Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 7 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 80 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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w Das Jüdische Echo Nr. 7 ausgeführt, das Ziel erreicht, das bis zu jenem Tage Mögliche getan. Und dann legt er sich zum Sterben — „wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod," sagt Dschaläleddin Rumi, und Herzls Haus war gebaut, es standen die Mauern und auf ihnen lastete das Dach. Er war nicht geboren, es auszubauen; Kleineren als er stand diese Aufgabe zu, die ebenso nötig ist als die seine, aber nicht auf der Bühne geschehen kann, allen sichtbar und beladen mit symbolischer Bedeutung. Er, ein Zarter wie mancher als „kraftstrotzend" verkannte Held, hatte sich abgetrotzt was nötig war zu leisten; und sein krankes Herz, ermüdet und geleert, beendete dieses Leben eines Führers und großen Menschen. Wir wissen seine Schwächen; es wäre töricht sie zu sagen, heute, wo sein Bild sich verklärt, und es hieße den ewigen Träger der Idee verwechseln mit dem zufälligen und fehlerhaften Menschen, der geboren ward im Golus und vor zehn Jahren starb. Wir wollen ihn auch nicht überschwenglich vergöttern; aber heute, wo auch Gegner seiner Sache ihn selber ehrlich schätzen, und selbst diejenigen sich heuchlerisch vor ihm bücken, die ihn zu Lebzeiten bespieen und die sein Werk und Erbe blind den Gewalten der Öffentlichkeit als gefährlich und unterdrückenswert verdächtigen, wollen wir ruhig sagen, daß er ein Mann und ein Vornehmer war, und einer, auf den man das aristotelische Wort über Piaton anwenden darf: „Auch ihn zu loben sollte den Schlechten nicht erlaubt sein." Aus Herzls Selbstbiographie Die Redaktion des „Jewish Chronicle" veranlaßte HerzI, für sie einen kurzen Lebensabriß zu schreiben, der im September 1898 erschien. Wir geben daraus den Teil wieder, der seine zionistische Zeit betrifft. Während der letzten zwei Monate meines Aufenthaltes in Paris (1895) schrieb ich das Buch „Der Judenstaat". Ich erinnere mich nicht, je etwas in so erhabener Gemütsstimmung wie dieses Buch geschrieben zu haben. Heine sagt, daß er die Schwingen eines Adlers über seinem Haupte rauschen hörte, als er gewisse Verse niederschrieb. Ich glaubte auch an so etwas wie ein Rauschen über meinem Haupte, als ich dieses Buch schrieb. Ich arbeitete an ihm täglich, bis ich ganz erschöpft war; meine einzige Erholung am Abend bestand darin, daß ich W-^nerscher Musik zuhörte, besonders dem Tannhäuser, einer Oper, welche ich so oft hörte, als sie gegeben wurde. Nur an den Abenden, wo keine Oper aufgeführt wurde, fühlte ich Zweifel an der Richtigkeit meiner Oedanken. Zuerst hatte ich den Gedanken gehabt, diese meine kleine Schrift über die Lösung: der Judenfrage nur privatim unter meinen Freunden umlaufen zu lassen. Die Veröffentlichung dieser Ansichten habe ich erst später ins Auge gefaßt; ich hatte nicht die Absicht, eine persönliche Agitation für die jüdische Sache zu beginnen. Die meisten Leser werden erstaunt sein, wenn sie von diesem früheren Widerstreben hören. Ich betrachtete die ganze Sache nur als eine solche, in der man handeln, nicht aber disputieren müsse. Öffentliche Agitation sollte nur mein letztes Auskunftsmittel werden, wenn man meinen privat gegebenen Rat nicht anhörte oder nicht befolgte. Als ich mein Buch beendigt hatte, bat ich einen meiner ältesten und besten Freunde, das Manuskript zu lesen. Während er es las, schrie er plötzlich auf. Ich fand diese Erregung ganz natürlich, da er ein Jude war; ich hatte ja auch manchmal beim Schreiben laut aufgeschrien. Aber zu meiner Enttäuschung gab er einen ganz anderen Grund an. Er dachte, ich wäre irrsinnig geworden, und da er mein Freund war, machte ihn mein Unglück sehr traurig. Er lief weg, ohne ein anderes Wort zu sagen. Nach einer schlaflosen Nacht kam er zurück und drang in mich, die Sache zu lassen, da mich jeder für irre halten würde. Er war so erregt, daß ich ihm alles versprach, um ihn zu beruhigen. Dann riet er mir, Max Nordau um Rat zu fragen, ob mein Plan die Eingebung einer vernünftigen Person sei. „Ich werde niemand fragen," war meine Antwort; „wenn meine Gedanken einen solchen Eindruck auf einen gebildeten und treuen Freund machen, werde ich den Plan aufgeben." Ich hatte dann eine sehr ernste Krisis durchzumachen; ich kann sie nur damit vergleichen, wenn man einen rotglühenden Körper in kaltes Wasser wirft. Freilich, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wird er Stahl. Mein Freund, von dem ich oben gesprochen habe, hatte meine Rechnungen für Telegramm- Ausgaben zusammenzuzählen. Als er mir die Rechnung gab, die aus ern^r sehr großen Reihe von Posten bestand, sah ich auf den ersten Blick, daß er ungenau zusammengezählt hatte. Ich richtete seine Aufmerksamkeit darauf, und er zählte noch einmal zusammen; aber erst beim dritten oder vierten Male stimmten seine Summen mit den meinigen. Dieser kleine Vorfall gab mir mein Selbstvertrauen zurück. Ich war doch imstande, genauer zusammenzuzählen als er: meine Vernunft mußte mich also nicht gänzlich verlassen haben. An jenem Tage begannen meine Beunruhigungen betreffs des Judenstaates. Während der zwei und mehr folgenden Jahre habe ich viele, viele traurige Tage erlebt, und ich fürchte, daß noch mehr traurige Tage folgen werden. 1895 begann ich ein Tasrebuch zu führen; jetzt sind schon vier starke Bände angefüllt. Sollte ich sie je veröffentlichen, so würde die Welt erstaunt sein, zu erfahren, was ich einzustecken gehabt habe, wer die Feinde meines Planes waren und andererseits, wer mir beistand. Aber eines betrachtete ich als gewiß und über allem Zweifel erhaben: die Bewegung wird anhalten. Ich weiß nicht, wann ich sterben werde, aber der Zionismus wird nie sterben. Herzl und Kaiser Wilhelm II* Von Adolf Friedemann Diese Textprobe aus Friedemanns Herzl-Biographie diene zur brlauterung des Bildes, das den Deutschen Kaiser im Gespräch mit Herzl zeigt. Im Oktober 1898 tritt Wilhelm II. seine Palästinafahrt an, gelegentlich derer er zunächst den Sultan Abdul Hamid in Konstantinopel besucht. In diesem Besuche eines der mächtigsten Fürsten des christlichen Europa bei dem Beherrscher der