Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 8 (August 1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Das Jüdische Echo Nr. 8 überall im deutschen Lande, so folgten auch in Nürnberg die jungen Juden begeistert des Kaisers Ruf. Wer nicht zur Gestellung verpflichtet war (und die meisten waren es), meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Von den Aktiven des jüdischen Turnvereins steht der größte Teil bereits im Felde, teils bei der deutschen, teils bei der österreichischen Bruderarmee, der Rest harrt fast ausnahmslos seiner Einberufung! Der jüdische Jugendverein fordert gemeinsam mit der Chewras Bachurim zur eifrigen Teilnahme an der Landesverteidigung und zur Erntearbeit auf. Unsere jüdischen Mitbürger sind ganz hervorragend an der Kriegsfürsorge für die Angehörigen der im Felde Stehenden finanziell und durch persönliches Zugreifen beteiligt, ebenso auch an der Verteilung der Liebesgaben für die durchreisenden Truppen! Kurz jeder ist sich des Ernstes der Läge bewußt, jedermann zeigt durch volle Hingabe an die große Sache, daß des Kaisers und des Kanzlers Wort von dem einigen Volk von Brüdern zündend in alle Herzen schlug! Daß die jüdische Arbeit nunmehr ruhen muß, bis die Friedensglocken läuten, ist selbstverständlich. Trotzdem wird der jüdische Turnverein tunlichst seine Tätigkeit nicht unterbrechen, da, wie in seinem Rundschreiben gesagt wurde, heute das Turnen eine ganz besonders vaterländische Sache ist, weil es Körper und Geist stählt zum Kampfe gegen den Feind. Auch die zionistische Ortsgruppe wird ihre Stammtischabende möglichst einhalten, um Gelegenheit zu geben, dem Nationalfond Mittel für die Kriegsfürsorge zuzuführen, und die aktuellen Ereignisse zu besprechen. Ein Gedanke erfüllt heute alle jüdischen Seelen: den Feinden Deutschlands, die wie ein Rudel Wölfe über uns herfielen, Tod und Verderben! Wenn der Beweis erst hätte erbracht werden müssen, daß jeder deutsche Jude seinem Vaterland treu ergeben ist, die Wochen seit dem Kriegsanbruch würden es glänzend erwiesen haben. P. 0. München. In der hiesigen Synagoge fand am 5. August ein außerordentlich stark besuchter Bittgottesdienst für den Ausgang des Krieges statt. Nach dem einleitenden Choral führte Rabbiner Dr. Werner in seiner Predigt aus, daß es die erste Pflicht der deutschen Judenheit sei, alles einzusetzen für die Ehre ihres deutschen Vaterlandes, uneingedenk der schwersten Opfer an Gut und Blut; daß es gelte, gegen Rußland — den schändlichsten Unterdrücker der Juden — und seine Verbündeten zu Felde zu ziehen. Mit einem Segen für die jüdischen Krieger, für die vereinigten Völker Deutschlands und Österreichs und ihre Herrscher und der Bitte um Sieg in dem uns aufgedrungenen Kampfe beendete er seine eindrucksvolle Rede. Die erhebende Feier schloß mit der Absingung der Königshyrnne. B. N. München. Auch in der Synagoge „Ohel Jacob" in der Herzog Rudolfstrasse fand am gleichen Tage ein Bittgottesdienst statt. Nach einer ergreifenden Rede des Herrn Rabbiner W. Ehrentreu und nach Vortrag eines von demselben der Feier entsprechend verfaßten hebr. Gebetes für König. Kaiser und Heer rezitierte Kantor R o 11 e r eine Anzahl Psalmen. — Für den 20. August war im Anschluß an „Jörn Kipur Koton" allgemeines Fasten angesetzt; auch bei dieser Gelegenheit war der Besuch der Synagoge sehr zahlreich. München. Die Israelitische Kultusgemeinde hat dem Aufruf des roten Kreuzes als erste von allen Folge geleistet und sich mit einer Spende von 3000 Mark beteiligt. Straubing. Der Einjährige-Unteroffizier Heinrich Lippmann, Sohn des in weiteren judischen Kreisen bekannten Bankiers Salomon Lippmann in Straubing, war das erste Kriegsopfer innerhalb der bayerischen Judenheit; am 12. August fand der junge Mann, der sich bei seinen Vorgesetzten der größten Beliebtheit erfreute, den Heldentod für das Vaterland. Passau. Die hiesige Kultusgemeinde spendete zu allgemeinen Unterstützungszwecken 200 Mark. Fürth. Der Ehrenbürger der Stadt Fürth, Geh. Rat Alfred Nathan in Reichenhall, hat seiner Vaterstadt Fürth, welcher er bereits viele große Wohltaten erwiesen hat, neuerdings 100 000 Mark zur Verfügung gestellt, und zwar 60 000 Mark für die Aufstellung, Einrichtung und den Betrieb der Kriegslazarette, 40 000 Mark für die Unterstützung von Fürther Familien bezw. von Witwen und Waisen. Literarisches Echo Kurt Aram: Der Zar und seine Juden. Verlag Karl Curtius, Berlin. 8°. 192 S. M. 3.—. Der bekannte Publizist Kurt Aram, früher evangelischer Pfarrer, sagt in dem Vorwort zu seinem Buche: „Die Behandlung des (jüdischen) Problems litt nach unserer Ansicht unter jüdischer Voreingenommenheit oder nichtjüdischer Gleichgültigkeit." So ging er aus, die russische Judenfrage aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Aber seine monatelange Studienreise hatte zum Ergebnis die Einsicht, daß die jüdischen Berichte keineswegs übertrieben hätten. Hören wir, was er z. B. von den Juden Warschaus sagt: „Nach den armenischen Massakres habe ich monatelang in Kleinasien unter armenischen Flüchtlingen gelebt. . . Das war herzzerreißend. Kurz nach der Einnahme Adrianopels durch die Bulgaren befand ich mich in dieser ausgehungerten Stadt. . . Ich hatte nie gräßlicheres Elend gesehen. Aber das jüdische Elend in Warschau ist doch noch gräßlicher als alles andere, was ich sah. . . Das Elend der armenischen Flüchtlinge konnte man doch ein wenig lindern. Dem Elend jener türkischen Gefangenen bei Adrianopel würde gar bald der Tod ein Ende machen. Aber dem Elend in Warschau setzt weder Tod noch Zeit eine Schranke. Für ganze Generationen von Menschen wird es aller Voraussicht nach unabänderlich, unabwendbar dasselbe sein und bleiben." Kurt Aram erzählt den einigermassen Eingeweihten gar nichts Neues. Sein Buch ist nur durch die Art der Berichterstattung fesselnd, als Kompendium ach so schnell vergessener Details wertvoll und bedarf der Verbreitung unter den Juden und Christen, die da glauben, das Judenelend von drüben ginge sie nichts an, da ihnen die eigenen Angelegenheiten näher lägen. Nein, ihr Kurzsichtigen, ihr irrt euch. Mehrmals betont das, was die Zionisten schon seit bald zwanzig Jahren sagen, der unbefangene christliche Beobachter: „Rußland und die Juden sind ein Problem, das sich immer mehr zu einem W e 11 p r o b 1 e m auswächst." Und im Hinblick auf die in Variationen oftmals wiederkehrende Wendung gedankenloser und