenn es jetzt gesagt wurde, so kommt es eben darauf an, ob man der Meinung ist, zu jeder Zeit alles sagen zu müssen, was man letzten Endes wünscht und weiß, oder ob man glaubt, oftmals besser zu tun, wenn man nur ausspricht, was man augenblicklich für gut und nützlich hält. Ich sehe auch eine Energiepotenzierung in dem Zusammenschweißen „jüdisch-separaten" Wollens mit „jüdisch-deutschen" Wünschen. Ich meine auch, daß die russischen Juden jetzt etwas anderes zu tun haben, als über „ihre Staatsangehörigkeit" nachzudenken. Ich habe auch keine Geduld, „nachzusinnen", was die russischen Juden am besten jetzt tun sollten. Ich habe das alles, den mit Aufmerksamkeit ' meine Ausführungen Lesenden gesagt. — Ich habe gewarnt, die russisch-jüdische Sache jetzt mit der nur deutschen zu verquicken; ich habe sogar gemeint, die russischen Juden könnten entgegengesetzt unserer deutsche Sache sogar unsere Feinde werden und habe dafür vorsorglich eine kurze Rechtfertigung gegeben. Wo steht ein Wort, daß ich es verlangt habe? Dann: auch ich empfinde es als deutscher Staatsbürger gewissermaßen beleidigend, die russische Staatskultur mit deutscher zu vergleichen oder unter gleichen Gesichtspunkten zu behandeln. Ich habe gewiß kein Lob der russischen Regierung gezollt. Aber als Jude muß ich nachträglich und ergänzend sagen, daß trotz der „höchsten" Staatsideale Österreichs und Deutschlands die Judenfrage und ihre letzte Lösung in den drei Ländern — den allgemeinen Kulturstand zur vergleichenden Grundlage genommen — nur dem Grade nach eine andere ist, der Art nach aber wohl einen Vergleich zuläßt und Parallelen zeigt. — Dem „nachdrücklicheren Protest" gegen die angeblich von mir „statuierte Pflicht" eines übermenschlichen Patriotismus der russischen Juden (den ich, wie gesagt, niemals verlangte), möchte ich entgegenhalten, daß ich wohl der Meinung bin, daß die russischen Juden einen anderen Patriotismus als ihre Mitbürger, einen Mehrpatriotismus haben und oft bewiesen. Die Geschichte der Juden läßt die Ansicht, die russischen Juden würden ^nch jetzt dem Rufe des Zaren folgen, wohl vertreten. Daß schließlich die Juden eine „dickere Haut" haben sollen, verlange ich am wenigsten, daß sie sie aber haben mußten und ott brauchen, glEite ^ehr prinzipielle Erwiderung schießlich auf die stets wiederkehrende Zurückweisung unserer westlichen und daher falschen Anschauungs- und Urteilsweise. Ich gebe unumwunden zu, daß Erziehung und Umgebung unsere Anschauungs- und Urteilsweise (sogar in der Form) beeinflussen. Aber wollen wir das russischjüdische Problem verstehen und semer Losung näher treten, so werden wir das immer nur mit unserem Verstände können. Das wird sich nicht ändern, solange wir Westjuden und die anderen Ostjuden sind. .. Dr. Schonemann. Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Soziale Hilfe ist jetzt die Pflicht aller derjenigen, die nicht mit der Waffe in der Hand dem Vaterlande dienen können. In allen Schichten der Bevölkerung hat man sich zusammengeschlossen, um durch gemeinsame Hilfe die allgemeine Not zu lindern. Zahllose Familien sind durch den Krieg in ihrer wirtschaftlichen Existenz vernichtet oder doch schwer betroffen worden. Viele Tausende von Flüchtlingen weilen in Deutschland und wissen nicht, wie sie ihr Leben fristen sollen. Besonders groß ist die Zahl der Juden, die während des Krieges in furchtbare Not geraten sind. Unsere Organisationen haben sofort bei Beginn des Krieges Hilfsaktionen eingeleitet und Aufrufe zur Linderung der Not erlassen. Der Jüdische Nationalfond hat, wie bereits mitgeteilt, eine planmäßige Aktion für die Sammlung von Spenden für verwundete Krieger und für durch den Krieg in Not geratene Familien eingeleitet. Auch die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat es unternommen, sich insbesondere der notleidenden Juden anzunehmen, die fern von ihrer Heimat und ihrer Familie in Deutschland vom Krieg überrascht worden sind. Zu diesem Zweck ist eine Sammlung eingeleitet worden, deren bisherige Ergebnisse bereits viele Familien vor der größten Notlage bewahrt haben. Mit beiden Aktionen stehen wir jedoch erst im Beginn unserer Arbeit. Das Elend wird immer größer. Unsere Anstrengungen müssen verdoppelt werden, um den Anforderungen, die man an uns stellt, gerecht werden zu können. Um die Sammeltätigkeit noch planmäßiger und wirksamer zu gestalten, haben wir beschlossen, beide Aktionen zu vereinigen. Für die Sammlung größerer Spenden haben wir außer der Hilfsmarke Quittungsbücher herausgegeben, die den Vertrauensleuten und Sammlern in beliebiger Anzahl zur Verfügung stehen. Spenden sind an Herrn Max Wollsteiner, Charlottenburg, Roscherstraße 5, Postschekkonto Berlin 3847, zu senden. Hilfsaktion des Jüdischen Nationalfonds für die Verwundeten und Notleidenden durch Verkauf von Hilfsmarken In der Reihe der Hilfsaktionen, die für das Wohl unserer im Felde stehenden Krieger und den zurückbleibenden notleidenden Familien unternommen werden, tritt eine neue eigenartige Aktion auf den Plan.