Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 9 (Sept. 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Das Jüdische Echo y9 russischen Patriotismus aller seiner Bürger zugestanden werde. Rußland ist kein nationaler Einheits-, sondern ein Völkerstaat, der als solcher berufen wäre, die Idee der nationalen Gleichberechtigung in immer vollkommenerem Maße zu verwirklichen. Da er dies nicht tut, vielmehr ganz im Gegenteil den Völkermassenmord zu seinem wirkenden Prinzip erhob, hat er sich selbst um seine Vaterlandsqualität für die von ihm gepeinigten Völker gebracht. Und nur mechanisches Analogisieren Nichtunterrichteter kann diesen Opfern als „menschlich begreifliche" Sünde gegen den Patriotismus anrechnen, was gerade lauterster und unverirrtester nationaler Patriotismus ist. Wahrlich, nie hätte ein geknechtetes Volk seine Ketten zerrissen, wenn es stets gleich bereit gewesen wäre, sich von seinen Henkern vorschreiben zu lassen, was und wie sein Vaterland sein soll. Sobald es sich um die nationale Existenz handelt, hört alle Gemütlichkeit feudaler Treue auf. Das hat unter Andern auch das deutsche Volk mehr als einmal bewiesen. Was nun aber speziell die „russischen" Juden betrifft, so liegen die Dinge doch nicht so einfach, wie sie dem unbekümmerten Blick erscheinen mögen. Es ist ja wahr, daß den „russischen" Juden eine große und rühmenswerte Heimatssehnsucht eigen ist. Aber damit ist noch nicht gesagt, daß diese geliebte Heimat für sie eine „russische" ist oder sein muß. Zunächst wohnen die „russischen" Juden nur zum allergeringsten Teile im eigentlichen Rußland, sonst aber in den Nachbarländern des Moskowiterreiches, und zwar hauptsächlich unter Polen und Kleinrussen. Diese Völker aber haben sich ihre eigenen territorialnationalen Staatsgedanken gewahrt und machen daher — vorzüglich das gutorganisierte und mit Resten der Selbstbestimmung ausgestattete polnische Volk — kein Hehl daraus, daß sie jeden auf ihrem Boden wohnenden Juden, der sich als treuen „Russen" fühlt, als Verräter betrachten. Und sie haben —^ abgesehen von erwarteten Machtsteigerungen — noch immer genug Macht, um sie ihn fühlen zu lassen. Dazu kommt noch, daß die bewußte Stellungnahme vieler „russischer" Juden zu dieser Frage verschieden ist: Die einen wollen sich als russische, die andern als polnische Bürger betrachtet wissen. Wie will man also einer so komplizierten Situation — die der deutschländischen diametral entgegengesetzt ist, aber sich auch von der österreichischen durch das System der Gewaltherrschaft Eines Volkes von Grund aus unterscheidet — mit einem an deutschländischenVerhältnissen orientierten Machtwort beikommen? Im Übrigen haben die großen Massen des jüdischen Volkes in Rußland jetzt Besseres zu tun, als ihrer Staatszugehörigkeit nachzusinnen. Und ihr Heimatsgefühl, soweit es über die Grenzen des Naturhaften herausgeht, ist weder russisch, noch polnisch, sondern einfach jüdisch. Sie sind eben ein Volk wie jedes andere in den Randgebieten des zarischen Unglücksstaates und haben vor allem an sich zu denken. Und ich protestiere noch nachdrücklicher als gegen die absolute Vaterlandsqualität des russischen Reiches gegen den Versuch, für dieses jüdische Volk sogar eine Art übermenschlichen, besser unmenschlichen Patriotismus als Pflicht zu statuieren. Bei allen Volksgruppen Europas soll es wenigstens „menschlich begreiflich" sein, wenn sie einem Landesvater, wie es der Zar ist, nicht folgen, bei den Juden aber auch nicht einmal das. Ja warum denn.'' Haben die Juden eine andere, eine dickere Haut als die anderen Menschen und Völker? Haben sie weniger Ehrgefühl im Leibe, weniger brennendes Verlangen abzurechnen, weniger ewiges Recht auf Miterringen eines wirklichen Vaterlandes, neuer staatsrechtlicher Gestaltungen, in denen sie den Genius ihres Lebens frei sollen leben können? Sollen sie denn wirklich bloß die andern die Arbeit tun lassen, dann aber die Früchte mitverlangen? Ist das sittlich? Und, — will man auch den Verstand sprechen lassen —, wie wird der Freiheitsanteil aussehen, den man den feigen Ausreißern hinwerfen wird? „Der jüdischen Sache dürfte es kaum Früchte tragen .... Sie begreifen mich." Nein ich begreife nicht, ich wenigstens nicht. Ich begreife bloß, daß man sich ganz überflüssiger Weise den Kopf der „russischen" Juden zerbricht. Ob sie Revolution machen sollen oder nicht, können wir hier ohnehin nicht bestimmen. Und was sie sich über den Zarismus denken, das wissen die russischen Regierenden, auch wenn sie sichs nicht aus unseren Blättern und — aus dem Aufruf der deutschen und österreichischen Armeeleitung deducieren. Ihr böses Gewissen sagt es ihnen ohnehin. Repressalien? Wahrlich, die Herren tun ohnehin was sie können .... Und anderseits hat z. B. die haßerfüllte Sprache der jiddischen Blätter in Nordamerika sehr gesunde Erfolge gegen Rußland gezeitigt, gesündere, als das vorsichtige Gewinsel, das den Grundzug unserer europäischen Judenpolitik bildet .... Nein, ich begreife nicht! Ich begreife bloß, daß man das Ostjudenvolk, seine Art, seine Aufgabe, sein Wirkensgebiet wieder einmal nicht begreift, daß man wieder einmal die schreckliche Nivellierwalze, diesmal an dem stärksten und jüdischsten Teil des jüdischen Volkes anlegen will. Und deshalb spreche ich ja auch, wiewohl ich doch nur zu gut weiß, wie wenig man mit Worten dort ausrichtet, wo Erziehung und Umgebung einen ungeeigneten Boden für ihre Aufnahme und Beherzigung geschaffen haben. Mein Trost ist die Überzeugung, daß die „russischen" Juden ihren jüdischen und menschlichen Weg ausschließlich ja doch s o gehen werden, wie sie, und nicht wie jene — anderen wollen, die sich — ich hoffe: in etwas starker Übertreibung — als ihre „unversöhnlichen Feinde" bezeichnen. Herr Dr. J. Schönemann schreibt uns im Anschluß an obige Ausführungen folgende Zeilen, die die Diskussion über die nicht unwichtige Frage, welche Stellung die Juden bei den internationalen Konflikten einzunehmen hätten, vorläufig schließen mögen. Mathias Acher hat mir eine Widerlegung leicht gemacht, wenn man will, erspart, indem er seine als Entgegnung auf meinen Artikel „Auch ein Aufruf an die Deutschen Juden" gedachten Ausführungen gegensätzlich mit „Kein Aufruf an die Deutschen Juden" überschrieb. Damit ist jede Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und mir überbrückt. Zudem haben seine Ausführungen nur im unwesentlichen von mir berührte Punkte gestreift, von ihnen aus aber eine Linie angenommen, die sich ganz von der von mir gezogenen entfernt. Hätte ich keinen „Aufruf an die Deutschen Juden" schreiben wollen, hätte ich nicht aus jüdisch-politischen und nur aus diesen Gründen der Formel eines „heiligen Krieges gegen Rußland" entgegentreten wollen, hätte ich nicht unter kurzen Hinweisen auf einige historische und volkspsychologische Eigentümlichkeiten der Juden warnen wollen, im jetzigen Augenblick