Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 9 (Sept. 1914)
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Das Jüdische Echo Nr. 9 Zeichnet die Kriegsanleihen! Wir stehen allein gegen eine Welt in Waffen. Vom neutralen Ausland ist nennenswerte finanzielle Hilfe nicht zu erwarten, auch für die Geldbeschaffung sind wir auf die eigene Kraft angewiesen. Diese Kraft ist vorhanden und wird sich betätigen, wie draußen vor dem Feinde, so in den Grenzen des deutschen Vaterlandes jetzt, wo es gilt, ihm die Mittel zu schaffen, deren es für den Kampf um seine Existenz und seine Weltgeltung bedarf. Die Siege, die unser herrliches Heer schon jetzt in West und Ost errungen, berechtigen zu der Hoffnung, daß auch diesmal wie einst nach 1870/71 die Kosten und Lasten auf diejenigen fallen werden, die des Deutschen Reiches Frieden gestört haben. Vorerst aber müssen wir uns selbst helfen. Großes steht auf dem Spiele- Noch erwartet der Feind von unserer vermeintlichen finanziellen Schwäche sein Heil. Der Erfolg der Anleihe muß diese Hoffnung zerstören. Deutsche Kapitalisten! Zeigt, dass Ihr vom gleichen Geiste beseelt seid wie unsere Helden, die in der Schlacht ihr Herzblut verspritzen! Deutsche Sparer! Zeigt, daß Ihr nicht nur für Euch, sondern auch für das Vaterland gespart habt! Deutsche Korporationen, Anstalten, Sparkassen, Institute, Gesellschaften, die Ihr unter dem mächtigen Schutze des Reiches erblüht und gewachsen seid! Erstattet dem Reiche Euern Dank in dieser schicksalsschweren Stunde! Deutsche Banken und Bankiers! Zeigt, was Eure glänzende Organisation, Euer Einfluß auf die Kundschaft zu leisten vermag! Nicht einmal ein Opfer ist es, was von Euch verlangt wird! Man bietet Euch zu billigem Kurse Wertpapiere von hervorragender Sicherheit mit ausgezeichneter Verzinsung! Sage Keiner, daß ihm die flüssigen Mittel fehlen! Durch die Kriegsdarlehnskassen ist im weitesten Umfang dafür gesorgt, daß die nötigen Gelder flüßig gemacht werden können. Eine vorübergehende kleine Zinseinbuße bei der Flüssigmacheng muß heute jeder vaterländisch gesinnte Deutsche ohne Zaudern auf sich nehmen. Die deutschen Sparkassen werden den Einlegern gegenüber, die Ihre Sparguthaben für diesen Zweck verwenden wollen, nach Möglichkeit in weitherziger Weise auf die Einhaltung der Kündigungsfristen verzichten. Näheres über die Anleihen ergibt die Bekanntmachung unseres Reichsbank-Direktoriums, die heute an anderer Stelle dieses Blattes erscheint. Kein Äufruf an die deutschen Juden Von Mathias Acher, Berlin-Halensee. Herrn Dr. J. Schönemanns Artikel in der vorigen Nummer hat zum Teil Zustimmung, zum Teil Widerspruch gefunden. Von den Gegnern seiner Ansichten sei Herrn Dr. Nathan Birnbaum das Wort erteilt: Was ich hier niederschreibe, ist kein Aufruf an die deutschen Juden. Nicht daß ich mich hierzu nicht legitimiert erachtete, weil ich mich nicht zu den deutschen Juden zähle. Nicht auch daß ich keinen Stoff hätte, mit dem ich mich an die deutschen Juden wenden könnte. Im Gegenteil: Mein Herz ist zum Springen voll von den Eindrücken, die ich, seit mehreren Jahren in Deutschland lebend, ganz besonders in dieser jetzigen schweren Zeit empfing. Aber ich glaube, es ist jetzt nicht die Zeit dazu, damit auszupacken. Ich will darum den deutschen Juden nicht vorhalten, was ihnen Herr Dr. Schöne mann un der vorigen Nummer des „Jüdischen Echo ) vorhielt: Die „breiten, auffälligen Register und die „geschmacklosen aufdringlichen Sermons . Ich will dies umsoweniger tun, als ich jetzt wirklich nicht die Geduld habe, mich mit diesen verhältnismäßig noch harmlosen Peinlichkeiten zu beschäftigen. Ich will mich aber auch hier nicht länger über die Meinung aussprechen, wonach es dem deutschen Juden nicht gezieme, seinem Kriegsgrimm auch ein besonders jüdisches Ingredienz, den heiligen Zorn gegen die Urheber und Helden der Pogroms beizumischen. Ich kann höchstens konstatieren, daß den führenden Kreisen des deutschen Volkes derartige Separatabmachungen (wie z. B. auch bei den Polen und Sozialdemokraten) nur willkommen sind, weil sie die allgemeine Kampfenergie vermehren. Ich weiß ferner aus eigener Erfahrung, d. h. von der innigen Vaterlandsliebe her, die ich für Österreich hege — und aus tausendfältiger Beobachtung anderer, daß solcher „Separatismus" die patriotischen Gefühle nicht im Geringsten stört. Und vielleicht darf ich schließlich bemerken, daß mir die Über- Selbstentäußerung, wie sie zumal unter offenem Hinweis auf die in der Zeiten Hintergrunde lauernde antisemitische Tücke empfohlen wird, aus derselben psychischen Quelle wie die Uber- Selbstempfehlung der „Register" und „Sermons" zu fließen scheint. Im übrigen kann mich gerade der Wink mit dem antisemitischen Zaunpfahl am allerwenigsten zur Diskussion verlocken. Wer sich so wie ich seit mehr als dreißig Jahren von diesem Argument freigemacht hat, dem liegt die ganze entsprechende Denkweise so ferne, daß er selbst als Gegner nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Nun hat sich aber Herr Dr. Schönemann gar nicht innerhalb der Grenzen der deutschen Judenheit gehalten, sondern seine Anschauungs¬ und Urteilsweise auch auf die „russischen" Juden,!d. h. auf den größten Zweig der großen ostjüdischen Kultureinheit angewendet. Er hat das sicherlich ganz unwillkürlich, in der naiven Vorstellung getan, daß die die „russischen" Juden bestimmenden innerjüdischen und Umgebungsverhältnisse im Großen und Ganzen dieselben sind, wie er sie von seinen deutschen Juden her gewohnt ist. Und dies kann ich, der ich den ostjüdischen Dingen und Menschen ein Leben gewidmet habe, und außerdem durch mein Österreichertum in jenes Verhältnis von Staat und Volk, von Staats- und Volksgefühl hineingeboren bin, das auf die rußländischen (und österreichischen) Ostjuden einzig und allein anwendbar ist, doch nicht mehr so gleichgültig hinnehmen. Ich empfinde es vor allem fast als Beleidigung des von mir bewunderten, so überaus staatstüchtigen deutschen Volkes und meines am höchsten Staatsideale arbeitenden geliebten Österreichs, wenn man mit gleichem Maßstabe wie sie einen Staat mißt, der nichts ist, als ein unorganischer, mit Greueln und Niederträchtigkeiten angefüllter Länderwust. Und es werden mir vielleicht ungezählte Scharen von Originalrussen, sicherlich aber achtzig Millionen rußländischer Deutscher, Ukrainer, Polen, Weißrussen, Finnen, Armenier, Tataren, Juden usw. Recht geben, wenn ich mit allem Nachdruck dagegen protestiere, daß dem russischen Reich ein absoluter Anspruch auf einen